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Plötzlicher Kindstod bei hoher Impfquote seltener

Freitag, 27. März 2015

Langen – Der plötzliche Kindstod (SIDS) ereignet sich meistens im ersten Lebensjahr, in das auch viele Impftermine fallen. Bei einem zeitlichen Zusammentreffen wird häufig ein Impfschaden vermutet, doch eine Auswertung in BMC Pediatrics (2015; doi: 10.1186/s12887-015-0318-7) lässt eher das Gegenteil vermuten.

Die Zahl der plötzlichen Kindstodesfälle (Sudden Infant Death Syndrome, SIDS) ist in Deutschland rückläufig. Im Jahr 2013 registrierte das Statistische Bundesamt 152 Fälle, davon 132 im Zeitraum zwischen 28 Tagen und einem Jahr nach der Geburt. In diesen Zeitraum fallen die Impfungen gegen Keuchhusten, Diphtherie, Tetanus, Polio oder Haemophilus influenzae.

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Allein aus Gründen des Zufalls kommt es gelegentlich zu SIDS-Fällen, die in zeitlichem Zusammenhang mit einer Impfung stehen. Dies löst dann häufig eine Meldung an das Paul-Ehrlich-Institut aus, das in Deutschland für die Sicherheit von Impfstoffen zuständig ist. Nach den jetzt im Bulletin zur Arzneimittelsicherheit (2015; 1: 12-20) veröffentlichten Zahlen gab es im Jahr 2013 vier SIDS-Meldungen zu Säuglingen im Alter von neun Wochen bis sechs Monaten, die nach einer Sechsfach-, Pneumokokkenkonjugat- oder Rotavirusimpfung gestorben waren.

Bei zwei weiteren Kindern im Alter von vier Monaten (zwei Tage nach Impfung) und 22 Monaten (28 Tage nach Impfung) kam es nach Fünf­fachimpfung (DTaP-IPV/Hib) beziehungsweise Sechsfachimpfung plus Pneumokokken­konjugatimpfung zum unerwarteten Todesfall, ohne dass die Diagnose eines SIDS (per Ausschluss) durch Autopsie gesichert wurde. Nach Auskunft der Autoren gibt es „keine wissenschaftliche Evidenz für einen Zusammenhang zwischen Kinderimpfstoffen und SIDS oder plötzlichen und unerwarteten Todesfällen bei Säuglingen“.

Auch eine jetzt von Jacqueline Müller-Nordhorn von der Berlin School of Public Health durchgeführte epidemiologische Untersuchung findet keine Argumente für einen Zusammenhang. Die Forscherin hat die Impfquote der Dreifachimpfung gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten (DTP) in den USA mit der dortigen Inzidenz von SIDS-Fällen in Beziehung gesetzt. Berichte über mögliche neurologische Komplikationen auf den Keuchhusten-Impfstoff hatten in den 70er und 80er Jahren zu einem Rückgang der Impfquoten geführt.

Wenn die Impfungen eine Ursache des SIDS wären, hätte es in dieser Zeit auch zu einem Rückgang des SIDS kommen müssen. Laut Müller-Nordhorn war das Gegenteil der Fall. Die Sterblichkeitsrate durch Kindstod stieg zwischen 1968 und 1971 um 27 Prozent und zwischen 1971 und 1974 um 47 Prozent. Erst später, als die Impfquote wieder zunahm, kam es zu einem Rückgang in der SIDS-Inzidenz.

Die Berliner Forscherin errechnet eine relative Inzidenzrate (IRR) von 0,92 für jeden Anstieg der DTP-Impfrate um 10 Prozent. Bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,87 bis 0,97 war die Assoziation signifikant. Eine Kausalität kann eine epidemiologische Studie jedoch nicht belegen, da sich während der gleichen Zeit andere Faktoren verändert haben, die die SIDS-Rate beeinflussen können. Als präventiv gelten beispielsweise die Rückenlage der Säuglinge und ein Verzicht auf das Rauchen.

© rme/aerzteblatt.de

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am Sonntag, 29. März 2015, 18:07

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Warum wurde die Studie mit Daten aus den USA und nicht mit deutschen oder europäischen Daten durchgeführt?
Warum wurde ein so langer Zeitraum gewählt (von 1975-2009)? Allein dies bedingt möglicherweise Ungenauigkeiten, aus Gründen der Erfassung und Meldegenauigkeit.
Wie ist die zentrale Erfassung solcher Daten in Deutschland? Seit wann sind deutsche Daten diesbezüglich verwertbar?
Warum wurde nur DTP ausgewertet? Das potentielle Risiko anderer Impfungen kann damit nicht realistisch abgebildet werden.
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