Medizin

Grippeimpfung: Wie Pandemrix eine Narkolepsie auslöst

Donnerstag, 2. Juli 2015

Palo Alto – Die rätselhafte Epidemie von Narkolepsie-Erkrankungen, zu der es 2009/10 nach der Grippeimpfung mit Pandemrix gekommen war, wird durch eine neue Studie in Science Translational Medicine (2015; 7: 294ra105) einer Klärung näher gebracht. Vermutlich handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, die gegen Hypocretin-Rezeptoren im Schlaf/Wach-Zentrum des Gehirns gerichtet war.

Die Angst vor einer schweren Pandemie durch das damals neue Influenzavirus A/H1N1 (Schweinegrippe) hatte 2009 in vielen Ländern zu einer Verstärkung der Impfbemühungen geführt. Die in dieser Hinsicht vorbildlichen skandinavischen Behörden hatten hierzu den Impfstoff Pandemrix eingekauft, der auch an alle Kinder und Jugendlichen verimpft wurde.

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Im August 2010 kam es dann in Schweden, später auch in Finnland, Norwegen und Irland zu Berichten über Narkolepsie-Erkrankungen bei geimpften Kindern und Jugendlichen. Zunächst waren es nur vereinzelte Fälle. Nach den aktuellen Zahlen der EudraVigilance-Datenbank der Europäischen Arzneimittelagentur sind bis Januar 2015 mehr als 1.300 Fälle bekannt geworden, darunter einige auch aus Deutschland.

Epidemiologische Studien ermittelten bald einen Zusammenhang mit dem Impfstoff Pandemrix, während der Konkurrenz-Impfstoff Focetria nicht betroffen war. Da die Narkolepsie eine Autoimmunerkrankung ist, wurde bald darüber diskutiert, dass eine „molekulare „Mimikry“ der Auslöser sein könnte: Pandemrix könnte die Bildung von Antikörpern induziert haben, die nicht nur Bestandteile des Grippevirus erkennen, sondern versehentlich auch Bestandteile des menschlichen Organismus angreifen. Da die Narkolepsie durch den Ausfall des Schlaf/Wach-Zentrums im Gehirn ausgelöst wurde geriet bald das Hormon Hypocretin in Verdacht, das von den dortigen Zellen gebildet wird.

Die jetzt von einer Gruppe um Lawrence Steinman von der Stanford University School of Medicine in Palo Alto vorgestellten Untersuchungsergebnisse konkretisieren den Verdacht, allerdings mit der Änderung, dass die Antikörper nicht gegen das Hormon gerichtet sind, sondern gegen einen seiner Rezeptoren. In der Aminosäuren-Sequenz des Rezeptors fanden sie eine Stelle, die auch auf dem Nukleoprotein des Influenza-Virus vorhanden ist. Hier könnte sich der Grund für die Verwechslung befinden.

Die Forscher konnten Antikörper gegen das Nukleoprotein bei 17 von 20 finnischen Patienten nachweisen, die nach der Impfung mit Pandemrix an einer Narkolepsie erkrankt waren. In einer Vergleichsgruppe, die mit Focetria geimpft wurde, wurden diese Antikörper niemals gefunden. Laborexperimente bestätigten die Kreuzreaktion: Die Antikörper erkannten sowohl das Nukleopeptid des Grippevirus als auch den Abschnitt auf dem Rezeptor der Nervenzelle. Steinman vermutet deshalb, dass die Antikörper für die Autoimmunreaktion verantwortlich sind.

Damit es zur Erkrankung kommt, muss allerdings noch ein zweites Ereignis eintreten. Die Blut-Hirn-Schranke ist nämlich normalerweise undurchlässig für Antikörper. Eine weitere Erkrankung, eine schwere Entzündung oder eine Infektion könnte laut Steinman jedoch die Blut-Hirn-Schranke für kurze Zeit öffnen. Dieses Ereignis müsste nicht mit der Impfung zusammenfallen, da die Antikörper ja lebenslang im Blut vorhanden sind. Dies würde erklären, warum Geimpfte auch Jahre nach der Impfung noch an einer Narkolepsie erkranken können.

Auch für die Tatsache, dass die Narkolepsien nur nach der Impfung mit Pandemrix, aber nicht bei anderen Vakzinen aufgetreten ist, hat Steinman eine Erklärung: Massenspektrometrische Analysen ergaben, dass Pandemrix deutlich höhere Konzentrationen des Nukleopeptids enthält als andere Vakzinen.

Diese Interpretation lässt allerdings die Möglichkeit offen, dass nicht nur Pandemrix, sondern auch die anderen Impfstoffe, wenn auch in geringerer Zahl und deshalb in den epidemiologischen Studien nicht erkennbar, eine Narkolepsie auslösen können. Auch die Influenza selbst sollte dazu in der Lage sein, da das Nukleopeptid ja ein normaler Bestandteil des Influenza-Virus ist. Hierfür gibt es tatsächlich Hinweise. So wurde nach der Spanischen Grippe 1918-20 von Ärzten über eine Häufung von „Schlafkrankheiten“ als einer Variante der „Encephalitis lethargica“ berichtet. Auch in China kam es zwischen 1996 und 2008 nach den Grippewellen jeweils zu einem Anstieg der Narkolepsie-Diagnosen. In anderen Ländern wurde dies bisher nicht beobachtet. Steinman bringt dies mit der hohen Bevölkerungsdichte in einigen chinesischen Städten in Verbindung.

Für Prof. Hartmut Wekerle vom Max-Planck-Institut für Neurobiologie in Martinsried sind die Ergebnisse in sich schlüssig, wenn auch Fragen offen bleiben. So hatten ja nicht alle Patienten mit Narkolepsie die Antikörper im Blut. Unklar sei auch, warum ausschließlich Träger der HLA-Variante DQB1*06:02 nach einer Impfung an einer Narkolepsie erkranken, schreibt Wekerle im Editorial. Der Neuroimmunologe hätte sich zudem gewünscht, dass die Forscher die Erkrankung in einem Tierexperiment durch Übertragung der Antikörper ausgelöst hätten, was die Hypothese bewiesen hätte. © rme/aerzteblatt.de

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