Ausland

Krankenhaus beruft „Familienrat” zu Koma-Patient Lambert ein

Freitag, 10. Juli 2015

Paris – Vincent Lambert zieht sich bei einem Motorradunfall am 29. September 2008 schwere Kopfverletzungen zu. Er fällt ins Koma - ein Zustand, aus dem er seither nicht zurückgekehrt ist. Zwar bewegt er manchmal die Augen. Ob er allerdings versteht, was die Ärzte im Krankenhaus in Reims sagen, ist nicht sicher zu klären. Einer seiner Ärzte spricht von möglicherweise „minimalem Bewusstsein”.

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Anfang 2013 beginnt ein Gezerre: Lambert sträubt sich nach Einschätzung der Ärzte gegen lebensverlängernde Maßnahmen. Körperliche Reaktionen zeugten von Schmerzen des Patienten, heißt es. Deshalb wollen sie den unheilbar Kranken sterben lassen. Das sogenannte Leonetti-Gesetz erlaubt in Frankreich eine solche Entscheidung von Ärzten, wenn sich der Patient nicht mehr selbst mitteilen kann. Beihilfe zur Selbsttötung ist dagegen verboten.

Auch die Ehefrau, Rachel Lambert, ist einverstanden. Die künstliche Ernährung wird eingestellt; Lambert bekommt lediglich noch 200 Milliliter Wasser pro Tag zugeführt. „Vincent gehen zu lassen, ist mein letzter Liebesbeweis”, sagt seine Frau der Tageszeitung Le Monde. „Ich wusste, dass es ein Leben war, dass er so nicht wollte.” Rachel Lambert ist, wie auch ihr Mann, ausgebildete Krankenpflegerin. Schriftlich festgehalten hatte Vincent Lambert eine solche Willensbekundung jedoch nie.

Die Eltern und zwei der acht Geschwister des Koma-Patienten klagen vor dem Verwaltungsgericht in Chalons-en-Champagne gegen die Entscheidung der Ehefrau; die Ärzte müssen im Mai die künstliche Ernährung wieder aufnehmen. Rachel Lambert berichtet daraufhin, sie habe einen Brief der traditionalistischen Piusbruderschaft erhalten, denen die Eltern des Patienten nahe stehen. Darin werfe man ihr vor, den Todesprozess ihres Mannes zu unterstützen.

Auch öffentlich kritisieren die Eltern ihre Schwiegertochter und die Ärzte. Sie werfen ihnen vor, ihren Sohn zu misshandeln, in dem sie ihm die Nahrung verweigern. Ende 2013 beginnt der behandelnde Arzt eine neue Kampagne, um das Leben Lamberts zu beenden. Eine Gruppe von Medizinern entscheidet erneut, die Ernährung einzustellen. Erneut protestierten die Eltern. Erneut spricht das zuständige Gericht den Eltern im Januar 2014 Recht zu. Im Urteil heißt es, es könne nicht sichergestellt werden, dass der Patient tatsächlich keine lebensverlängernden Maßnahmen wolle.

Lamberts Ärzte reagieren empört. Rachel klagt schließlich vor dem obersten franzö­sischen Verwaltungsgericht. Dieses entscheidet im Juni 2014, die lebens­erhaltenden Maßnahmen dürften beendet werden. In einem Eilantrag wenden sich die Eltern daraufhin an den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof. Die Einstellung der lebensverlängernden Maßnahmen verstoße gegen das Recht auf Leben und das Verbot menschenunwürdiger Behandlung, argumentieren sie. Die Ernährung wird per einstweiliger Verfügung wieder aufgenommen.

Anfang Juni entscheiden die Straßburger Richter zugunsten der passiven Sterbehilfe und bestätigen damit geltendes französisches Recht. Kurz darauf beantragen die Eltern eine Überprüfung des Urteils - ihrer Meinung nach hat sich der Gesundheitszustand Lamberts verbessert, er habe Nahrung und Wasser aufnehmen können, so die Anwälte. Der Menschenrechtsgerichtshof lehnt eine weitere Überprüfung des Urteils ab. Es gebe keine neuen Entwicklungen, die einen Einfluss auf den Ausgang eines neuen Verfahrens hätten, so die Richter am vergangenen Montag. Die Eltern Lamberts und ihre Anwälte reagieren empört und kündigen an, sich an andere Institutionen wenden zu wollen.

Nun versucht das behandelnde Krankenhaus eine Lösung zu erwirken. Die Direktion des CHU Reims lud alle Beteiligten zu einem „Familienrat” am kommenden Mittwoch (15. Juli) ein. Man wolle vor weiteren Maßnahmen „mit Blick auf das Ende der Behandlung” zunächst Rücksprache mit allen Parteien halten, hieß es. © kna/aerzteblatt.de

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