Politik

Verfügbarkeit neuer Arzneimittel in Deutschland sehr hoch

Dienstag, 16. Juni 2015

Berlin – „Auch nach den Änderungen durch das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz gibt es in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern nur eine sehr geringe Verzögerung zwischen Marktzulassung eines neuen Arzneimittels und dessen tatsächlicher Erstattungsfähigkeit.“ Dies ist eines der Ergebnisse der Studie „Arzneimittel­versorgung in der GKV und 15 anderen europäischen Gesundheits­systemen“, die die Technische Universität Berlin im Auftrag des GKV-Spitzenverbandes durchgeführt hat.

Die Erstattungsfähigkeit bestehe dabei für praktisch alle Produkte und je Produkt für alle zugelassenen Indikationen, während in anderen Ländern Einschränkungen auf bestimmte Indikationen häufig aufträten, erklärte Reinhard Busse von der TU, einer der Autoren der Studie, bei deren Präsentation gestern in Berlin.

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Mehr als 95 Prozent der in Europa neu zugelassenen Arzneimittel seien in Deutschland in weniger als drei Monaten auf dem Markt verfügbar. In Schweden seien zum Beispiel nur 85 Prozent innerhalb von sechs Monaten verfügbar und in den Niederlanden 50 Prozent der Arzneimittel in neun Monaten. Busse räumte ein, dass die Zahlen aus dem Jahr 2012 stammten, erklärte jedoch, dass Untersuchungen einzelner Arzneimittel aus dem vergangenen Jahr zu ähnlichen Ergebnissen gekommen seien.

Deutschland hat im europäischen Vergleich hohe Arzneimittelausgaben
„Die vergleichsweise großzügige Erstattungsfähigkeit von rezeptpflichtigen Arzneimitteln sowie die verhältnisweise mäßigen Zuzahlungen spiegeln sich in sehr hohen öffentlich finanzierten Arzneimittelausgaben pro Kopf wider“, erklärte Busse. So habe Deutschland 2012 in absoluten Zahlen auf Platz 2 hinter Irland gelegen – obwohl die private Kranken­versicherung dabei gar nicht berücksichtigt gewesen sei. Auch in relativen Zahlen habe Deutschland 2012 eine Spitzenposition hinter den Niederlanden und Irland belegt.

Für die Zukunft schlug Busse vor, eine „gezieltere Nutzungsteuerung bei neuen Arzneimitteln etwa durch eine Differenzierung der Erstattungsfähigkeit“ zu erwägen. Diese Meinung teilte auch der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzen­verbandes Johann-Magnus von Stackelberg.

„Wir halten es für sinnvoll, die Erstattungsfähigkeit eines Arzneimittels auf die Patientengruppen zu konzentrieren, für die ein Zusatznutzen belegt werden konnte“, sagte er. Heute erkläre der Gemeinsame Bundesausschuss häufig einen Zusatznutzen nur für eine bestimmte Patientengruppe. „Der Erstattungsbetrag gilt aber auch für die anderen Patientengruppen, für die das Medikament gar keinen Zusatznutzen hat“, so von Stackelberg. „Wir meinen, die Gruppe, die gar keinen Zusatznutzen hat, sollte künftig aus der Erstattungsfähigkeit herausgenommen werden.“

GKV-Spitzenverband: Genotyp der Patienten auf Gesundheitskarte speichern
Denn der heute kalkulierte Mischpreis für die neuen Arzneimittel mit Zusatznutzen liege für die Gruppen zu hoch, in denen das Medikament nicht besser wirke als die Vergleichs­therapie, und in den Gruppen zu niedrig, in denen es einen Zusatznutzen entfalte.

Um ein Arzneimittel nur für manche Patienten aus der Erstattungsfähigkeit heraus­zunehmen, bedürfte es jedoch nicht nur einer Gesetzesänderung, sondern den Krankenkassen müsste es auch ermöglicht werden, die einzelnen Patientengruppen zu identifizieren. Von Stackelberg schlug vor, zu diesem Zweck den Genotyp der Patienten auf der elektronischen Gesundheitskarte zu speichern. Nur der Arzt und die Kranken­kasse dürften diese Information allerdings entschlüsseln dürfen, nicht der Apotheker oder die Familie des Patienten. © fos/aerzteblatt.de

Leserkommentare

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EEBO
am Sonntag, 21. Juni 2015, 11:41

Eine eigenartige Meldung - und dazu eigenartige Kommentare!

Eigentlich mag ich mich nicht so recht mit den Kommentaren zu diesem Artikel auseinandersetzen; nur so viel: Weder Pauschalpöbeleien, noch eine seltsame (Lobby-??) Werbung für irgendwelche Antidiabetika oder Fettsenker sind hier lustig, nützlich oder interessant.

Was mich doch viel eher umtreibt, ist die Frage, wie Herr Stackelberg von der GKV die im Kern berechtigte Forderung nach einer gezielt angewandten Erstattungsfähigkeit umsetzen möchte: Mit einem genetischen Profil! Unabhängig davon, daß mit den daraus generierten Daten immer Mißbrauch getreiben werden kann, soll also der Patient keinen Einblick in seine höchstpersönliche DNA-Signatur erhalten? DAS ist also alles, was vom informierten mündigen und selbstbetimmten Patienten übrig bleibt, wenn er in die Fänge der GKV gerät?? Eine DNA-Zwangsablieferung mit maximaler Intransparenz?? Kommt vielleicht demnächst noch die Selektionierung, daß Patienten, die die Veranlagung zu. C. Huntington haben, keine Blutdrucktherapie erhalten, weil es sich ja nicht lohnt???
Aber regen wir uns doch wieder ab - medizinisch umsetzbar dürfte die Sortierung von Patienten in Gruppen mit und ohne Zusatznutzen im Einzelfall ziemlich schwierig werden, alleine schon, weil der Durchschnittspatient eben gerade nicht den selektionierten Teilnehmern von Zulassungsstudien äänelt.
Und angesichts der Tatsache, daß Krankheiten multifaktoriell sind, daß die Genetik nicht immer die Hauptrolle spielt, und die Funktion vieler Gene immer noch nicht bekannt ist, können wir die Überlegungen von Herrn Prof. Hess und Herrn v. Stackelberg getrost als satirische Randerscheinungen vernachlässigen.
Herz1952
am Donnerstag, 18. Juni 2015, 18:25

GKV größter Körperverletzer Deutschlands?

Wenn Arzneimittel mit Zusatznutzen nur für bestimmte Gruppen aus der GKV-Erstattungspflicht herausgenommen werden, so stimmt es, dass es so ist. Wie soll ein chronisch Kranker, der diese Mittel benötigt, das noch finanzieren? Herausnahme aus der Erstattungspflicht heißt auch, dass die Belastungsgrenze von 2 bzw. 1 % nicht wirksam ist.

Für Mehrfacherkrankungen ist es so wie so fast unmöglich ein solches Mittel noch zu bekommen, das auch die Nebenwirkungen berücksichtigt. Es gibt zwar das sog. "Nikolausurteil" vom 06.12.2005, nachdem auch ein Kassenpatient das Recht hat, ein von der GKV nicht erstattungsfähiges Medikament erstattet zu bekommen, falls dies medizinisch erforderlich ist, bzw. falls es vom MDK der jeweiligen Krankenkasse genehmigt ist, voll von der GKV erstattet zu bekommen.
Das hat jedoch den "Pferdefuß" das erstens die Ärzte nicht besonders darüber erfreut sind dem Patienten ein entsprechendes Attest auszustellen und zweitens plötzlich aufgrund des "Budgethämmerchens" dies nicht mehr für notwendig halten. Ich könnte reich werden, wenn ich mit den Kassenärzten jeweils um 100 Euro wetten könnte, dass diese nicht wissen, was es mit dem genannten Urteil auf sich hat. Gestern morgen habe ich es übrigens mit dem Stellvertreter meines Hausarztes versucht. Allerdings habe ich nicht gewettet, sondern nur gefragt - leider.

Zu dumm nur, dass ein Herr Dr. Rainer Hess bei den Antidiabetika körperlichen Schaden oder gar den Tod von Patienten in Kauf genommen hat, mit der Begründung diese seien geschult (und somit doch selbst schuld), falls eine "Unterzuckerung" eintritt. Auch bei Sortis mussten die Patienten "bluten", weil das IQWiG dieses Medikament in der Wirkung mit Simvastatin gleichgesetzt hat. Ich meine damit das "Institut für Quälerei des Patienten im Sinne der Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen" (oder wie heißt dieses Institut?). Zugegeben, diese Institution und der G-BA (gemeiner Bundesausschuss (oder so ähnlich) handeln gesetzlich korrekt im Sinne der Politik.

Bitte, sehr geehrte Vorsitzenden des GKV, überdenken Sie Ihre Überlegungen noch einmal, sonst nützt den Patienten die frühe Verfügbarkeit auch nichts. Und ein Apell an die Ärztinnen und Ärzte - denken Sie bitte an den "Nikolaus". Insbesondere die Diabetologen beschweren sich darüber, dass sie immer mehr Patienten gleich mit Insulin behandeln "müssen".

Bitte, Herr Zöller (ehem. Patientenbeauftragter), halten Sie sich bereit, vielleicht müssen wir Sie aus Griechenland zurückholen, wir brauchen vielleicht auch jemand, der uns hilft, gegen die "Deutsche Troika" (GKV sind auch drei Buchstaben) zu wehren.

Jetzt hoffe ich nur, dass ich den Forenbetreiber nicht in Zugzwang gebracht habe, das neueste Interneturteil wegen der Verantwortlich des Betreibers für Beleidigungen im Internet zu vollziehen.

Ich habe mir jedenfalls alle Mühe gegeben, dies nicht tun zu müssen.

"Big Heart is watching You". (smile)
Widerstand
am Mittwoch, 17. Juni 2015, 12:24

Willkommen im Pharmaschlaraffenland

...Mehr als 95 Prozent der in Europa neu zugelassenen Arzneimittel seien in Deutschland in weniger als drei Monaten auf dem Markt verfügbar....großzügige Erstattungsfähigkeit von rezeptpflichtigen Arzneimitteln ...

Und warum wohl? Antwort aus dem zweiten Zitat-Teil übersetzt: "Deutschland zahlt, wenn du nur genug Geld hast, bekommst du noch mehr zugeschustert und wer nicht bezahlen kann... stirbt ebend früher.
Heuschrecken fressen auch die eigenen Artgenossen.
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