Vermischtes

Ritalin-Verbrauch in Deutschland geht zurück

Montag, 27. April 2015

Bonn – Der Verbrauch des ADHS-Mittels Methylphenidat ist das zweite Jahr in Folge in Deutschland leicht zurückgegangen. Mit 1.716 Kilogramm wurden im vergangenen Jahr rund fünf Prozent des Ritalin-Wirkstoffs weniger angewendet als 2013, wie das Bundes­institut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) am Montag in Bonn mitteilte. Nachdem sich der Verbrauch in Deutschland zwischen 2002 und 2012 verdreifacht hatte, ging er bereits 2013 um knapp zwei Prozent zurück. Weltweit hatten die Vereinten Nationen noch vor einem Monat deutlich gestiegene Zahlen vermeldet. 

Anzeige

Methylphenidat ist zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ADHS zugelassen. 2009 waren die Anwendungsbedingungen aufgrund der stark gestiegenen Verordnungszahlen in Deutschland eingeschränkt worden. So dürfen die Mittel zum Beispiel Kindern und Jugendlichen nur noch unter Aufsicht von Spezialisten für Verhaltensstörungen verabreicht werden. Gegen ADHS können unter anderem auch Verhaltenstherapien helfen.

Das BfArM begrüßte den Rückgang. Der Umgang mit dem Wirkstoff brauche weiterhin ein besonderes Augenmaß, um Patienten vor unkritischer Überversorgung zu schützen, mahnte BfArM-Präsident Karl Broich laut Mitteilung. Patienten, bei denen nicht medikamentöse Maßnahmen keine ausreichenden Erfolge zeigten, müssten aber weiterhin Zugang zu dieser Behandlungsoption haben.

Auch Erwachsene können ADHS haben. Die Zulassung von Methylphenidat für die Behandlung Erwachsener im April 2011 hat sich nach Angaben des Bundesinstituts aber kaum auf den Verbrauch ausgewirkt.

Nach Angaben des UN-Suchtstoffkontrollrates (INCB) ist der Gebrauch der Substanz weltweit zwischen 2012 und 2013 um 66 Prozent angestiegen. Den starken Anstieg führt der Kontrollrat unter anderem auf den Mangel an genauen Verschreibungsrichtlinien zurück. © hil/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Practicus
am Freitag, 1. Mai 2015, 22:30

und ADHS ist harmlos?

Lieber Herr Lucas,
offensichtlch ist ihnen entgangen, dass bei der Zulassung von Arzneimitteln eine Nutzen-Risiko-Abwägung stattfindet.
Zu den Risiken einer unbehandelten ADHS-Erkrankung im Kindes- UND Erwachsenenalter gehört ein signifikant erhöhtes Risiko für Unfälle aller Art, vom Straßenverkehr bis zu sonstigem Risikoverhalten.
Bei ADHS-Patienten besteht zusätzlich noch ein erhöhtes Risiko, in Gewalttaten verwickelt zu werden - als Täter wie auch als Opfer - und bei der belasteten Biografie ist außerdem noch die erhöhte Inzidenz von Suchterkrankungen und Suiziden im späteren Leben zu berücksichtigen.
Die Einnahme von Methylphenidat oder Lisamfetamin hingegen ist für die gefährdeten Kinder nicht gefährlicher als Fußballspielen oder sonstiger intensiver Sport, da gibt es solche Todesfälle ganz ohne ADHS und sogar ganz ohne Ritalin & Co
EEBO
am Freitag, 1. Mai 2015, 15:00

Was für ein dummdreistes Geschwafel!

Zunächst zur Klarstellung:
Nein, ich rezeptiere kein Methylhenidat, nein, ich bin kein Kinderpsychiater, nein, ich sitze nicht an verantwortlicher Stelle im GBA und nein, ich halte keine Aktien an Unternehmen der pharmazeutischen Industrie. Außerdem habe ich mir die Freude gemacht, den Beschluß des G-BA und seine Begründung (die der Herr PP auch mal in seine reichhaltigen Quellenangeben hätte aufnehmen können: https://www.g-ba.de/informationen/beschluesse/1851/) zu lesen, und auch ich kann nicht nachvollziehen, warum das Medikament jetzt in der Arzneimittelrichtlinie/Anlage XII zu finden ist.

ABER: Einem Autor, der zunächst höflich das Ärzteblatt um die Veröffentlichung eines Artikels bittet, und dieses ellenlange Elaborat dann in der Kommentarfunktion publiziert;
einem Autor, der zwar in einem Rundumschlag gegen die Pharmaindustrie, den GBA, das deutsche Schulwesen und wer-weiß-noch-wen polemisiert und dabei als Quelle ausgerechnet den umstrittenen J. Virapen angibt, sonst aber nur den Waschzettel für Lisdexamfetamin;
einem Autor, der offenkundig ein Problem mit Logik hat, wie zum Beispiel mit der schönen Aussage "Das bedeutet wohl nichts anderes, als dass alle anderen ähnlichen Medikamente den selben Nutzen aufweisen. ... Die anderen Medikamente, mit denen Elvanse® vergleichen wurde, haben also dieselben manchmal tödlichen Nebenwirkungen.",
einem Autor, der der Meinung ist, es sei nötig,mich als Leser darauf hinzuweisen, daß es Stoffe aus der gleichen Substanzgruppe illegal am Bahnhof gibt (vielen Dank hierfür übrigens, jetzt weiß ich endlich, wo ich meine Vorräte auffüllen kann),

der sollte dringend seinen Mund halten, sich einmal überlegen, was er uns überhaupt zu sagen hat, ob es nun gegen fragwürdige Beschlüsse des G-BA geht, gegen ADHS als Modediagnose, gegen Medikamente im allgemeinen, Amphetaminderivate im speziellen, die böse Pharmmaindustrie oder vielleicht auch quersitzende Darmwinde.

Wenn der Herr Autor der Ansicht ist, daß sein Pamphlet ins ÄB gehört, dann soll er bittschön sich an die Redaktion wenden - UND ZWAR AUF DEM DAFÜR VORGESEHENEN UND BESCHRIEBENEN WEGE - und abwarten, ob irgendein halbhirntoter Redakteur ihm seinen Schrieb durchgehen läßt. Ansonsten möge er nicht den Kommentarbereich zuspammen.
Dipl. Psych. Dietmar Lucas PP
am Donnerstag, 30. April 2015, 08:31

Tödliche Nebenwirkungen bei AHDS-Medikamenten

Liebe Redaktion!

Vielen Dank für Ihre Veröffentlichungen zum Thema ADHS.
Ich möchte Ihnen in diesem Zusammenhang gerne untigen Artikel zu tödlichen Nebenwirkungen von ADHS-Medikamenten zur Kenntnis bringen. Bitte prüfen Sie eine entsprechede Veröffentlichung.

Mit freundlichen Grüßen
Dipl. Psych. Dietmar Lucas
Psychologischer Psychotherapeut


Russisches Roulette mit Kindern

Tödliche Nebenwirkungen von Medikamenten bei ADHS

Da steht dieser Satz. In einer Fachinformation für ein Medikament, dass für Kinder ab 6 Jahren zugelassen ist: „Bei Kindern und Jugendlichen, darunter solchen mit strukturellen Herzanomalien und anderen schwerwiegenden Herzerkrankungen, wurde unter der Anwendung von ZNS-Stimulanzien von plötzlichen Todesfällen berichtet.“ (1)
Es braucht ein bißchen, bis die ganze Tragweite dieses Satzes klar wird. Da sterben Kinder, die dieses Medikament nehmen. Plötzlich. Kinder mit Herzerkrankungen (2). Und völlig gesunde Kinder. Ohne, dass es dafür irgendeine Erklärung gibt. Außer, dass sie dieses Medikament eingenommen haben.
Kinder sterben also durch dieses Medikament. Hätten sie es nicht genommen, sie würden noch leben.
Jetzt springen natürlich Fragen auf. Wie kann das sein? Wie kann es sein, dass ein Medikament, das Kinder tötet, überhaupt auf dem Markt ist? Wie kann es sein, dass Ärzte es verschreiben?
Gibt es vielleicht einen so überwältigend großen Nutzen dieser Arznei, dass ein paar tote Kinder dagegen nicht ins Gewicht fallen? Wieviele Kinder sterben denn? Welcher Nutzen kann so groß sein, dass der Tod von Kindern in Kauf genommen werden darf?
Dieses Medikament wird bei ADHS verschrieben, dem Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom. Hier soll es helfen, die Aufmerksamkeitsspanne besonders in der Schule und bei den Hausarbeiten zu vergrößern. Und welche Eltern haben nicht schon mal verzweifelt an unruhigen unkonzentrierten Kindern? Die einfach nicht still sitzen wollten, wenn sie es sollten.
Das zentrale Symptom des ADHS ist eine sehr kurze Konzentrationsspanne. Die Kinder, die diese Diagnose zurecht bekommen haben, können niemals länger als zwei Minuten am Stück sich einer Sache widmen.
Wenn ich Eltern in meiner psychologischen Praxis sehe, die sich Sorgen um ihre Kinder machen und ADHS vermuten (oder deren Kind bereits so diagnostiziert wurde wie etwa 8 % der Jungen in Deutschland), stelle ich eine Frage: Kann sich ihr Kind bei einer Aktivität, die es interessiert, länger als zwei Minuten konzentrieren? Alle – alle Eltern berichten dann: „aber ja, wenn er oder sie spielt, zum Beispiel ein Computerspiel, kann er/sie stundenlang da sitzen, hochkonzentriert und ist völlig versunken. Aber in der Schule...“
Aus meiner Sicht haben wir hier eine fast hundertprozentige Garantie, dass die Diagnose ADHS nach den von der psychiatrischen Wissenschaft aufgestellten Kriterien falsch gestellt worden ist. Wobei diese Kriterien übrigens selber extrem ungenau und beinahe beliebig sind.
Was ist jetzt aber mit den Problemen in der Schule?
Wie sieht Schule heute meistens aus? Da sind meist über dreißig Kinder in einer Klasse, vorne eine Lehrkraft, die versuchen muss, allen diesen unterschiedlichen kleinen Menschen mit ihren so ganz unterschiedlichen Charaktären und Bedürfnissen so gerecht zu werden, so dass sie (90 % der Grundschullehrer sind Frauen) den von einem Lehrplan bestimmten Unterrichtsstoff an wenigstens die meisten der Kinder herantragen kann.
Wer jetzt rumläuft, munter in die Klasse kräht, den Nachbarn ablenkt, laut ist, Aufmerksamkeit auf sich zieht – der stört. Der stört den reibungslosen Ablauf einer Stunde. Der funktioniert nicht. Und hier setzen die Medikamente gegen ADHS an. Ihr Wirkstoff sind Amphetamine – Aufputschmittel. Die bei Kindern tatsächlich bewirken, dass ihre Aufmerksamkeit für das, was die Eltern un Lehrer von ihnen wollen größer wird – sie werden also ruhiger. Dann stören sie auch nicht mehr. Sie sind dann für die Lehrer und die Eltern schlicht bequemer.
Und für diesen „Nutzen“ wird in Kauf genommen, dass einige von ihnen sterben?
Eine möglicherweise fast immer falsche Diagnose führt also dazu, dass Kindern Medikamente verschrieben werden, die sie umbringen können.
Als würde man einem Kind einen Revolver mit einer Patrone in der Kammer an die Schläfe setzen und abdrücken. Russisches Roulette.
Wollen wir das wirklich unseren Kindern antun?
Wer hat das zugelassen?
In Deutschland entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), ob die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für Medikamente übernimmt. Damit trägt sie die Verantwortung für die Gesundheit von über 70 Millionen Menschen in Deutschland. Im Juli 2012 wurde Prof. Josef Hecken für sechs Jahre als Vorsitzender ernannt. Im November 2013 unterschreibt er als sogenannter „unparteiischer Vorsitzender“ die Zulassung für den Wirkstoff Lisdexamfetamindesilat (das Medikament Elvanse®, aus dessen Fachinformation ich oben zitiert habe). Diese Information hat dem Ausschuss vorgelegen. Er konnte es also gewusst haben – wenn er gelesen hat, was der Hersteller ihm vorgelegt hat.
In den Zulassungsverfahren muss auch der Zusatznutzen einer Arznei geprüft werden. Welche Vorteile bietet also dieses Medikament gegenüber anderen, die bereits auf dem Markt sind. Im Beschluss zu Lisdexamfetamindesilat wird dazu lapidar vermerkt: Ein Zusatznutzen ist nicht ersichtlich.
Das bedeutet wohl nichts anderes, als dass alle anderen ähnlichen Medikamente den selben Nutzen aufweisen. Dazu muss man wissen, dass (nach § 35c SGB V) unter Nutzen auch die Verringerung von Nebenwirkungen zu verstehen ist. Die anderen Medikamente, mit denen Elvanse® vergleichen wurde, haben also dieselben manchmal tödlichen Nebenwirkungen. Oder können Sie sich vorstellen, dass ein Medikament zugelassen wird, dass nur genauso gut hilft, aber außerdem nachweislich tödliche Nebenwirkungen hat?
Wie auf so etwas reagieren? Wohin mit der Erschütterung, die ich fühle? Kann ich den Prof. Hecken mal fragen, was er sich heute dazu denkt, wenn er solche Sätze liest? Was wird er antworten?„Ach, das habe ich nicht so schlimm gesehen“ – oder „Da haben mich meine Experten halt so beraten“. Er ist ein Vollblutpolitiker, zwölf Jahre als Staatssekretär oder Minister auf Landesebene. Würde er einem seiner drei Kinder ein solches Medikament verschreiben? Seine Experten haben ihn übrigens sehr deutlich beraten. Sie bekamen die Frage gestellt, ob das Medikament Elvanse® einen Zusatznutzen hat. Die Antwort ist ein klares Nein. Dennoch wird dieses Medikament zugelassen.
Ich habe ihm geschrieben. Und er hat mir geantwortet. Genaueres dazu weiter unten.
Und was denken die Mitarbeiter von Shire (dem Hersteller von Elvanse®)? Können sie nachts ruhig schlafen? Mit dem Tod von Kindern auf dem Gewissen?
Und die Ärzte, die das Medikament verschreiben? Hatten die nur keine Zeit, die Informationen gründlich zu lesen? In denen auch steht, dass vor der Verschreibung das Kind besonders gründlich auf alle möglichen Risikofaktoren zu untersuchen ist. Haben sie sie gelesen und es den Eltern gesagt? „Ihr Kind könnte sterben an diesem Medikament. Aber das kommt vermutlich eher selten vor. Genaue Informationen dazu hat der Hersteller nicht herausgegeben.“
Zeigen Sie mir Eltern, die ihrem kleinen Zappelphilipp dann ein solches Risiko zugemutet hätten.
Zu den möglichen Nebenwirkungen von Elvanse® zählen auch Kleinwüchsigkeit, Anorexie, Herzinfarkt, die Entwicklung neuer oder die Verschlechterung bestehender psychiatrischer Erkrankungen, größere Veränderungen der Herzfrequenz, hoher Blutdruck, Halluzinationen, Depression, Selbstmord, schwere Auswirkungen auf Babys im Mutterleib.
Prof. Hecken hat geantwortet (3). Er schreibt nichts zu seinen Gefühlen, als er erfuhr, dass dieses Medikament Kinder tötet. Er schreibt auch nichts dazu, wie denn der Ausschuss dazu kam, den Wirkstoff zuzulassen, obwohl kein Zusatznutzen festgestellt werden konnte. Er bittet darum, dass ich in diesem Artikel „die unterschiedlichen Aufgaben der Zulassungsbehörden und des Gemeinsamen Bundesausschusses klarstellend“ berücksichtige.
Dann folgt eine Doppelbotschaft: einerseits habe der Bundesausschuss keine Macht, andererseits aber doch. Er betont, „dass Versicherte der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) grundsätzlich Anspruch auf die Versorgung mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln unmittelbar nach der arzneimittelrechtlichen Zulassung durch die EMA (4) oder eine der nationalen Bundesbehörden haben (§ 31 SGB V).“ Das liest sich, als habe der Bundesausschuss keinerlei Handhabe, eine eigene Zulassungsentscheidung zu treffen. Die Anderen haben ja schon zugelassen, da können wir dann leider nichts mehr dagegen tun.
Natürlich ist zu fragen, wie ein solch extrem gefährliches Medikament überhaupt auf den Markt kommen konnte und die Mechanismen, die dazu führen, sind einige Artikel wert (5). Ich konzentriere mich hier allerdings auf die Aufgaben, wegen denen der Gemeinsame Bundesausschuss eingerichtet worden ist: Zu prüfen, ob die Versichertengemeinschaft die Kosten für ein Medikament oder eine Heilmethode übernehmen soll oder nicht. Die Auswirkungen der Entscheidungen des Gemeinsamen Bundesausschusses können alle gesetzlich Versichterten bei jedem Arztbesuch ganz hautnah erfahren. In jeder Arztpraxis liegen Broschüren aus, was denn der Arzt noch Tolles anbietet, aber leider nicht von der Krankenkasse bezahlt bekommt. Diese sogenannten IGel-Leistungen (6) tauchen deswegen nicht im Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenkassen auf, weil sie vom Gemeinsamen Bundesausschuss abgelehnt worden sind. Oder der Anbieter hat erst gar keinen Antrag gestellt hat, weil er das Ergebnis geahnt hat.
Der Gemeinsame Bundesauschuss scheint also doch Macht zu haben. Prof. Hecken schreibt ja dann auch: „Ich möchte darauf hinweisen, dass der G-BA die Verordnungsfähigkeit von Stimulantien, dazu gehört auch der Wirkstoff Lisdexamfetamindesilat, bereits im Jahr 2010 dahingehend eingeschränkt hat, das diese Arzneimittel bei hyperkinetischer Störung bzw. Aufmerksamkeitsdefizit / Hyperaktivitätsstörung (ADS / ADHS) nur im Rahmen einer therapeutischen Gesamtstrategie, wenn sich andere Maßnahmen allein als unzureichend erwiesen haben, verordnet werden dürfen.“
Der Ausschuss kann also eine Verordnung einschränken oder auch ganz die Übernahme der Kosten durch die gesetzlichen Kassen ablehnen.
Mit seiner Antwort macht Prof. Hecken die Angelegenheit nicht wirklich klarer. Warum hat der Ausschuss den Wirkstoff Lisdexamfetamindesilat trotz nicht nachzuweisendem Zusatznutzen dennoch zugelassen?
Der Hauptgrund für das vernichtende Urteil der Experten über den Wirkstoff war übrigens, dass in der einzigen eingereichten Studie die Gabe sowohl des Wirkstoffs als auch des Vergleichswirkstoffs gerade nicht unter den Voraussetzungen stattfand, die Prof. Hecken oben zitiert hat. Es gab keine therapeutische Gesamtstrategie, es wurde kein Psychologe hinzugezogen, es gabe auch sonst nichts außer dem Medikament. Jedenfalls wird davon in der Studie nicht berichtet.
Der Hersteller selber macht also bei der Anwendung seines eigenen Medikaments in kontrollierten Studien systematische Fehler. Und dann wird erwartet, dass Ärzte sich an die Vorgaben halten. Die betroffenen Eltern, mit denen ich gesprochen habe, berichten auch durchgängig davon, dass die Ärzte nichts anderes vorgeschlagen haben, als Medikamente zu nehmen. Da taucht keine therapeutische Gesamtstrategie auf.
An wen soll sich dieser Artikel richten? Wen soll er wach rütteln?
Hersteller, Zulassungsbehörden, die verschreibenden Ärzte? Sie alle schieben die Verantwortung aufeinander ab. Bleiben die Eltern. Die verzweifelt nach Hilfe suchen für die Nöte ihres Kindes. Und nach einer Lösung für ihre eigene Hilflosigkeit. Wenn sie denn einen Platz bei einem Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten suchen, um ihrem Kind eine „therapeutische Gesamtstrategie“ anzubieten, müssen sie monatelange Wartezeiten in Kauf nehmen. Das ist der nächste Skandal. Übrigens weitgehend hausgemacht. Es wurden schlicht zu wenige Therapeuten zugelassen. Damals waren die möglichen Kosten das entscheidende Argument dagegen, mehr Therapeuten zuzulassen. Lieber scheint man bereit, potenziell tödliche Medikamente zu bezahlen.
Wenn wir über Stimulanzien reden, die gegen ADS/ADHS verschrieben werden, müssen ein paar Namen fallen. Es gibt außer dem Medikament Elvanse® mit dem Wirkstoff Lisdexamfetamindesilat den Wirkstoff Methylphenidat, der sich in Ritalin®, Ritalin SR®, Concerta®, Medikinet® und Equasym® findet. Atomoxetin ist der Wirkstoff in Strattera®, in Attentin® findet sich Dexamfetamin. Diese Medikamente sind in Deutschland zugelassen.
Alle Wirkstoffe sind sogenannte Sympathomimetika. Das heißt, sie sollen Vorgänge nachahmen, die im menschlichen Körper stattfinden und aufputschen. Fast alle Wirkstoffe sind sogenannte zentralwirksame Stimulanzien (7). Der Dealer an der Straßenecke nennt es Speed.
Was können Eltern jetzt tun?
Erstens: Fragen Sie Ihren Arzt, der Ihrem Kind ein solches Medikament verschreiben will, ob er Sie über die Nebenwirkungen aufklären kann. Insbesondere über die Gefahr des plötzlichen Todes Ihres Kindes. Fragen Sie ihn, wie er glaubt, dass eine solche Nebenwirkung sicher auszuschließen ist. Sie ist es nicht.
Zweitens: Bitten Sie Ihren Arzt, Sie bei der Suche nach einer „therapeutischen Gesamtstrategie“ zu unterstützen. Das kann eine Änderung der Schulform bedeuten. Kleinere Klassen, andere Lernkonzepte (Waldorf, Montessori, freie Schulen). Das kann eine Umstellung der Ernährung sein (weniger Zucker, Prüfung auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten), das sollte Psychotherapie umfassen, Sport und andere Freizeitaktivitäten. Das kann eine Änderung der Einstellung sein (nicht mein Kind ist krank, sondern die Schule ist krank, in die es eingepasst werden soll). Es sollte auch untersucht werden, ob eine Hochbeagung oder Hochsensibilität vorliegt.

1 Quelle: http://www.shire.de/shire-deutschland/praeparate.aspx heruntergeladen am 18.02.2015 Fachinformation Elvanse Abs. 4.4
2 Deswegen soll der Arzt eine mögliche Herzerkrankung vorher gründlich auschließen.
3 Schreiben vom 04.03.2015
4 EMA = European Medicines Agency, europäische Zulassungsbehörde für Arzneimittel
5 Für eine weitere Lektüre hierzu sei: Nebenwirkung Tod von John Virapen (Verlag das neue Licht) empfohlen, einem Insider aus der Pharmaindustrie, der diese Mechanismen schonungslos offenlegt.
6 Igel = Individuelle Gesundheitsleitungen. Einen Überblick dieser Leistungen mit einer Preisliste findet man unter: http://www.igel-verzeichnis.de/index.php heruntergeladen 30.03.2015
7 Bis auf Atomoxetin

Über den Autor:
Dietmar Lucas, 52, ist Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis in Münster und engagiert sich im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen BDP, Autor des Buches: Die Erfindung des Unglücks – Wie kam das Unglück in die Welt und warum ist es immer noch da?
5.000 News Vermischtes

Nachrichten zum Thema

20.10.16
Waldems-Esch – Weniger Kinder und Jugendliche nehmen Medikamente gegen Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS). Das hat der Gesundheitsdienstleister Insight Health auf Basis von......
14.10.16
Berlin – Das „zentrale adhs-netz“ hat mit Förderung des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) neue Eckpunkte zur Verbesserung der medizinischen Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen......
15.08.16
Berlin – Die AOK hat ein neues Hilfsangebot für Eltern in schwierigen Erziehungssituationen gestartet. Das nach AOK-Angaben wissenschaftlich fundierte Online-Programm „ADHS-Elterntrainer“ soll Mütter......
24.06.16
Adelaide – Kinder mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung werden häufig mit Methylphenidat behandelt. Diese Behandlung könnte jedoch für einige Patienten ein erhöhtes Risiko für......
09.05.16
Berlin – Schätzungen zufolge leiden in Deutschland etwa 700.000 Kinder an Bluthochdruck (KiGGS-Studie). „Erkannt wird das Problem aber bei weniger als einem Prozent,“ schätzt Martin Hulpke-Wette,......
18.12.15
Freiburg – Bei etwa zwei Prozent der Betroffenen bleibt eine in der Kindheit aufgetretene Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bis ins Erwachsenenalter bestehen. Die medikamentöse......
11.08.15
Jünger eingeschulte Kinder erhalten häufiger eine ADHS-Diagnose
Berlin/München – Die jüngsten Schulkinder in einer Klasse erhalten häufiger die Diagnose einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und eine entsprechende Medikation als ihre älteren......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige