Politik

Einstellung zur Priorisierung medizinischer Leistungen stark von Eigennutz bestimmt

Dienstag, 16. Juni 2015

Bayreuth – Eigennutz ist offenbar für die Einstellung zur Priorisierung medizinischer Leistungen von zentraler Bedeutung. Das zeigt eine neue Studie der Universitäten Bayreuth und Halle-Wittenberg im European Journal of Health Economics (DOI 10.1007/s10198-015-0693-x). Infolge des medizinischen Fortschritts und des demo­grafischen Wandels in Deutschland zeichnet sich ab, dass medizinische Dienstleistungen künftig nicht allen Deutschen jederzeit im gewünschten Umfang zur Verfügung gestellt werden können. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung lehnt es gleichwohl ab, den Zugang zu therapeutischen Maßnahmen von bestimmten Patienteneigenschaften abhängig zu machen. Auch ein einkommensabhängiger Zugang zu einer besseren Gesundheits­versorgung wird mehrheitlich abgelehnt.

Die Studie von Christian Pfarr, Finanz- und Sozialwissenschaftler an der Universität Bayreuth, und Marlies Ahlert, Professorin für Mikroökonomie und Finanzwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, stützt sich auf das sogenannte International Social Survey Programme (ISSP). Sie lässt in vielen Ländern repräsentative Umfragen zu aktuellen sozialwissenschaftlichen Fragen zu und stellt die Rohdaten öffentlich zur Verfügung. In Deutschland wird das ISSP von der GESIS Berlin (Leibniz Institut for Social Science) koordiniert, für die Umfragen ist TNS Infratest zuständig.

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Die Fragen zum Umgang mit knappen Ressourcen im Gesundheitswesen haben 1.681 deutschen Bürger beantwortet, das ist eine repräsentative Stichprobe. Die Antworten der Befragten sind danach oft von eigennützigen Überlegungen geleitet. Die Studienautoren nennen als Beispiel die Frage, wie zu verfahren wäre, wenn zwei Herzpatienten in medizinischer Hinsicht gleichermaßen dringend eine Herzoperation benötigten, aber nicht zur selben Zeit operiert werden könnten.

Angenommen, einer der zwei Herzpatienten ist Raucher, der andere Nichtraucher: Dann votieren 31 Prozent der befragten Nichtraucher dafür, dass der Nichtraucher zuerst eine Operation erhalten sollte; 68 Prozent von ihnen erklären hingegen, dass das Rauchverhalten kein Grund sei, einen der beiden Patienten zu bevorzugen. Von den befragten Rauchern aber halten 82 Prozent diesen Unterschied für irrelevant, und deutlich weniger – nämlich nur 17 Prozent – meinen, dass der Nichtraucher früher operiert werden solle.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Frage nach dem Alter: Von den Befragten, die jünger als 50 Jahre sind, wollen 45 Prozent den jüngeren Patienten bevorzugen. Nur etwas mehr als die Hälfte von ihnen – nämlich 53 Prozent – halten das Alter der Patienten bei der Entscheidung, wer zuerst operiert werden solle, für irrelevant. Bei den Befragten im Alter ab 50 Jahren steigt dieser Anteil auf 64 Prozent, während nur noch 35 Prozent dem jüngeren Patienten den Vorzug geben wollen.

„Wenn es also um die Frage geht, welche Kriterien bei der Gewährung knapper medizinischer Dienstleistungen ins Gewicht fallen sollten, machen offenbar nicht wenige Menschen in Deutschland die eigene Einstellung davon abhängig, inwieweit sie selbst diese Kriterien erfüllen oder nicht“, lautet ein Fazit der Autoren. © hil/aerzteblatt.de

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