Medizin

Armut beeinflusst Hirnentwicklung

Montag, 20. Juli 2015

Madison – Kinder, die in Familien unterhalb der Armutsgrenze aufwachsen, haben schlechtere schulische Leistungen, die laut einer Studie in JAMA Pediatrics (2015; doi: 10.1001/jamapediatrics.2015.1475) wenigstens teilweise auf eine Unterentwicklung von Hirnarealen zurückzuführen waren, die für kognitive Fähigkeiten benötigt werden.

Armut ist häufig mit Vernachlässigung, erhöhtem Lebensstress, instabilen Familien­verhältnissen und manchmal auch mit Gewalt verbunden. Diese Erlebnisse prägen nicht nur den Charakter des Kindes. Frühere Studien haben auch gezeigt, dass Kinder aus ärmeren Verhältnissen einen niedrigeren IQ haben (in einer Langzeitbeobachtung von adoptierten Kindern betrug der Unterschied im Durchschnitt sogar 13 IQ-Punkte).

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Dies ist nicht nur in neuropsychologischen Testbatterien messbar. Die jetzt von Seth Pollak von der University von Wisconsin in Madison und Mitarbeitern veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass sie auch in der Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns sichtbar werden.

Die Forscher haben die MRT-Bilder von 389 Kindern und Jugendlichen im Alter von 4 bis 22 ausgewertet, die an der „MRI Study of Normal Brain Development“ teilgenommen hatten. Dort war auch das Haushaltseinkommen registriert worden. Die US-Regierung ermittelt regelmäßig die Armutsgrenze. Bei einem Zweipersonenhaushalt liegt sie derzeit bei einem Jahreseinkommen von 15.930 US-Dollar, bei einem Dreipersonenhaushalt bei einem Jahreseinkommen von 20.090 US-Dollar.

Bei Kindern unterhalb dieser Grenze lag das Volumen der grauen Hirnsubstanz, also dem Anteil mit den Hirnzellen, um 8 bis 10 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt. Auch Kinder aus Familien, deren Jahreseinkommen weniger als 150 Prozent der Armutsgrenze betrug, lag die graue Hirnsubstanz um 3 bis 4 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt. Die gleichen Kinder erzielten in den Tests zur Intelligenz (Wechsler) und zur Entwicklung (Woodcock-Johnson) ein um 4 bis 7 Punkte schlechteres Ergebnis.

Pollak bringt dies mit den MRT-Ergebnissen in Verbindung, da die unterprivilegierten Kinder häufiger in Frontallappen, Temporallappen und im Hippocampus eine unterdurchschnittlich ausgeprägte graue Hirnsubstanz aufwiesen. Frontallappen und Temporallappen werden mit der Intelligenz in Verbindung gebracht, der Hippocampus ist eine wichtige Relais-Station für die Gedächtnisbildung.

Nach einer Schätzung von Pollak erklären die Unterschiede etwa 15 bis 20 Prozent der Minderbegabung von Kindern aus Familien unterhalb der Armutsgrenze. Die Studie kann nicht vollständig eine Negativselektion ausschließen, nach der Menschen mit einer genetisch bedingten Minderbegabung ein niedrigeres Einkommen erzielen und sich die Minderbegabung an die Kinder weitervererbt.

Dagegen sprechen allerdings die Erfahrungen aus den Adoptionsstudien (die eine Vererbung ausschließen). Pollak verweist auch auf Ergebnisse der Hirnforschung, nach denen die betroffenen Hirnstrukturen und hier vor allem der Hippocampus sich nach der Geburt entwickeln und während der Kindheit besonders sensibel auf äußere Einflüsse reagieren. © rme/aerzteblatt.de

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