Medizin

Geburtshilfe: Spätes Abnabeln verbessert Feinmotorik

Donnerstag, 28. Mai 2015

Uppsala – Neugeborene, die nach der Geburt nicht sofort, sondern mit zwei bis drei Minuten Verzögerung abgenabelt wurden, hatten in einer randomisierten klinischen Studie in JAMA Pediatrics (2015; doi:10.1001/jamapediatrics.2015.0358) im Vorschulalter eine bessere Feinmotorik. Ein Einfluss auf den IQ konnte dagegen nicht nachgewiesen werden.

Ein frühes Abnabeln hat in der Geburtshilfe Tradition. Oft wird es dem stolzen Vater überlassen, die Nabelschnur nach der Geburt von der Plazenta abzutrennen. Die frühe Abnabelung soll Nachblutungen verhindern (obwohl der mütterliche Kreislauf gar nicht mit der Nabelschnur verbunden ist). Andere Bedenken betreffen eine mögliche Überladung des kindlichen Kreislaufes mit Blut und eine verstärkte Hyperbilirubinämie, wofür es laut der Editorialistin Heike Rabe von der Universitätsklinik in Brighton/England keine Beweise gibt.

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Belegt ist allerdings, dass die frühe Abnabelung die Eisenvorräte des Neugeborenen beschneidet, da ein größerer Blutpool in der Plazenta zurückbleibt. Wird das Durch­trennen der Plazenta um wenige Minuten hinausgezögert, fließt ein Großteil des Blutes zum Neugeborenen, dessen Blutvolumen um 30 bis 40 Prozent ansteigt.

Das im Blut gebundene Eisen kann die Eisenspeicher des Kindes auffüllen. Eine randomisierte Studie, die Ola Andersson vom Krankenhaus in der schwedischen Stadt Halmstad (Provinz Halland) zwischen 2008 und 2010 durchgeführt hat, ergab, dass die späte Abnabelung die Ferritinwerte im Alter von 4 Monaten um 45 Prozent erhöht und einen Eisenmangel vermeidet (BMJ 2011; 343: d7157).

Inzwischen haben die Kinder das Vorschulalter erreicht. Das schwedische Team konnte zwei Drittel der Kinder im Alter von vier Jahren nachuntersuchen. Unterschiede im Wechsler Preschool and Primary Scale of Intelligence ließen sich nicht nachweisen. Die 122 Kinder, die innerhalb von 10 Sekunden nach der Geburt abgenabelt worden waren, hatten hier keine Nachteile gegenüber den 141 Kindern, bei denen die Geburtshelfer wenigstens drei Minuten oder bis zum Ende der Nabelschnurpulsationen abgewartet hatten.

In anderen Tests waren die Kinder mit verzögerter Abnabelung jedoch im Vorteil. Sie konnten beispielsweise einen Bleistift besser halten und ihre Feinmotorik war nach dem Urteil der Untersucher weiter entwickelt als bei den frühzeitig abgenabelten Kindern. Auch auf das Sozialverhalten hatte sich die verzögerte Abnabelung günstig ausgewirkt. Die Unterschiede waren nicht gravierend. Sie könnten aber auf eine subtile Störung in der frühen Hirnentwicklung hindeuten. Laut Rabe wird Eisen unter anderem für die Entwicklung der Myelinscheiden benötigt, die sich erst nach der Geburt im ersten Lebensjahr bilden, wenn das Gehirn sein größtes Wachstum zeigt.

Die deutschen Leitlinien empfehlen ein Abnabeln nach ein bis anderthalb Minuten oder bis zum Auspulsieren der Nabelschur. Um einen Blutverlust in Richtung Plazenta zu vermeiden, sollte das Neugeborene vor Abnabelung nicht über das Plazentaniveau gehalten werden. Nach einer Sektioentbindung wird das reife Neugeborene häufig sofort abgenabelt, um es auf die Brust der Mutter geben zu können./rme


 

http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/48087/Geburtshilfe-Verzoegerte-Abnabelung-vermeidet-Eisenmangel|DÄ-Meldung: Verzögerte Abnabelung vermeidet Eisenmangel © rme/aerzteblatt.de

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