Medizin

Hypertonie: Folsäure beugt in klinischer Studie Schlaganfällen vor

Montag, 16. März 2015

Peking – Der Zusatz von Folsäure zur antihypertensiven Therapie hat in einer Studie in China, wo es wie in Deutschland keine Folsäure-Anreicherung gibt, die Rate von Schlaganfällen signifikant gesenkt. Die größte Wirkung wurde laut der Publikation im Amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2015; doi: 10.1001/jama.2015.2274) bei Menschen mit ernährungsbedingtem Folsäuremangel oder einer genetischen Synthesestörung erzielt.

Ein Folsäuremangel wird seit längerem als kardiovaskulärer Risikofaktor diskutiert. Die Ergebnisse von Beobachtungsstudien und einigen randomisierten klinischen Studien waren jedoch nicht überzeugend. Die meisten Untersuchungen wurden jedoch in Län­dern mit einer guten Folsäureversorgung oder einer Folsäure-Anreicherung von Mehl (zur Prävention von Neuralrohrdefekten von Neugeborenen) durchgeführt. Diese Voraussetzungen treffen auf China nicht zu, wo der Folsäuremangel verbreitet ist und der Schlaganfall zu den häufigsten Todesursachen gehört.

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Ein Team um Fan Fan Hou von der Medizinischen Universität des Südens in Guangzhou (Kanton) haben mit Geldern des Herstellers Ausa Pharmed aus Shenzhen bei Hongkong eine klinische Studie organisiert, an der 20.702 Patienten mit arterieller Hypertonie teilnahmen (Blutdruck 140/90 mmHg oder höher, Alter über 45 Jahre), deren MTHFR-Genotyp bekannt war. MTHFR oder Methyltetrahydrofolatreduktase ist ein wichtiges Enzym im Folsäurestoffwechsel und eine Punktmutation an Position 677 kann die Enzymaktivität um 50 Prozent herabsetzen. Sie gilt als wichtige Ursache für einen „angeborenen“ Folsäuremangel.

Alle Teilnehmer erhielten zur Behandlung der Hypertonie Tabletten mit Enalapril (10 mg) die bei der Hälfte der Teilnehmer zusätzlich 0,8 mg Folsäure enthielten. Die Studie war doppelblind und wurde nach den geltenden Standards für Medikamentenstudien durch­geführt. Nach einer Laufzeit von 4,5 Jahren wurde sie vorzeitig abgebrochen, nachdem in einer Zwischenanalyse ein eindeutiger Vorteil der Folsäurebehandlung nachgewiesen wurde.

Der primäre Endpunkt aus Herzinfarkt, Schlaganfall oder Todesfall war im Enalapril-Folsäure-Arm bei 282 Teilnehmern (2,7 Prozent) aufgetreten gegenüber 355 Ereignissen (3,4 Prozent) im Enalapril-Arm. Hou errechnet eine Hazard Ratio von 0,79, die mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,68 bis 0,93 statistisch signifikant war. Noch deut­licher war der Vorteil bei den Teilnehmern mit den niedrigsten Folsäure-Konzentrationen im Blut von unter 5,6 ng/ml.

Hier kam es unter der Folsäuresubstitution bei 2,8 Prozent der Teilnehmer zu einem Schlaganfall gegenüber 4,6 Prozent in der Kontrollgruppe mit alleiniger Enalapril-Behandlung. Die Hazard Ratio betrug hier 0,61 (0,45-0,82). Auch für den MTHFR C677T-Genotyp ließ sich ein Einfluss nachweisen, vor allem wenn dieser mit einem Folsäuremangel kombiniert war.

Die präventive Wirkung war in erster Linie auf einen Rückgang der ischämischen Schlaganfälle zurückzuführen. Bei den hämorrhagischen Schlaganfällen gab es keine signifikanten Unterschiede und ein Einfluss auf die Herzinfarktrate und die Gesamt­sterblichkeit konnte nicht nachgewiesen werden. 

Da die Ergebnisse sehr stark von den Ausgangswerten der Folsäurekonzentration abhängig war, können die Ergebnisse nicht ohne weiteres auf andere Länder übertragen werden. In den USA und Kanada ist die Bevölkerung aufgrund der Folsäure-Anreicherung ausreichend versorgt. Nur bei Personen mit dem TT-Genotyp an Position 677 könnten nach Einschätzung des Editorialisten Meir Stampfer vom Brigham and Women’s Hospital in Boston einen Nutzen haben.

Ein bevölkerungsweites Screening auf diesen Genotyp hält der Kardiologe allerdings für unwahrscheinlich. In Deutschland, wo es keine Folsäure-Anreicherung gibt, könnte die Situation anders aussehen. Es bleibt aber abzuwarten, ob sich die Fachverbände aufgrund einer Studie aus China zu einer Empfehlung veranlasst sehen. Der einfachere Weg dürfte die Einführung der Folsäure-Anreicherung sein, die seit Jahren diskutiert wird, aber bislang nicht umgesetzt wurde.

© rme/aerzteblatt.de

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