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„Als Gegenleistung für eine längere Förderung darf die KV auch etwas fordern“

Montag, 20. Juli 2015

Philippsthal – Eine junge Ärztin in der Weiterbildung Allgemeinmedizin, zwei fördernde Kassenärztliche Vereinigungen (KV) – dem Hausarzt Thomas Lepper aus Philippsthal nahe Bad Hersfeld/Hessen ist es gelungen, diese Nachwuchsförderung für seine Kollegin Janine Linke zu organisieren. Welche Chancen er dadurch für die Versorgung in der Region sieht, was man von den jungen Kollegen lernen kann und weshalb es gut wäre, wenn KVen flexibler wären, schildert er im Interview.

5 Fragen an Thomas Lepper, Allgemeinarzt

DÄ: Wie ist es Ihnen gelungen, dass Ihre Weiter­bildungsassistentin von zwei Kassenärztlichen Vereinigungen gefördert wird, und dies auch noch über einen längeren Zeitraum als üblich?
Lepper: Da muss ich etwas weiter ausholen. Ich bin seit 23 Jahren niedergelassen, führe in Philippsthal eine hausärztliche Praxis und verfüge auch noch über einen zweiten Arztsitz. Vor zweieinhalb Jahren kam Frau Linke als Weiterbildungsassistentin in die Praxis. Sie wurde für 24 Monate im Rahmen des Förderprogramms Allge­meinmedizin von der KV Hessen gefördert. Es hätten dann aber noch neun Monate bis zum Ende der gesamten Weiterbildungszeit gefehlt. Ich habe zwar die Ermächtigung für 36 Monate, doch ich hätte Frau Linke ohne Förderung nicht bezahlen können.

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Deshalb habe ich mich an die KV gewandt, an das Landratsamt, an die Gemeinde, ohne Erfolg. Denn ich wollte eine eingearbeitete Ärztin, die in der Region angenommen ist, nicht gehen lassen. Dann habe ich eines Tages einen Zeitungsartikel in der „Hersfelder Zeitung“ gelesen, und da ist mir der Kragen geplatzt. In dem Bericht ging es um einen hessischen Gesundheitspakt, im Rahmen dessen das Land Medizinstudenten mit bis zu 600 Euro monatlich fördern will, wenn sie eine Famulatur oder ein Praktikum in einer hessischen Landarztpraxis machen. In meiner Praxis arbeitete also eine junge Ärztin, fast fertig weitergebildet und damit unter Versorgungsaspekten an dem Punkt, an den man die Medizinstudentinnen und –studenten erst noch hinbekommen will – aber für sie sollte es keine Fördermöglichkeit mehr geben!

Daraufhin habe ich erneut einen Antrag bei der KV Hessen gestellt und persistiert. Eigentlich hatte ich nicht mit einer hilfreichen Reaktion gerechnet. Aber zu meinem großen Erstaunen bekam ich zur Antwort, dass man mit der KV Thüringen darüber nachdenken werde, eine gemeinsame Lösung zu finden. Ich war ganz baff. Nun wird Frau Linke seit Anfang Mai von beiden KVen finanziert.

DÄ: Inwiefern nutzt das?
Lepper:  Meine Praxis liegt sehr nah an der thüringischen Grenze. Deshalb kommt etwa ein Drittel meiner Patienten aus Thüringen. Die entscheiden doch wie alle mit den Füßen, wo sie sich gut versorgt fühlen, und wissen doch gar nicht, dass es zwei KV-Bereiche gibt. Aber für mich wie für andere Ärzte in solchen Grenzregionen ist es natürlich ein Problem, wenn KVen oder Krankenkassen nicht länderübergreifend kooperieren. Wenn Sie da abrechnungstechnisch etwas regeln wollen, funktioniert das nicht.

Das gilt beispielsweise für die AOK-Hausarztverträge. Ich habe rund 50 Patienten aus Hessen, die eingeschrieben sind, und 150 aus Thüringen, die sich gern einschreiben würden. Aber weil meine Praxis in Hessen liegt, kann ich mich nur am hessischen Vertrag beteiligen.

DÄ: Umso erfreulicher, dass die Kooperation zwischen den KVen Hessen und Thüringen bei der Suche nach einer Lösung für Ihre Weiterbildungsassistentin geklappt hat. Aber es bleibt das Problem, dass auch zwei KVen nicht sicher sein können, dass die geförderten Ärztinnen und Ärzte in der Region bleiben. Wie sollte man Ihrer Meinung nach damit umgehen?
Lepper: Es wäre trotzdem gut, wenn die Dauer für das Förderprogramm zur Weiter­bildung in der Allgemeinmedizin verlängert würde. Es stärkt schließlich die Motivation, danach in eine Praxis zu gehen. Es kommt häufiger vor, dass den jungen Kollegen nur noch ein paar Monate bis zum Ende der Weiterbildungszeit fehlen, aber die Förderung endet. Sicher ist es wichtig, dass sie sich am Anfang ausreichendes fachärztliches Wissen in einer Klinik aneignen. Doch wer stellt sie am Ende ein, wenn nur noch ein paar Monate fehlen? Und sollen wir riskieren, dass der Draht zu einer Praxis wegen ein paar Monaten abbricht?

Eine Verlängerung der Förderzeit könnte dazu beitragen, dass sich Weiterbildungs­assistenten stärker in der Region verwurzeln und eine stärkere Praxisbindung entwickeln. Man könnte eine längere Förderung aber daran knüpfen, dass die Ärztinnen und Ärzte dann drei bis fünf Jahre in der Praxis bleiben müssen. Ich finde, als Gegen­leistung für eine längere Finanzierung dürfte die KV auch einmal etwas fordern. Das wäre auch ein Schritt heraus aus dem Dilemma, dass man fördert und nicht weiß, wer in der Region bleibt. Außerdem wäre es ein Anreiz für Praxisinhaber, die weiterbilden. Ich könnte zum Beispiel besser planen, für welchen Zeitraum ich wegen eines jungen Kollegen mehr Personal einstelle.

Aber mir ist noch etwas wichtig: Stärker als mit solchen Vorgaben sollten sich die KVen damit beschäftigen, was den Nachwuchs am Ende der Weiterbildung möglicherweise abschreckt, überhaupt in einer Praxis zu arbeiten oder sie zu übernehmen. Meine Weiterbildungsassistentin bekommt die Probleme im Praxisalltag schon mit, beispiels­weise Regressforderungen oder auch, wie kompliziert die Honorarabrechnungen sind. Man droht im Grunde Praxisinhabern permanent, und das schreckt ab.

DÄ: Wie schaffen Sie es, Ihrer jungen Kollegin ein realistisches Bild des Berufsalltags zu vermitteln, gleichzeitig aber auch die Freude an dem, was der Kern Ihres Berufs ist?
Lepper: Ich gewähre jungen Kollegen schon Einblicke in den Praxisablauf, wie er ist, und verschleiere nichts. Natürlich ist es traurig, wenn man arbeitet und die Verordnungen für einen verstorbenen Demenzpatienten zu einem Regress von mehr als 1.000 Euro führen, nur weil dieser seine Medikamente verlegt und unregelmäßig eingenommen hatte. Das kann man nicht leugnen, ebenso wenig, wie aufwendig die Abrechnungen und die Kontrollen der Honorarbescheide sind. Das ist etwas, womit junge Kollegen eigentlich keine Zeit verbringen wollen. Sie wollen ärztlich arbeiten. Das können sie natürlich in meiner Praxis, aber sie müssen auch verwaltungstechnische Arbeiten übernehmen.

Was wichtig ist: Die jungen Kollegen wünschen sich Flexibilität, Freizügigkeit, Spontanität. Das kann man innerhalb einer Praxis in Gemeinschaft mit Kollegen schon hinbekommen. Man muss sich allerdings mit ihnen gut verstehen. In einem größeren Team lassen sich auch die ganze Bürokratie und die ewigen neuen Anforderungen besser schultern, weil man sie verteilen und sich darüber austauschen kann.

Es ist ja jetzt immer öfter die Rede von einer besseren Work-Life-Balance. Das ist etwas, was wir älteren Kollegen gut von den jüngeren lernen können. Ich beobachte, dass in meiner Region immer mehr Arztpraxen aus Altersgründen aufgegeben werden. Neulich hat uns aber auch ein Kollege Anfang 40 angeschrieben und mitgeteilt, dass er seine Praxis schließt und in einem großen allgemeinmedizinischen Zentrum in einer Großstadt neu anfängt. Er sehe nicht ein, dass der ganze Druck durch die Praxisschließungen auf seinem Rücken ausgetragen werde, schrieb er.

Das sehe ich genauso. Wir haben die Versorgung in unserer ländlichen Region jahrelang gut hinbekommen, aber nun kommen wir an unsere Grenzen. Die jungen Kollegen sehen, dass wir nicht mehr alle Patienten versorgen können, und scheuen sich vor einer Niederlassung.

DÄ: Zwei KVen haben Sie gerade bei der Weiterbeschäftigung Ihrer Assistentin unterstützt. Was könnten sie noch tun, um Ihnen die Arbeit in der Praxis zu erleichtern?
Lepper: Sie müssten in vielem einfach lockerer werden. Wir niedergelassenen Ärzte sind Freiberufler – nur merkt man davon nichts mehr. Wenn ich eine Kollegin oder einen Kollegen einstellen möchte, dann kann ich nicht einfach jemanden auswählen. Ich muss einen Antrag stellen, vielleicht noch hunderte Euro an Gebühren bezahlen und so weiter. Bei meinen Medizinischen Fachangestellten kräht hingegen kein Hahn danach, wen ich wann anstelle.

Was mich auch noch ärgert: Parallel zu unseren Praxen blüht das Heilpraktikerwesen. Für diese gelten aber alle unsere Reglementierungen nicht. Der Patient geht dorthin und zahlt, während er bei uns nicht einmal weiß, was einzelne Leistungen kosten oder dass es Abschläge gibt, wenn man zu viele Patienten behandelt. Eine durchschnittliche hessische Arztpraxis in meiner Gegend versorgt meines Wissens rund 1.000 Patienten im Quartal. Kürzlich habe ich gelesen, dass es wegen der vielen Praxisschließungen in zehn, fünfzehn Jahren 3.000 Patienten sein werden. Wie soll das zu schaffen sein? 

Ich mache mir schon Sorgen, dass unser bisheriges Versorgungssystem an die Wand fährt, wenn meine Generation in den Ruhestand geht. Ich bin 55. Wenn ich, so wie viele Kollegen, in etwa zehn Jahren aufhöre, dann sind vermutlich statt knapp 100 Ärzten im Kreis nur noch 30 tätig. Sie können aber nicht 3.000 Patienten im Quartal gewissenhaft versorgen. Die könnte man nur noch in großen Strukturen durchschleusen, aber dann wäre die Arzt-Patient-Beziehung nichts mehr wert.

Dabei ist Zeit zu haben doch immer die halbe Heilung. Diesen Ansatz müssen wir wieder regelhaft in eine normale Arztpraxis hineinbringen und uns bewahren. Ich habe Patienten und keine Nummern zu behandeln. Ich höre ihnen zu, begegne ihnen mit Achtsamkeit und nehme sie ernst und versuche, ihr Problem mit Empathie, Erfahrung und Sachverstand zu lösen. © Rie/aerzteblatt.de

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