Medizin

Alzheimer: Plaques gehen Demenz um 20 bis 30 Jahre voraus

Donnerstag, 21. Mai 2015

Maastricht/Amsterdam – Die Amyloid-Ablagerungen im Gehirn, die ein zentrales Kennzeichen des Morbus Alzheimer sind, lassen sich durch eine Liquor-Untersuchung oder eine Positronen-Emissions-Tomographie (PET) schon vor Ausbruch der Erkrankung nachweisen. Sie treten auch bei anderen Demenzen und sogar bei gesunden Menschen auf, wie zwei Meta-Analysen im Amerikanischen Ärzteblatt (JAMA) belegen.

Amyloid-Ablagerungen im Gehirn sind im Alter keine Seltenheit. Nach der Meta-Analyse, für die Willemijn Jansen von der Universität Maastricht und Mitarbeiter die Ergebnisse von 55 Studien mit 3.972 Teilnehmern ausgewertet haben, lassen sich bei kognitiv gesunden Menschen im Alter von 50 Jahren zu 10 Prozent Amyloid-Ablagerungen im Gehirn nachweisen.

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Der Prozentsatz steigt mit zunehmendem Alter auf bis zu 40 Prozent bei den 90-Jährigen an. Bei Menschen, die über kognitive oder Gedächtnisstörungen klagen (in den Tests aber keine Ausfälle zeigen) steigt der Anteil mit Amyloid-Ablagerungen von 12 im Alter von 50 Jahren auf 43 Prozent im Alter von 90 Jahren, und Menschen mit leichten kognitiven Einschränkungen (MCI) haben im Alter von 90 Jahren zu 71 Prozent die für die Alzheimer-Erkrankung typischen Veränderungen im Gehirn. Bei Personen, die das Risikogen ApoE epsilon4 tragen, sind es sogar 80 Prozent, ohne dass bereits eine klinisch nachweisbare Demenz besteht.

Jansen vermutet, dass diese Menschen früher oder später an einer Demenz erkranken. Die meisten dürften allerdings sterben, bevor die ersten Symptome auftreten. Der Experte schätzt, dass vom Beginn der in PET und Liquor nachweisbaren Amyloid-Ablagerungen bis zur Demenz 20 bis 30 Jahre vergehen. Neben dem Alter und ApoE epsilon4 war auch der Bildungsstand ein Risikofaktor für Amyloid-Ablagerungen.

Dies bedeutet allerdings nicht, dass Bildung Demenzen begünstigt. Gebildete Menschen haben jedoch größere kognitive Reserven, mit denen sie die Ausfälle länger kompen­sieren können. Klinische Konsequenzen ergeben sich aus den Befunden nicht, da es bisher keine Therapien gibt, die die Ablagerungen verhindern oder entfernen könnten. PET und Amyloid-Nachweis im Liquor könnten aber dazu genutzt werden, Gruppen zu definieren, bei denen neue Wirkstoffe erprobt werden können.

Der häufige Nachweis von Amyloid-Ablagerungen bei Gesunden bedeutet allerdings nicht, dass sie regelmäßig bei Demenz-Patienten nachweisbar wären. Bei 12 Prozent aller Patienten mit klinisch diagnostiziertem Morbus Alzheimer fallen die Tests negativ aus, wie Rik Ossenkoppele vom VU Medisch Centrum in Amsterdam in einer zweiten Meta-Analyse an 1.359 Demenz-Patienten herausgefunden hat (JAMA 2015; 313: 1939-1949). Daten von 1.389 Patienten, die nach dem Tod obduziert wurden, bestätigten dies: Nicht alle Patienten mit klinischer Diagnose eines Morbus Alzheimer haben Amyloid-Ablagerungen im Gehirn.

Eine weitere Merkwürdigkeit der Studienergebnisse ist, dass der Anteil der Alzheimer-Patienten mit einem positiven PET-Befund im Alter zurückging: von 93 Prozent im Alter von 50 Jahren auf 79 Prozent im Alter von 90 Jahren. Dieser Rückgang war vor allem auf Patienten zurückzuführen, bei denen kein Risiko-Gen ApoE epsilon4 gefunden wurde.

Die Ursache ist nicht bekannt. Amyloid-Ablagerungen waren, wenn auch seltener als beim Morbus Alzheimer, auch bei Patienten mit Demenzen anderer Genese nachweisbar. Da der Morbus Alzheimer pathologisch (unter anderem) durch die Amyloid-Ablagerungen definiert wird, könnte die Verfügbarkeit von PET die klinische Diagnosestellung beeinflussen. © rme/aerzteblatt.de

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