Medizin

Diabetes und Co: Menschheit wird zunehmend multimorbid

Montag, 8. Juni 2015

Seattle – Die Menschen werden immer älter und deshalb auch immer kränker. Nur einer von 20 Menschen weltweit hatte laut der Global Burden of Disease Study im Lancet (2015; doi: 10.1016/S0140-6736(15)60692-4) im Jahr 2013 keine gesundheitlichen Probleme. Bei einem Drittel der Weltbevölkerung lagen mehr als fünf Diagnosen vor.

Die positive Resonanz der Global Burden of Diseases, Injuries, and Risk Factors Study 2010 hat das Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) in Seattle offenbar motiviert. Mit Unterstützung der Bill & Melinda Gates Foundation soll jetzt jährlich ein “Update“ vorgestellt werden. Für die aktuelle 58-seitige Analyse für das Jahr 2013 wurden 35.620 Quellen mit Informationen über Krankheiten und Verletzungen aus 188 Ländern ausgewertet.

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Das Team um Theo Vos räumt ein, dass ihre Analyse auf „spärlichen und heterogenen Daten“ basiert und mit unterschiedlichen „Definitionen, Tests, Instrumenten und Erhebungen“ zu kämpfen hatte. Die jetzt vorgelegten Zahlen dürften deshalb mit Vorbehalt zu interpretieren sein. Auch in der Vergangenheit wichen die IHME-Ergebnisse von denen der Weltgesundheitsorganisation ab. So hatte das Institut 2012 die Zahl der Malaria-Toten doppelt so hoch eingeschätzt wie die WHO zwei Jahre zuvor. Im Trend dürften die Ergebnisse allerdings nicht umstritten sein: Sie zeigen, dass infolge einer zunehmenden Lebenserwartung immer mehr Menschen unter chronischen Erkrankungen leiden.

Acht chronische Erkrankungen sind bei mehr als einem Zehntel der Weltbevölkerung vorhanden: 2,4 Milliarden haben Karies mit Löchern in den bleibenden Zähnen, 1,6 Milliarden leiden unter Spannungskopfschmerzen, 1,2 Milliarden unter einer Eisen- Mangelanämie. Schätzungsweise 1,18 Milliarden haben einen Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel, 1,23 Milliarden sind schwerhörig, 1,12 Milliarden haben Genitalherpes, 850 Millionen leiden unter Migräne und 800 Millionen sind chronisch mit Spulwürmern infiziert (Askariasis).

Nicht alle Krankheiten belasten die Menschen gleich stark. Der Parameter YLD („years lived with disability“) versucht dies zu berücksichtigen, indem die Verbreitung einer Erkrankung mit dem Faktor „disability weight“ kombiniert wird. Die IHME-Epidemiologen errechnen für 2013 insgesamt 764,8 Millionen YLD gegenüber 537,6 Millionen im Jahr 1990, das Gegenstand einer früheren Untersuchung war. Der Anstieg erklärt sich jedoch einzig aus der gestiegenen Lebenserwartung und dem Bevölkerungswachstum. Die altersstandardisierte YLD sank im gleichen Zeitraum unwesentlich von 114,87 auf 110,31 pro 1.000 Personen.

Schmerzhafte Störungen dominieren die „Top 10“ der YLD. Auf Position 1 stand 2013 wie 1990 die Lumbalgie. Das Halswirbelsäulensyndrom nahm in beiden Jahren Position 4 ein, die Migräne Position 6, andere schmerzhafte Erkrankungen des Bewegungs­apparates belegten 1990 Position 9 und 2013 Position 19. Mentale Störungen bilden den zweiten Block mit Major-Depressionen (Position 3 in 1990 und Position 2 in 2013), Angststörungen (Position 7 beziehungsweise 9) und die Schizophrenie (Position 11 beziehungsweise 12). Die Eisenmangel-Anämie fiel von Position 2 auf 3, die Hörstörungen blieben auf Position 5.

Interessant sind folgende Veränderungen in der Rangliste. Der Diabetes (das heißt überwiegend der Typ 2-Diabetes) stieg von Position 10 auf Position 7 - was einer Zunahme um 136 Prozent entspricht. In den entwickelten Ländern ist der Diabetes gemessen am YLD die fünftwichtigste Erkrankung. In Spanien, Malta, Kuba (Sic!), den Seychellen, Kuwait, dem Libanon, Saudi-Arabien steht er bereits an Position 1.

Weltweit häufiger geworden sind auch die Alzheimer-Krankheit (92 Prozent Steigerung), Medikamenten-bedingte Kopfschmerzen (120 Prozent Steigerung) und die Osteoarthritis (75 Prozent Steigerung). Durchfallerkrankungen fielen dagegen von Position 15 auf Position 25 ab. Infektionskrankheiten sind in vielen Ländern weiterhin eine akute tödliche Bedrohung. In den YLD, die eher die chronischen Erkrankungen erfassen, sind sie jedoch von untergeordneter Bedeutung.

Viele ältere Menschen haben mehrere Erkrankungen. Die Multimorbidität ist dabei keineswegs ein „Privileg“ der hochentwickelten Länder. In ihnen hatten 31,7 Prozent der Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter fünf oder mehr Erkrankungen, in den Entwicklungsländern außerhalb Afrikas südlich der Sahara waren es 37,9 Prozent und im subsaharischen Afrika sogar 61,6 Prozent. Gerade in den ärmeren Ländern fehlen jedoch die Ressourcen, sofern es überhaupt ein funktionierendes Gesundheitswesen gibt, um diese Erkrankungen adäquat zu behandeln. © rme/aerzteblatt.de

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