Politik

Experte: Durch 200 Klinikschließungen ließen sich eine halbe Milliarde Euro sparen

Freitag, 10. April 2015

Köln – Mehr als 200 defizitäre Krankenhäuser in Deutschland könnten geschlossen werden, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden. So könnten die Klinikträger und die Bundesländer jährlich mehr als eine halbe Milliarde Euro Verlustausgleich und Investitionsmittel einsparen. Zu diesem Ergebnis kommt Boris Augurzky, Leiter des Kompetenzbereichs Gesundheit beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschafts­forschung (RWI) in Essen, in einer Überschlagsrechnung, die dem Deutschen Ärzteblatt vorliegt. 

Augurzky geht in seiner Projektion vom Krankenhaus-Rating-Report aus, den das RWI jährlich erstellt. Danach sind 14 Prozent der deutschen Krankenhäuser wegen hoher Verluste stark insolvenzgefährdet, unter den kommunalen Häusern sogar 28 Prozent. „Ohne Gegenmaßnahmen scheidet jedes achte Krankenhaus bis 2020 aus der Versorgung aus“, stellt Augurzky fest. Der Experte räumt ein, dass ähnliche Prognosen aus der Vergangenheit nie eingetreten sind. Denn die Strategie der Träger zielt immer auf den Erhalt der Klinik.

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Entweder haben sich Träger, vorwiegend Kommunen, entschlossen, dauerhaft Verluste auszugleichen. Oder die Kliniken wurden vom bisherigen Eigentümer oder einem zumeist privaten Käufer saniert – durch Kostensenkung und Spezialisierung oder das Erschlie­ßen neuer Behandlungsfelder. Beides setzt voraus, dass der Eigentümer des Kranken­hauses finanzstark ist. Bei zehn Prozent der akut insolvenzgefährdeten kommunalen Kliniken sei das nicht der Fall, berichtet Augurzky.

Der Wirtschaftswissenschaftler hält deshalb die Schließung der Häuser, die nicht für die Versorgung erforderlich sind, für die bessere und überdies billigere Lösung. Dazu macht er folgende Rechnung auf: Um alle akut insolvenzgefährdeten Krankenhäuser (150 öffentliche, 80 freigemeinnützige und 10 private) zu erhalten, seien ein jährlicher Verlustausgleich von 675 Millionen Euro und 865 Millionen Euro Investitionen erforderlich, zusammen mithin 1,5 Milliarden Euro Belastung der Träger und der für Inves­­­titionen verantwortlichen Länder.

RWI: Von 240 insolvenzgefährdeten Krankenhäuern müssen nur 30 erhalten bleiben
Nach den vom RWI angelegten Kriterien für eine flächendeckende Versorgung (höchstens 30 Minuten Fahrtzeit zum nächsten Haus der Grundversorgung, 60 Minuten bis zum Maximalversorger und eine Notfallversorgung innerhalb von 12 Minuten) müssten von 240 insolvenzgefährdeten Krankenhäuern nur 30 erhalten bleiben. Für sie sowie für 30 weitere sei ein Sicherstellungszuschlag von durchschnittlich drei Millionen Euro aufzubringen (insgesamt 180 Millionen Euro).

Außerdem sei mit 36 Millionen Euro Kosten jährlich für 30 zusätzliche Rettungshub­schrauber zu rechnen, um die Notfallversorgung sicherzustellen. Diesen zusätzlichen Kosten ständen der RWI-Rechnung zufolge aber 790 Millionen Euro jährliche Einsparungen gegenüber. Der Großteil entfällt auf den dann nicht mehr nötigen Ausgleich von Verlusten (600 Millionen Euro). Außerdem würden ansonsten nötige Investitionen wegfallen. Dabei sind Investitionen in den Kliniken, die aufgrund der Schließungen zusätzliche Patienten aufnehmen müssen, gegengerechnet.

Ordnungspolitischer Rahmen notwendig
Beim Gesundheitskongress des Westens in Köln wurde Augurzky kürzlich vorgehalten, auch ein wirtschaftlich erfolgreiches Krankenhaus müsse noch lange keine gute moderne Medizin bieten. Dem stimmt der RWI-Experte zu. Er befürwortet einen ord­nungs­politischen Rahmen für die Krankenhausplanung, der Mindestanforderungen an die Erreichbarkeit und die Qualität der Versorgung setzt. Dabei könne durchaus auch ein wirtschaftlich gesundes Krankenhaus durchfallen. © Stü/aerzteblatt.de

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