Medizin

Erste Lebendgeburt nach Transplantation von Ovarialgewebe aus der Präpubertät

Mittwoch, 10. Juni 2015

Brüssel – Die Retransplantation von kryokonserviertem Ovarialgewebe kann Frauen nach einer Chemotherapie wieder fruchtbar machen. Nachdem die Behandlung bisher nur mit Ovarialgewebe von erwachsenen Frauen durchgeführt wurde, berichten belgische Mediziner in Human Reproduction (2015; doi: 10.1093/humrep/dev128) über die weltweit erste Retransplantation von präpubertärem Gewebe. Eine 27-jährige Frau wurde von einem gesunden Kind entbunden.

Die Frau stammte aus der Republik Kongo. Sie litt an der dort endemischen Sichel­zellanämie, die die Träger der zugrunde liegenden Genmutation vor schweren Verläufen der Malaria schützt. Im Alter von 11 Jahren kam das Mädchen nach Belgien. Da sich die Sichelzellanämie unter einer Therapie mit Hydroxycarbamid nicht besserte und weil mit ihrem Bruder ein geeigneter Spender zur Verfügung stand, rieten die Ärzte zu einer Knochenmarktransplantation.

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Zu dieser Behandlung gehört eine ablative Chemotherapie, die das alte Knochenmark mit der Sichelzellmutation ausradiert, dabei aber auch regelmäßig die Eizellen in den Ovarien zerstört. Die Ärzte rieten deshalb, vor der Knochenmarktransplantation Ovarialgewebe zu entnehmen, um es für eine spätere Retransplantation einzufrieren. Dem Mädchen wurde das rechte Over entfernt, und 62 Fragmente von der Größe 3 mal 1-2 mm Größe wurden tiefgefroren.

Die Retransplantation von kryokonserviertem Ovarialgewebe ist in den letzten Jahren mehrfach durchgeführt worden. Nach den Recherchen von Isabelle Demeestere von der Université Libre de Bruxelles haben mindestens 35 Frauen nach der Retransplantation ein lebendes Kind zur Welt gebracht. Die Besonderheit in ihrem Fall war, dass das Mädchen während der Entnahme erst 13 Jahre und 11 Monate alt war. Sie hatte noch keine Menstruation und es war fraglich, ob das entnommene Gewebe nach einer Retransplantation die unterbrochene Entwicklung fortsetzen würde.

Wie erwartet kam es nach der Knochenmarktransplantation zum Ausfall der Ovarial­funktion. Als das Mädchen 15 Jahre alt war, begannen die Ärzte mit einer Hormoner­satztherapie. Zehn Jahre später wurde die Frau nach ihrem Kinderwunsch befragt. Als sie diesen bejahte, beendete das Ärzteteam um Dr. Isabelle Demeestere die Hormon­ersatztherapie, und bei einem laparoskopischen Eingriff wurde ein Teil des archivierten Gewebes in das verbliebene linke Ovar, in die rechte Bursa omentalis und in ein subkutanes Depot transplantiert.

Das transplantierte Gewebe begann nach der Operation mit der Östrogenproduktion und nach fünf Monaten kam es zur ersten Menstruation. Der Kinderwunsch scheiterte zunächst an der Unfruchtbarkeit ihres Partners. Mit einem neuen Partner wurde sie mehr als zwei Jahre nach der Transplantation schwanger. Im November 2014 wurde sie von einem gesunden Jungen mit einem Gewicht von 3140 Gramm entbunden.

Demeestere betrachtet die erfolgreiche Behandlung als einen wichtigen Durchbruch. Viele Kinder, die wegen einer Krebserkrankung eine Chemotherapie benötigen, könnten von dem Verfahren profitieren, schreibt sie. Es seien aber noch weitere Forschungen notwendig. Das jetzt behandelte Mädchen hatte bei der Entnahme des Ovarialgewebes zwar noch keinen Eisprung, die Pubertät hatte jedoch bereits eingesetzt. Eine andere Situation würde vorliegen, wenn Kinder in den ersten Lebensjahren behandelt werden müssten. © rme/aerzteblatt.de

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