Politik

Hirndoping am Arbeitsplatz nimmt zu

Dienstag, 17. März 2015

Berlin – In Stresssituationen greifen mehr und mehr Beschäftigte zu Aufputschmitteln. Bis zu fünf Millionen haben schon einmal verschreibungspflichtige Medikamente zur Stimu­lierung genommen, ohne krank zu sein, so eine Schätzung der Krankenkasse DAK-Ge­sundheit. Sie versuchen so, ihr geistiges Leistungsvermögen zu stimulieren, um länger durchzuhalten, sie betreiben Hirndoping.

Eine Million – oder ein bis zwei Prozent der Beschäftigten – tun dies inzwischen regel­mäßig. Das scheint zunächst nicht viel. Allerdings lässt die Entwicklung in den USA, wo sich je nach Studie bis zu 35 Prozent der Beschäftigten dopen, nachdenklich stimmen. Dies könnte auch zu einer Gefahr für Deutschland werden.

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Falls es gelingen sollte, Medikamente mit leistungssteigender Wirkung zu entwickeln, die weniger Nebenwirkungen und Gesundheitsrisiken aufweisen, könnte sich der Konsum deutlich erhöhen. Das könnte dann ein lukrativer Markt werden.

Doping war bis in die 1970er Jahre gesellschaftlich mehr akzeptiert. Daher gibt es heute auch eine relativ große Akzeptanz bei verschreibungspflichtigen Medikamenten. Auch ist die Hemmschwelle nicht so hoch wie bei illegalen Drogen. Denn der Arzt muss ja schließlich wissen, was er verschreibt.

Neben Ärzten, die solche stimulierenden Arzneimittemittel verschreiben, sind Kollegen, Freunde, Familie und vor allem auch der Versandhandel weitere Bezugsquellen. Der Handel über das Internet - und der nimmt zu - ist aber sehr riskant, da viele Fälschungen unterwegs sind.

Patientenwünsche bei Prüfungsangst würden schon mal erfüllt, sagt Hans-Dieter Nolting, der die DAK-Studie betreute. Studenten seien im übrigen die wichtigste Gruppe unter den Konsumenten von verschreibungspflichtigen stimulierenden Arzneimitteln. Allerdings dürfte bei ihnen die Grenze zwischen Stress beim Lernen und Spaß bei der Party fließend sein, meint Nolting.

Die Wirkung des Hirndopings wird laut DAK über- die Nebenwirkung unterschätzt. Herzrhythmusstörungen, Schwindel, Kopfschmerzen, Nervosität und Schlafstörungen sind noch die harmloseren Folgen. Es kann auch zu Abhängigkeit und Persönlich­keitsveränderungen kommen.

Wirkung und Nebenwirkung stehen langfristig in keiner Relation zum Nutzen - im Gegenteil, je häufiger man sich so stimuliert, umso wahrscheinlicher endet das im Burn-out, macht Nolting deutlich. Und er nennt auch gleich die Berufsgruppen die zugänglich für Doping sind: Chirurgen, Piloten im privaten wie im militärischen Bereich. In den USA werde man als Militärpilot geradezu verpflichtet zu dopen, um den Kampfjet länger fliegen zu können.

Doch es seien keineswegs hoch qualifizierte Berufsgruppen, die besonders viel mit Medikamenten dopen, meint DAK-Chef Herbert Rebscher. Die Quote der Beschäftigten, die Medikamente zur Leistungssteigerung oder Stimmungsverbesserung genommen haben, steige vielmehr mit abnehmender Qualifizierung. „Doping am Arbeitsplatz ist mittlerweile beim Otto Normalverbraucher angekommen”, sagt Rebscher. Verschreibungspflichtige Medikamente als kleine Helfer der kleinen Leute. © dpa/aerzteblatt.de

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kairoprax
am Mittwoch, 18. März 2015, 07:35

"Hirn-Doping" - ein falscher Begriff


Beinahe klingt das wie Werbung! Dabei ist es weder Doping im Sinn von Lance-Armstrong und Co., noch "dope" im ursprünglich englischen Sinn, was am ehesten mit "Birne zudröhnen" ins Deutsche übersetzt werden kann.
Erschreckend ist, wie viel mehr derzeit - keineswegs von Hirnarbeitern - Zigaretten und Kaffee ins Spiel kommen, um sich wach zu halten.
Inzwischen greifen Schichtarbeiter oder LKW-Fahrer jnseits des 50. Lebensjahrs bereits zu Speed, wie man es sonst den Disco-Besuchern zuschreibt.
Und ebenso bedenklich ist, daß dieselben Personen nach Dienstschluß einen Absacker brauchen, meist nicht nur eine Flasche Bier.
Vorsicht daher vor Wortschönmalerei.
Es ist nicht einmal Sucht, sondern ein Ausdruck vonverzweifelter oder fatalistischer Anpassung an eine schräge Entwicklung am Arbeitsplatz.

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