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Versorgung pflegebedürftiger Menschen: Ärzte, Zahnärzte und Freie Wohlfahrtspflege wollen stärker kooperieren

Dienstag, 28. April 2015

Berlin – Die bedarf- und bedürfnisgerechte Versorgung assistenzbedürftiger Menschen wird künftig nur in Kooperation von Ärzten, Zahnärzten und Pflegekräften zu gewähr­leisten sein. Darüber waren sich Vertreter dieser Berufsgruppen auf der ersten gemeinsamen Tagung von Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV), Kassenzahn­ärztlicher Bundesvereinigung (KZBV) und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) am 27. April einig. „Wir müssen an einem Strang ziehen“, betonte Regina Feldmann, Vorstand der KBV.

Koordination nimmt eine wichtige Rolle ein
Mit einer erhöhten Lebenserwartung gehe eine deutliche Zunahme von  Multimorbidität, Mobilitätseinschränkungen und Demenzerkrankungen von älteren Menschen einher. „Bei der Pflege dieser Menschen müssen die Professionen intensiver zusammenarbeiten. Der Koordination der Versorgungsangebote kommt dabei eine besondere Rolle zu“, sagte sie. Besonders dringend erforderlich seien Versorgungsverbesserungen für ältere pflegebedürftige Menschen im häuslichen Umfeld. Denn dort würden viele ältere Menschen am liebsten verbleiben.

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Ein Drittel der Medizinstudierenden müssen Hausarzt werden
Feldmann wies dabei auf veränderte Ziele hin: „ Das Ziel der Versorgung Pflegebe­dürftiger ist der Erhalt einer angemessenen Lebensqualität und Selbstän­dig­keit“, sagte sie. Es gelte, den Eintritt von Gesundheits- und Funktionseinbußen, wie auch von Pflegebedürftigkeit vorzu­beugen oder diese zumindest zu verzögern. Dabei habe sich gezeigt, dass es ein noch nicht ausgeschöpftes präventives Potenzial gebe. Um dieses zu heben und die Versorgung in der Fläche zu gewährleisten, sei es unter anderem unerlässlich, die Aus- und Weiterbildung in der Allgemeinmedizin zu fördern.

Ein Drittel der Medizinstudenten müsste Feldmann zufolge Hausarzt werden, um auch in Zukunft die älter werdende Bevölkerung zu versorgen. „Hier sind die Hochschulen in der Pflicht“, erklärte sie. Für mehr Hausärzte plädierte auch Staatssekretär Karl-Josef Laumann, Patientenbeauftragter der Bundesregierung. „Bei der Versorgung Pflegebedürftiger ist die hausärztliche Frage entscheidend“, betonte er. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Ärzte dort sind, wo sie gebraucht werden“. 

Zahnärzte setzen auch auf Kooperation
Auch die Zahnmedizin müsse sich – beginnend bei der Ausbildung von künftigen Zahnärzten – auf die älteren Patienten einstellen. „Die Mundgesundheit von Pflegebedürftigen ist deutlich schlechter, als die des Bevölkerungsdurchschnitts. Diese Patienten gehören zur Hochrisikogruppe für Karies- und Parodontalerkrankungen, denn sie können häufig keine eigenverantwortliche Mundhygiene durchführen, haben Schwierigkeiten, eine Praxis aufzusuchen oder sind bei der Behandlung nicht kooperationsfähig“, sagte Wolfgang Eßer, Vorstandsvorsitzender der KZBV. Die Zahnärzteschaft wolle diesen Menschen helfen und setze dabei bewusst auf Lösungen in Zusammenarbeit mit der Wissenschaft, anderen Berufsgruppen, den Pflegebedürftigen selbst, ihren Angehörigen und der Politik.

Neue Formen der Zusammenarbeit erproben
Auch die an der Versorgung beteiligten Gesundheitsfachberufe zeigten sich kooperationsbereit: Rolf Rosenbrock, Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege betonte den Willen der Pflegenden,  koordiniert und kooperativ mit Ärzten zusammenzuarbeiten und innovative Ansätze, wie die Zusammenarbeit in Praxisverbünden oder den Einsatz von Telemedizin und Telecare, zu unterstützen. „Pflegekräfte übernehmen schon heute eine wichtige Rolle in der gesundheitlichen Versorgung. Es gilt, neue Formen der Zusammenarbeit zu erproben“, sagte er.

Auch auf Schwächen der Versorgung wies die Tagung hin.  Der regelmäßige Kontakt zu Fachärzten sei in vielen Pflegeheimen nicht immer gewährleistet, sagte Rita Reese, Pflegedienstleiterin in Hannover. Dadurch komme es an Feiertagen und vor den Wochenenden häufig zu „Drehtüreffekten zwischen Pflegeeinrichtungen und Kliniken“. Nur drei Prozent der Pflegebedürftigen gingen selbstständig zum Arzt, die meisten seien jedoch auf Begleitung oder auf Heimbesuche angewiesen. Patienten zum Arzt zu begleiten, sei jedoch aufgrund der dünnen Personaldecke in der Pflege kaum zu realisieren.  

Versorgung durch Heimärzte muss stärker gefördert werden
„Pflegebedürftigkeit erschwert die Inanspruchnahme ambulanter Medizin“,  bestätigte auch  Ulrich Orlowski vom Bundesgesundheitsministerium.  „Das ist eine Herausforderung für das System", sagte er. Mit dem neuen Hospiz- und Palliativgesetz sollen Kooperationen zwischen niedergelassenen Ärzten und Pflegeheimen stärker befördert werden.

Thomas Müller, Geschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, verwies auf die innovativen Ansätze in seiner KV: 168 Fach- und Hausärzte in Ärztenetzen versorgten dort erfolgreich 1.800 Patienten in 70 Alten- und Pflegeheimen. „Die an dem Vertrag teilnehmenden Ärzte konnten durch aufeinander abgestimmte Leistungen und ein aktives Schnittstellenmanagement Qualität und Effizienz der Versorgung Pflegeheimbewohner nachhaltig verbessern, berichtete Müller. So hätten sich beispielsweise durch Visiten am Freitagnachmittag die  Notfalldienst-Einsätze in den am Vertrag teilnehmenden Heimen reduziert. „Ziel muss es nun sein, diese Ansätze in die Regelversorgung zu übertragen“, sagte er. © ER/aerzteblatt.de

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