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"In erster Linie geht es darum, die betroffe­nen Angehörigen aufzufangen"

Freitag, 27. März 2015

Berlin – Der Absturz des Germanwings-Flugzeugs in Frankreich hat national und international große Betroffenheit ausgelöst. Der Airbus A320 war am Dienstag auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen zerschellt. Alle 150 Menschen an Bord starben. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Co-Pilot Andreas L. die Maschine absichtlich zum Absturz brachte. Für die Betreuung der Angehörigen und Freunde der Absturzopfer am Flughafen, aber auch danach, stehen im Rahmen der psychosozialen Notfallversorgung Psychologische Psychotherapeuten und Seelsorger zur Verfügung.

Fünf Fragen an Johannes Klüsener, Psycholo­gischer Psychotherapeut und Referent bei der Psychotherapeutenkammer Nordrhein-Westfalen (NRW) in Düsseldorf und dort zuständig für die psychosoziale Notfallversorgung bei Großschadensereignissen.

DÄ: Was kann psychologische Notfallversorgung in einer solchen Situation leisten?
Klüsener: In erster Linie geht es darum, die betroffe­nen Angehörigen aufzufangen, sie in einem ersten Schritt wieder zu verankern. Die meisten verlieren ja den Bezug zum ganz praktischen Handeln: Was soll ich jetzt eigentlich tun? Wie soll ich mit dieser schrecklichen Nachricht umgehen? Wir versorgen die Menschen zunächst mit Getränken, schauen, ob sie etwas zu essen haben wollen. Wir fragen, wie sie nach Hause kommen, ob sie möglicherweise abgeholt werden können. Wir versuchen den Kontakt zu den Betroffenen zu halten und einen nächsten Gesprächstermin zu vereinbaren. Man überlegt beispielsweise auch gemein­sam, was zu tun ist, wenn sie in der darauf folgenden Nacht Hilfe brauchen. Am Anfang ist die Betreuung sehr praxisnah.

DÄ: Wie sind Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichen­psychotherapeuten konkret in die psychosoziale Notfallversorgung  der Angehörigen der Opfer des Flugzeugabsturzes eingebunden?
Klüsener: Es gibt einen Erlass vom Gesundheitsministerium Nordrhein-Westfalen, der besagt, dass die Psychotherapeutenkammer NRW eine Liste von Kolleginnen und Kollegen bereitstellen soll, die bei Großschadensereignissen den Leitstellen für die psychosoziale Notfallversorgung  zur Verfügung stehen. Die Gesundheitsbehörden können sich im Fall der Fälle bei uns melden – das geschieht auch zu Übungszwecken turnusmäßig. Zurzeit stehen 14 Kollegen auf dieser Liste.

Der Flughafen Düsseldorf hatte nach dem Absturz am Mittwoch die Seelsorge, also die evangelische und die katholische Kirche, beauftragt, die psychosoziale Notfallversorgung zu organisieren. Die Seelsorge hat dann die leitende Notfallpsychologin der Stadt Düsseldorf mit ihrem Team, das sind drei Kollegen, beauftragt, zum Flughafen zu kommen.

Das Team ist auch jetzt täglich unterwegs, um Gespräche zu führen und Nachrichten zu überbringen. Sie haben beispielsweise auch die Polizei begleitet zu Wohnungen von Opfern, die noch nicht zugeordnet werden konnten, zu denen sich noch niemand gemeldet hat. Die Polizei muss dann Wohnungen aufbrechen, um Hinweise zu bekommen. In Haltern am See speziell ist das Psychotherapeutennetzwerk Reckling­hausen e.V. an dem Gymnasium aktiv, das viele Schüler und zwei Lehrer verloren hat.

Der Bedarf an Unterstützung durch Psychotherapeuten wird aber erst in nächster Zeit noch steigen. Im Moment stehen die Betroffenen sehr im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Wenn die Aufmerksamkeit aber in ein bis zwei Wochen nachlässt, werden die Betroffenen den Verlust beziehungsweise das, was da eigentlich passiert ist, erstmals wirklich realisieren. Dann wird der Bedarf an Unterstützung einsetzen.

DÄ: Die Angehörigen hatten ja die Möglichkeit, zum Absturzort nach Frankreich gefahren zu werden. Warum kann das wichtig sein?
Klüsener: Das kann helfen zu verstehen, was da passiert ist. Die erste Nachricht vom Tod des Angehörigen am Flughafen bleibt ja erst einmal ein wenig abstrakt – so schreck­lich das ist. Das Geschehene erfahrbar zu machen, so nah wie möglich zu kommen, kann helfen, den Verlust besser zu verarbeiten. Es kann ein sinnvoller Schritt sein, um das Geschehene auch später besser bewältigen zu können. Auch die Gemeinschaft mit anderen, die Anteilnahme zeigen, ein Kondolenzbuch oder auch Blumen oder Kuschel­tiere an einem symbolischen Ort, all das kann zur Verarbeitung beitragen.

DÄ: Kann es den Betroffenen helfen, die sterblichen Überreste der Absturzopfer zu sehen?
Klüsener: Es wird sich in Einzelfällen zur Identifizierung  vielleicht nicht vermeiden lassen. Aber an dieser Stelle sollte man tendenziell vorsichtig sein, um keine weitere Traumatisierung herbeizuführen. Hier ist sicher eher Zurückhaltung angebracht. Das ist anders als in einem normalen Sterbeprozess, wo von einem zurechtgemachten Leichnam Abschied genommen werden kann.

DÄ: Es wird zurzeit viel über eine mögliche psychische Erkrankung des Co-Piloten spekuliert, der den Absturz verursacht hat. Können Sie dazu etwas sagen?
Klüsener: Ich war sehr überrascht, wie schnell die These für einen Selbstmord ins Spiel gebracht wurde. Man kann es noch gar nicht definitiv wissen. Es tauchte unter anderem die These vom erweiterten Suizid auf. Das ist es definitiv nicht, denn das geschieht eher im Nahbereich, wenn Familien mit in den Tod genommen werden. Dies hier erinnert eher an einen Amoklauf. Ich würde auch eher von einer Persönlichkeitsstörung ausgehen als von einer Depression. Aber wie gesagt: All das ist zurzeit noch sehr spekulativ. Für die Betroffenen ist der von einem Menschen bewusst ausgelöste Absturz sicherlich noch schwerer zu begreifen und zu verarbeiten als die Vorstellung eines technischen Defektes.

Die Fragen stellte Petra Bühring © pb/aerzteblatt.de

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