Medizin

Hohes Alter und Behandlungsverzicht: Eine niederländische Follow-back Studie

Mittwoch, 22. April 2015

Amsterdam – Niederländische Ärzte verzichten bei einem substanziellen Anteil älterer Patienten am Lebensende auf Therapien, und zwar häufiger als bei jüngeren Patienten. Sie träfen diese Entscheidungen wahrscheinlich nicht aus Altersdiskriminierung, sondern aus Sorge um die Lebensqualität ihrer Patienten und um aussichtslose Behandlungen zu vermeiden.

Das berichtet eine holländische Arbeitsgruppe um Erstautorin Sandra Pereira vom EMGO Institute for Health and Care Research am Medizinischen Zentrum der Universität Amsterdam, in ihrer Studie, die soeben online first im Journal of Medical Ethics erschienen ist (doi 10.1136/medethics-2014-102367).

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Die Forscher untersuchten eine Stichprobe aus dem Niederländischen Todesregister. Bei allen zwischen August und November 2010 registrierten Todesfällen schrieben die Forscher den Arzt an, der den Tod bescheinigt hatte, und baten ihn, einen Fragebogen über Entscheidungen zur Behandlung am Lebensende auszufüllen. 6.600 Fälle konnten untersucht werden. Pereira teilte die Patienten in drei Altersgruppen ein: 17 bis 64 Jahre, 65 bis 79 Jahre und über 80 Jahre. Anhand logistischer Regressionsanalysen konnten die Wissenschaftler altersabhängige Unterschiede feststellen und von anderen Patientencharakteristika unterscheiden.

Auf Behandlung verzichteten die holländischen Ärzte bei 37 Prozent der Gesamt­population. Dabei kam dies mit zunehmendem Alter signifikant häufiger vor: bei 42 Prozent der Über-80jährigen, bei 36 Prozent der 65-79jährigen und bei 25 Prozent der 17 bis 64jährigen. Am häufigsten betraf das Absetzen oder Vorenthalten von Behandlung künstliche Ernährung und Flüssigkeitsgabe, gefolgt von Medikation und Antibiose. Bei Patienten zwischen 65-79 Jahren verzichteten die Ärzte beispielsweise doppelt so häufig auf künstliche Ernährung oder Flüssigkeitsgabe wie bei Patienten unter 64 Jahren (Odds Ratio 2.04). Medikamente setzten die Behandler bei Über-80jährigen deutlich häufiger ab als bei den Unter-64jährigen (OR 2.51).

Der häufigste Grund für die Entscheidung war: „keine Aussicht auf Verbesserung“ oder „Sinnlosigkeit einer verlängerten Therapie“. Die Wahrscheinlichkeit, wegen „Verlust von Würde“ oder „entsprechend dem Patientenwunsch“ auf Behandlung zu verzichten war am höchsten bei den Ältesten (OR 2.32 respektive 1.97). In 56 Prozent der Fälle diskutierten die Ärzte das Vorgehen nicht mit den Patienten, allerdings waren in diesen Fällen die Patienten auch ganz überwiegend (93 Prozent) nicht in der Lage, ein solches Gespräch zu verstehen. Im Nachhinein beurteilten 35 Prozent der Ärzte ihre Entscheidung nicht als lebensverkürzend, 27 Prozent schätzten, ihre Entscheidung habe das Leben der Patienten um bis zu eine Woche verkürzt.

Die Autoren interpretieren das Verhalten der Ärzte, die am Lebensende belastende Therapien einzig zur Lebensverlängerung vermeiden, als Zeichen einer höheren Akzeptanz, dass diese Patienten dem Tod nahe sind. © hil/aerzteblatt.de

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Widerstand
am Donnerstag, 23. April 2015, 13:43

Behandlungsverzicht...

Diese Ärzte haben meine Hochachtung, denn sie zeigen Rückgrat. In Deutschland muss man mit einer Verfügung für das Selbstbestimmungsrecht kämpfen und selbst dann versuchen die "Ärzte" einen zu überrumpeln.
Rechtzeitig mit dem Patienten sprechen, mit den Angehörigen sprechen und vor allem die Patientenverfügung respektieren.
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