Medizin

Genom-Editing: Forscher aus China manipulieren menschliche Embryonen

Freitag, 24. April 2015

Guangzhou – Chinesische Forscher sind mit dem Versuch gescheitert, den Gendefekt einer Beta-Thalassämie in menschlichen Embryonen mit einem umstrittenen „Gen-Editor“ zu reparieren. Stammzellforscher bewerten die in Protein & Cell (2015; doi 10.1007/s13238-015-0153-5) veröffentlichten Ergebnisse als Beleg dafür, dass die Methode noch nicht ausgereift ist und deshalb vorerst nicht angewendet werden sollte.

Die Entdeckung des CRISPR/Cas9-Systems hat die Arbeit von Genforschern deutlich erleichtert. Was früher Monate in Anspruch nahm und die Geduld der Forscher durch viele Fehlversuche herausforderte, gelingt mit der neuen Methode oft auf Anhieb. Der Komplex aus einer „Such“-RNA und einer Enzym-„Schere“ ist in der Lage, jedes beliebige Gen zu finden und punktgenau zu durchtrennen. Auf diese Weise können Forscher gezielt Gene ausschalten und durch andere ersetzen.

Anzeige

Der Einsatz an somatischen Zellen wird von den meisten Experten begrüßt, doch die Gefahr, dass CRISPR-Cas9 an menschlichen Keimzellen eingesetzt wird, hat Besorgnis ausgelöst. Zum einen gibt es grundsätzliche ethnische Bedenken, ob solche Eingriffe überhaupt zu rechtfertigen sind, zum anderen muss damit gerechnet werden, dass sich „technische Fehler“ auf die nachfolgenden Generationen vererben.

In den letzten Wochen wurde in Expertenkreisen gemunkelt, chinesische Forscher hätten den Tabu-Bruch begangen und Manipulationen an menschlichen Embryonen vorgenommen. Jetzt stellt ein Team um Junjiu Huang von der Sun Yat-sen Universität Guangzhou, dem früheren Kanton, seine Ergebnisse vor. Sie bestätigen die Befürchtungen der Stammzellforscher. Huang hat versucht, den genetischen Defekt einer Beta-Thalassämie an menschlichen Embryonen zu reparieren. Die Embryonen stammten aus einer Fertilitätsklinik und waren niemals zur Implantation vorgesehen, versichert der Genforscher. Seine Ergebnisse zeigen, dass dies auch aus rein „technischer“ Sicht keinen Sinn gemacht hätte.

Die Forscher haben den CRISPR/Cas9-Komplex zusammen mit einer korrekten Version des Beta-Globin-Gens (dessen Defekt die Ursache der Beta-Thalassämie ist) in befruchtete Eizellen injiziert. Doch die Hoffnung, dass dadurch der Gendefekt repariert wird, erfüllte sich nur selten. Der CRISPR/Cas9-Komplex hatte nur bei 28 von 54 später untersuchten Embryonen das Gen an der gewünschten Stelle durchtrennt und nur in vier Fällen wurde auch das korrekte Gen eingebaut. Selbst dies gelang nicht vollständig und das Ergebnis war ein genetisches Mosaik: Einige Zellen des Embryos wiesen das korrigierte Gen auf, bei anderen lag weiterhin die Mutation vor. Damit entfällt später die Möglichkeit in einer Präimplantationsdiagnostik zu prüfen, ob die Gen-Reparatur gelungen ist. Da hier ein hundertprozentiges Ergebnis erwartet wird, ist die Technik auch aus Sicht von Huang derzeit nicht ausgereift.

Diesen Standpunkt vertrat auch die International Society for Stem Cell Research (ISSCR). In einer Stellungnahme wiederholte der ISSCR-Präsident Rudolf Jaenisch, ein Pionier der Molekulargenetik, die Forderung nach einem Moratorium, dem sich kürzlich auch andere Forscher angeschlossen hatten. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Medizin

Nachrichten zum Thema

22.07.16
CRISPR: Chinesische Forscher wollen Lungenkrebs mit „Gen-Schere“ behandeln
London – Beim erstmaligen Einsatz der „Gen-Schere“ CRISPR beim Menschen zeichnet sich ein Wettlauf zwischen amerikanischen und chinesischen Wissenschaftlern ab. Wie Nature (2016;......
14.07.16
Spinocerebelläre Ataxie: Therapie mit microRNAs im Mausmodel erfolgreich
Chicago/Tokio – Mit einem kurzen Stück RNA ist es gelungen, einen Teil des mutierten Gens CACNA1A in Mäusen stillzulegen, das eine Bewegungsstörung, die sogenannte spinocerebelläre Ataxie Typ 6 (SCA6)......
13.07.16
Oxford – Neisseria gonorrhoeae, der Erreger der Gonorrhö, ist ein reisefreudiges Bakterium, wie eine Untersuchung aus dem englischen Seebad Brighton in Lancet Infectious Diseases (2016;......
27.06.16
Vor der Zulassung: Suizidale T-Zellen verhindern Graft-Versus-Host-Reak­tion
London – Die europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat sich für die Zulassung einer Gentherapie ausgesprochen, die T-Zellen vor einer haploidentischen Stammzelltherapie im Labor mit einem Suizid-Gen......
23.06.16
Berlin – Der Deutsche Ethikrat hat sich gestern auf seiner Jahrestagung mit den ethischen Fragen neuer Methoden der Gen-Chirurgie befasst, zu der vor allem die „Crispr-Cas9-Technik“ gehört. Einige......
22.06.16
USA: Erster Einsatz der „Gen-Schere“ CRISPR bei Krebs geplant
Philadelphia - US-Forscher wollen die „Gen-Schere“ CRISPR zur Behandlung des malignen Melanoms einsetzen. Geplant sind drei Änderungen am Genom von T-Zellen, die die Immunabwehr des Körpers gegen den......
21.06.16
Standardisierte Genomanalyse hilft, Tierversuche zu vermeiden
Berlin – Einen standardisierten Ansatz für die systematische Analyse umfangreicher Genomdaten haben Wissenschaftler der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Bundesinstituts für Risikobewertung......

Fachgebiet

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige