Politik

Evidenzbasierte Leitlinie zur palliativ­medizinischen Versorgung Krebskranker erschienen

Montag, 11. Mai 2015

Berlin ­- Das Leitlinienprogramm Onkologie hat heute die erste S3-Leitlinie zur palliativmedizinischen Versorgung von erwachsenen Patienten mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung vorgelegt. Die Leitlinie entstand unter der Federführung der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) und konzentriert sich zunächst auf die Themenbereiche Atemnot, Schmerz, Obstipation, Depression, Kommunikation, Sterbephase und Versorgungsstrukturen. 

„Die neue Leitlinie befasst sich mit den Grundprinzipien der palliativmedizinischen Versorgung, die in organspezifischen Leitlinien oft nicht ausführlich genug behandelt werden können. Sie formuliert systematisch entwickelte Handlungsempfehlungen auf der Basis der bestmöglichen wissenschaftlichen Nachweise“, sagt Claudia Bausewein, Palliativmedizinerin am Klinikum der Universität München-Großhadern und mitverantwortlich für die Koordination der Leitlinienentwicklung.

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Die Leitlinie enthält unter anderem Empfehlungen für Versorgungsstrukturen, die eine frühzeitige palliativmedizinische Behandlung der Betroffenen ermöglichen. Häufige Symptome sollten nach dem aktuellen Wissensstand behandelt werden, betont Raymond Voltz von der Uniklinik Köln, ebenfalls Leitlinienkoordinator. Wichtig sei auch eine angemessene

Mehr Zeit für die Kommunikation
Kommunikation mit Patienten und Angehörigen, etwa, um die Therapieziele gemeinsam festzulegen. „Insgesamt sollte dem Thema Beratung künftig mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden“, erläutert Steffen Simon, Palliativmediziner an der Uniklinik Köln. Sehr hilfreich seien Palliativnetzwerke oder entsprechende Beratungsstellen, die die verschiedenen stationären und ambulanten Angebote genau kennen.

Bausewein begrüßt den kürzlich vorgelegten Gesetzentwurf zur Verbesserung der Palliativversorgung in Deutschland als „guten Schritt in die richtige Richtung.“ Trotzdem gebe es einige Schwachpunkte. Die Leitlinie empfehle zum Beispiel eine Trennung in allgemeine und spezialisierte Palliativversorgung, entsprechend der Komplexität der Erkrankung.

„Im Gesetzentwurf ist aber die Rede von Selektivverträgen, bei denen die allgemeine und spezialisierte Palliativversorgung wieder zusammengemengt werden können. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass immerhin die Hälfte der Menschen im Krankenhaus stirbt. Das Gesetz will zwar, neben den ambulanten Angeboten auch die Hospiz- und Palliativkultur im Krankenhaus stärken. Unklar bleibt allerdings, wie das geschehen soll.“ Die Palliativdienste im Krankenhaus, die laut S3-Leitlinie eine wichtige Funktion hätten, kämen im Gesetzentwurf gar nicht vor.

Basis für eine evidenzbasierte Diskussion
„Durch die erarbeitete Leitlinie haben wir jetzt erstmals eine Grundlage für eine evidenzbasierte Diskussion über mögliche Verbesserungen für schwer- und schwerstkranke Krebspatienten geschaffen“, sagt Gerd Nettekoven, Hauptge­schäftsführer der Deutschen Krebshilfe, die 2008 das Leitlinienprogramm Onkologie gemeinsam mit der Deutschen Krebsgesellschaft und der

Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften auf den Weg gebracht hat und dieses seitdem finanziert. „Ich freue mich sehr, dass die Onkologie für die palliativmedizinische Leitlinie Impulsgeber und Schrittmacher war. Anders als noch vor wenigen Jahren sind mittlerweile viele Aspekte der Palliativmedizin gut durch Studien untersucht. Die Leitlinie ist wichtig, um Nihilismus, Angst und Verzweiflung am Lebensende tragfähige Behandlungsangebote entgegenzusetzen. Einige der Empfehlungen, etwa im Zusammenhang mit palliativmedizinischen Versorgungstrukturen, lassen sich möglicherweise auch auf Gebiete außerhalb der Onkologie übertragen“, ergänzt Florian Lordick aus Leipzig, Vorstandsmitglied der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Palliativmedizin der DKG.

Voltz zieht ebenfalls ein positives Fazit aus der Leitlinienarbeit: „Diese S3-Leitlinie soll Sicherheit vermitteln, damit die Erkenntnisse aus der Forschung auch wirklich beim Patienten ankommen. Die dort formulierten Empfehlungen basieren auf der bestmöglichen Evidenz und einer umfangreichen Expertise.“ 120 Mandatsträger und Experten aus mehr als 50 Institutionen und verschiedenen Fachgesellschaften seien an der Erstellung beteiligt gewesen und hätten alle 230 Empfehlungen in einem Konsens gemeinsam verabschiedet. Als Neurologe könne er der Onkologie nur gratulieren. Denn bei vielen anderen häufigen Todesursachen, zum Beispiel chronischen Erkrankungen der Atemwege oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen seien die palliativmedizinischen Fragen bisher nicht so gut beantwortet.

Die Leitliniengruppe plant, in einem zweiten Modul der S3-Leitlinie acht weitere palliativmedizinische Themen zu behandeln. Dazu zählen die maligne intestinale Obstruktion, Übelkeit/Erbrechen, Schlafstörungen/nächtliche Unruhe, Wundpflege, chronische Müdigkeit, Angst, Therapiezielfindung und der Umgang mit dem Wunsch zu sterben. © Kli/aerzteblatt.de

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