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Frühstgeborene: Überleben hängt von der Therapieentscheidung ab

Donnerstag, 7. Mai 2015

Iowa City – Kinder, die in der 22. oder 23. Gestationswoche geboren werden, haben ohne eine aktive Therapie keine Überlebenschance. Bei einem Eingreifen der Neonatologen überlebt laut einer aktuellen US-Studie im New England Journal of Medicine (2015; 372: 1801-11) jedes vierte Frühgeborene der 22. und jedes dritte Frühgeborene der 23. Gestationswoche, viele davon aber mit teilweise schweren Behinderungen.

Eine aktuelle Leitlinie mehrerer medizinischer Fachgesellschaften unter Mitwirkung des Deutschen Hebammenverbandes und des Bundesverbandes „Das frühgeborene Kind“ rät bei einer Geburt in der 22. Gestationswoche nur bei „ausdrücklichem Wunsch der Eltern, nach ausführlicher interdisziplinärer Beratung im vollen Bewusstsein der hohen Risiken“ zu einer aktiven Therapie. In der 23. Gestationswoche fällt angesichts einer „Überlebenschance von über 50 Prozent in spezialisierten Zentren“ die Entscheidung schon leichter.

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Aber auch hier müssen die Eltern auf die nicht geringe Gefahr hingewiesen werden, dass viele Kinder eine lebenslange Hilfe durch andere Personen benötigen werden. Ab der 24. Gestationswoche sind die Überlebenschancen behandelter Frühgeborener so hoch, dass im Regelfall eine lebenserhaltende Therapie anzustreben ist.

Dies sehen auch in den USA viele Kliniken so. Der Anteil der Frühstgeborenen, die eine aktive Therapie erfahren, steigt von 22 Prozent in der 22. Gestationswoche auf 72 Prozent in der 23. Gestationswoche und auf 97,1 Prozent in der 24. Gestationswoche (auch während dieser Zeit kann beispielsweise ein ungünstiger Apgar gegen eine aktive Therapie sprechen). Dies geht aus einer Untersuchung des National Institute of Child Health hervor, das die Ergebnisse von fast 5.000 Kindern ausgewertet hat, die vor der 27. Gestationswoche geboren wurden. Es dürfte sich derzeit um die weltweit größte Studie zur Prognose von Frühstgeborenen handeln.

Interessant sind natürlich die Einzelergebnisse zu den Kindern, die eine aktive Therapie erfahren haben. Von den in der 22. Gestationswoche Geborenen waren dies 79. Das Team um Matthew Rysavy von der Universität von Iowa in Iowa City konnte 78 im 18. bis 22. Lebensmonat nachuntersuchen: 18 der 78 Kinder hatten überlebt (23,1 Prozent), darunter allerdings nur 7 (9 Prozent) ohne jegliche Behinderung. Weitere sechs Kinder (7,7 Prozent) wiesen schwere neurologische Entwicklungsstörungen auf.

Insgesamt 542 Kinder, die in der 23. Gestationswoche zur Welt gekommen waren, erfuhren eine aktive Therapie: 173 waren bei der Nachuntersuchung im 18. bis 22. Lebensmonat noch am Leben (33,3 Prozent), davon 83 (16,0 Prozent) ohne jegliche Behinderungen. Schwere neurologische Entwicklungsstörungen lagen bei 42 Kindern (8,1 Prozent) vor.

Auch Kinder, die in der 24. bis 26. Gestationswoche geboren werden, überleben trotz einer aktiven Therapie nicht immer. Die Überlebensraten bei der Nachuntersuchung betrugen in der 24. Woche 56,6 Prozent davon 10,5 Prozent mit schweren neurolo­gischen Entwicklungsstörungen. Bei einer Geburt in der 25. Gestationswoche betrugt die Überlebenschance 72,3 Prozent davon 4,1 Prozent mit schweren neurologischen Entwicklungsstörungen. Bei einer Geburt in der 26. Gestationswoche überlebten 81,6 Prozent davon 1,4 Prozent mit schweren neurologischen Entwicklungsstörungen. © rme/aerzteblatt.de

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EEBO
am Donnerstag, 14. Mai 2015, 12:28

Aber, aber, Herr Kollege Schätzler!

Gerade als Deutsche wissen wir, daß Eugenik doch im Prinzip eine schöne Sache ist, und der/die werte strecker/in macht dies nur besonders klar und deutlich...
<Zynismus wieder aus> - Wenn ich mir die Mühe mache, nur einen Teil der streckerschen Kommentare zu lesen, dreht sich mir angesichts der so widerwärtig verpackten Menschenfeindlichkeit der Magen um. Ich möchte diesem Subjekt herzlich Nordkorea als neuen Wirkungsort an den Stein, den er oder sie anstelle eines Herzens hat, legen.
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 12. Mai 2015, 13:48

Ja, Herrgott-Sakrament noch einmal,


W. Strecker, dann gehen Sie doch bloß s e l b s t dorthin und arbeiten, wo "anderseits primär gesunde Kinder in den armen Ländern sterben müssen, weil selbst einfache und preiswerte Therapien nicht zur Verfügung stehen."

Anstatt hier von Ihrem sicheren Schreibtisch aus über "auf unnatürliche Weise mit hohem Aufwand therapierte" Frühstgeborene zu schwadronieren, von deren für sie notwendigen Therapieentscheidungen Sie offensichtlich nicht den blassesten Schimmer haben.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
w.strecker
am Samstag, 9. Mai 2015, 10:59

Unnatürliche Therapie Frühstgeborener

Es ist nicht nachvollziehbar, dass Frühstgeborene mit der Wahrscheinlichkeit schwerer Behinderungen auf unnatürliche Weise mit hohem Aufwand therapiert werden, während anderseits primär gesunde Kinder in den armen Ländern sterben müssen, weil selbst einfache und preiswerte Therapien nicht zur Verfügung stehen.
Vorrangig ist bei beiden Patientengruppen auch die Lebensqualität zu berücksichtigen.

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