Politik

„Es geht nur ums Geld“

Dienstag, 28. Juli 2015

Berlin – Mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz wurden die Hochschulambulanzen stärker für die ambulante Versorgung geöffnet. Der niedergelassene Onkologe Ingo Schwaner aus Berlin erklärt, warum das aus seiner Sicht das Gleichgewicht in der Patientenversorgung stört und weshalb die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) die Versorgung in Berlin nicht verbessert.

5 Fragen an Ingo Schwaner, Onkologische Schwerpunktpraxis Kurfürstendamm

DÄ: Künftig sind alle Hochschulambulanzen per Gesetz zur Behandlung von Patienten ermächtigt, die zur Ausbildung der Studierenden notwendig sind, sowie von Patienten mit schweren und komplexen Erkrankungen. Ist das sinnvoll?
Schwaner: Zunächst einmal: Ohne Hochschul­ambu­lanzen wäre eine niedergelassene onkologische Therapie nicht vorstellbar. Sie werden allerdings nicht für alle Patienten benötigt, sondern allein für die komplexen Fälle. Eine Öffnung der Hochschulam­bulanzen für die Regelversorgung ist deshalb nicht erforderlich. Aus meiner Sicht ist sie sogar bedenklich. Denn zum einen ist in Hochschulambulanzen kein Facharztstandard garantiert. Zum anderen gelingt aus meiner Sicht eine einfache und zeitnahe Versorgung normaler Patienten schon rein logistisch nicht. Viele Krankenhäuser sind personell überhaupt nicht in der Lage, noch weitere Patienten ambulant zu versorgen.

Im Moment ist es genau umgekehrt: Die Charité überweist uns aktuell komplexe Fälle, weil sie gerade bestreikt wird. Jetzt sind wir dafür gut genug. Natürlich können wir in Notfällen auch hochkomplexe Therapien vornehmen. Aber das ist genauso wenig unsere Aufgabe, wie es die Aufgabe der Hochschulambulanzen ist, normale Patienten zu versorgen. Dadurch würde das Gleichgewicht in der Versorgung gestört.

DÄ: Aber brauchen die Hochschulambulanzen nicht auch Patienten mit normalen Krankheitsverläufen, damit die Studierenden auch deren Behandlung lernen?
Schwaner: Nein, das Argument ist vorgeschoben. Die meisten Studierenden arbeiten nicht in den Hochschulambulanzen. Die Charité hat vor einiger Zeit hervorgehoben, dass die Hochschulambulanzen aus ihrer Sicht eine Portalfunktion für das Krankenhaus haben. Das ist wenigstens ehrlich. Und es zeigt: Es geht nur ums Geld.

DÄ: Und das wird nicht gerecht verteilt?
Schwaner: Nein, das wird es nicht. Nehmen Sie die ASV. Für die Behandlung gastrointestinaler Tumore ist die Charité jetzt zur ASV zugelassen. Das heißt, das Budget der niedergelassenen Fachärzte wird bereinigt werden – egal, ob sie an der ASV teilnehmen oder nicht. Und die ASV-Leistungen der Krankenhäuser werden mit diesem Geld finanziert. Das ist nicht gerecht.

Nur um das klarzustellen: Ich bin absolut der Ansicht, dass wir eine bessere Finanzierung der Hochschulambulanzen brauchen. Ich ärgere mich auch nicht über die Kranken­häuser. Sie haben genauso zu kämpfen wie wir. Ich ärgere mich aber, dass die Politik nicht für faire Spielregeln sorgt. Denn es können doch nicht die niedergelassenen Ärzte sein, die die Hochschulambulanzen und damit auch Forschung und Lehre mitfinanzieren. Und ich ärgere mich, wenn Krankenhäuser mit vorgeschobenen Argumenten kommen – wie dem Argument, sie bräuchten normale Patienten für die Ausbildung. 

DÄ: Sie sprachen die ASV an. Ist denn die ASV aus Ihrer Sicht dazu geeignet, die Patientenversorgung zu verbessern?
Schwaner: Nein, zumindest nicht in Berlin. Denn sie gibt etwas vor, was hier schon seit den 1990er Jahren gelebt wird: die kooperative Patientenversorgung. Jede Woche nimmt unsere Praxis an acht Tumorkonferenzen teil. Und das machen andere niedergelassene Onkologen aus den anderen Schwerpunktpraxen genauso. Die Zusammenarbeit zwischen Niedergelassenen und Krankenhäusern funktioniert also schon sehr gut. Medizinisch wird die ASV deshalb keine Verbesserungen herbeiführen. Und finanziell bringt sie uns auch nichts, weil die Gesamtvergütung bereinigt wird. Das ist wieder das Prinzip „linke Tasche, rechte Tasche“.

DÄ: Werden Sie denn trotzdem an der ASV teilnehmen?
Schwaner: Seit einem Jahr diskutieren wir mit den Krankenhäusern darüber. Manche Krankenhausvertreter sagen mir: Die Anmeldung zur ASV, die vertragliche Ausge­staltung, ist so teuer, dass sich eine Teilnahme gar nicht lohnt – zumal sich ja an der Art und Qualität unserer Zusammenarbeit überhaupt nichts ändern würde. Ich würde mich allerdings freuen, wenn sich ein Krankenhaus im Rahmen der ASV vertraglich an unsere Praxis bindet. Denn bislang arbeiten wir ja außerhalb vertraglicher Regeln zusammen. Das wäre aber auch der einzige Mehrwert, den unsere Praxis hätte.

© fos/aerzteblatt.de

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