Medizin

Herzschrittmacher und ICD: Smartphones und Hoch­spannungsleitungen können Funktion stören

Montag, 22. Juni 2015

München/Montreal – Die elektromagnetischen Felder in der Nähe von Smartphones oder Hochspannungsleitungen können im Einzelfall die Funktion von Herzschrittmachern oder implantierbaren Kardioverter-Defibrillatoren (ICD) stören. Dies belegen Studien, die auf der Fachtagung EHRA EUROPACE-CARDIOSTIM 2015 in Mailand vorgestellt wurden.

Gerätehersteller und die US-Aufsichtsbehörde FDA raten Trägern von Herzschritt­machern und ICD zu einem Sicherheitsabstand von 15 bis 20 cm zwischen dem Implantat und dem Mobiltelefon. Die Warnung beruht allerdings auf Studien, die vor zehn Jahren an Herzschrittmachern durchgeführt wurden. Damals gab es noch keine Smartphones und der Mobilfunkstandard war das GSM-Band.

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Inzwischen haben "Galaxies" und "iPhones" die früheren Handys verdrängt, und tele­foniert wird zunehmend über UMTS und LTE. Auch bei den medizinischen Implantaten ist die Entwicklung nicht stehen geblieben. Viele Patienten tragen ICDs, Herzschrittmacher zur kardialen Resynchronisationstherapie (CRT) und MRI-kompatible Geräte mit kom­plexen Einstellungsmöglichkeiten.

Ein Team um Christof Kolb vom Herzzentrum München hat die Auswirkungen von drei neuen Smartphones (Samsung Galaxy 3, Nokia Lumia und HTC One XL) auf 308 Patienten untersucht: 103 trugen einen konventionellen Herzschrittmacher, 66 ein Gerät zur CRT und 193 einen ICD. Die Smartphones waren mit einem Steuergerät verbunden, von dem aus die Handys in GSM-, UMTS- oder LTE-Netze mit maximaler Signalstärke oder bei 50 Hertz angerufen werden konnten. 50 Hertz ist eine Frequenz, auf die ICDs besonders empfindlich reagieren. Die Smartphones wurden für die Experimente direkt über die implantierten Steuergeräte von Herzschrittmacher oder ICD gehalten. Während der Tests wurde ein 6-Kanal-EKG aufgezeichnet und auf potenzielle Abweichungen untersucht.

Bei mehr als 4.000 Versuchen wurde tatsächlich bei einem der 308 Patienten (0,3 Prozent) eine Abweichung im EKG registriert. Sein MRI-kompatibler ICD interpretierte die elektromagnetischen Signale der Smartphones von Nokia und HTC im GSM- und UMTS-Bereich als intrakardiale Signale (ventrikuläres oder atriales „oversensing“). Für Kolb steht damit fest, dass Smartphones die Funktion von Herzschrittmachern oder ICD stören können. Der Ratschlag, die Handys nicht in der Nähe der implantierten Steuer­geräte zu halten, sie also beispielsweise nicht in der Hemdtasche oder der Jacken­innentasche zu tragen, sollte deshalb beachtet werden, meint der Leiter der Abteilung für Elektrophysiologie am Herzzentrum München.

Höheren elektromagnetischen Feldern sind die Patienten auch unterhalb von Hoch­spannungsleitungen ausgesetzt, oder wenn sie in Elektrowerken arbeiten. Der ISO Standard 14117 verpflichtet die Hersteller, die Geräte gegenüber einer Feldstärke von bis zu 5,4 kV/m (bei 60 Hz) abzuschirmen. Dieser Wert liegt oberhalb der Feldstärke von 4,2 kV/m, die die International Commission on Non-Ionizing Radiation Protection (ICNIRP) als unbedenklich für die menschliche Gesundheit einstuft.

Bei Höchstspannungsleitungen mit 735 kV (in Deutschland nicht im Einsatz) sind laut Katia Dyrda vom Montreal Heart Institute jedoch Expositionen mit bis zu 9 kV/m möglich – vor allem in der Mitte zwischen zwei Pfeilern, da die Drähte dort den geringsten Abstand zum Boden haben.

Dies war für die kanadische Kardiologin Grund genug, 21 Herzschrittmacher und 19 ICD (einschließlich CRT-D) in einem Labor einer elektrischen Feldstärke von bis zu 20 kV/m auszusetzen. Im normalen bipolaren Modus verkrafteten die Geräte bis zu 8,6 kV/m ohne Störungen. Im unipolaren Modus lag der Schwellenwert bei einigen Geräten jedoch nur bei 1,5 kV/m, wenn die Geräte auf die höchste Empfindlichkeitsstufe programmiert waren. Bei der normalen Programmierung arbeiteten die Geräte bei bis zu 2,9 kV/m störungsfrei.

Nach Einschätzung von Dyrda dürfte der kurzzeitige Aufenthalt unterhalb von Höchst­spannungsleitungen unbedenklich sein, zumal die Geräte normalweise im bipolaren Modus programmiert sind. In einem Auto seien die Träger zudem durch einen Fara­dayschen Käfig geschützt. Anders könnte die Situation bei Elektroarbeitern sein, die in Umspannungsstationen oder anderen Arbeitsplätzen beschäftigt sind, wo sie beständig hohen Feldstärken ausgesetzt sind.

Bei diesen Patienten sollten die ICDs auf einen bipolaren Modus geschaltet werden und die Empfindlichskeitsschwelle erhöht werden, rät die Expertin. Ein Wechsel des Arbeitsplatzes sei aber nur selten notwendig. Kritisch sieht die Kardiologin die Idee, Rad- oder Wanderwege direkt unter Hochspannungsleitungen anzulegen.

© rme/aerzteblatt.de

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