Politik

25 Jahre nach der Wende: Große Unterschiede zwischen Ost und West auch bei Gesundheitsverhalten

Mittwoch, 22. Juli 2015

Berlin - Ein viertel Jahrhundert nach der Wiedervereinigung bestehen immer noch große Unterschiede zwischen Ost und West. Im Osten sind mehr Menschen arbeitslos, die Bevölkerung schrumpft mit Ausnahme von Berlin und Brandenburg, es leben dort weniger Menschen mit Migrationshintergrund, das freiwillige Bürgerengagement ist geringer, deutlich mehr Menschen wählen die Linke und kein ostdeutscher Fußball­verein spielt in der Bundesliga. Zu diesen Erkenntnissen kommt die Studie „So geht Einheit“, die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung heute vorgestellt hat. „Das Ergebnis hat uns selbst erstaunt“, sagte Reiner Klingholz, Leiter des Berlin-Instituts.

Der Gesundheitszustand der Ostdeutschen hat sich seit der Wende deutlich verbessert. Neugeborene im Osten können heute mit etwa sechs Lebensjahren mehr rechnen als kurz vor 1989 Geborene. Vor allem in den siebziger Jahren lebten die Menschen in der DDR in vielem ungesünder: Sie tranken mehr Alkohol als die Westdeutschen und die Männer rauchten mehr. Bluthochdruck und Adipositas waren deutlich stärker verbreitet als im Westen.

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Deutlich mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der ehemaligen DDR
„Das hat auch mit den unterschiedlichen Gesundheitssystemen zu tun: die Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, von der hauptsächlich Ältere profitieren, war in der DDR zweitrangig“, erläuterte Klingholz. Die Arbeitskraft der erwerbstätigen Bevölkerung zu erhalten, habe im Fokus gestanden. Die Sterblichkeit aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen lag für beide Geschlechter laut der Studie zu Beginn der 1990er Jahre um eineinhalb Mal höher als im Westen, wo die moderne Medizin wesentlich dazu beitrug, diese zu senken.

Heute tritt Adipositas, das zu den Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählt, im Osten nach wie vor häufiger auf als im Westen. Die Werte nähern sich jedoch an, weil der Anteil der Erkrankten im Westen seit der Wende stärker zugenommen hat. Wenngleich sich die Lebenserwartung weitgehend angeglichen hat, wiesen die fünf ostdeutschen Bundesländer 2012 die höchste Herzinfarkt-Sterblichkeit auf, angeführt von Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Sozioökonomische Faktoren wie Arbeitslosigkeit und geringere Bildung sind mitverantwortlich für Herzerkrankungen. Beide Risikofaktoren sind im Osten ausgeprägter – letzterer auch aufgrund der Abwanderung gebildeter junger Menschen in den arbeitsplatzreicheren Westen.

Alkoholbedingte Todesfälle im Osten immer nach wesentlich häufiger
Im Jahr der Wiedervereinigung waren in der ehemaligen DDR deutlich mehr alkohol­bedingte Todesfälle zu verzeichnen als in Westdeutschland. In Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise starben 1990 dreimal so viele Menschen an den Folgen des Alkoholmiss­brauchs als im Bundesdurchschnitt. Das lag vor allem daran, dass Schnaps nach Bier das zweitbeliebteste Rauschmittel in der DDR war. Von 1950 bis 1989 stieg der Konsum hochprozentiger Spirituosen von 1,3 Liter pro Einwohner auf über 15 Liter an. „Es gab - im Gegensatz zu allem anderen - eine große Auswahl an Schnaps in den Regalen und viele brauten auch selbst“, berichtete Klingholz. Im Westen dagegen war Wein deutlich beliebter als Hochprozentiges.

An den Konsumgewohnheiten hat sich wenig geändert. Nach wie vor sterben in den ostdeutschen Bundesländern deutlich mehr Menschen an den Folgen von aktuellem missbräuchlichem Alkoholkonsum und an den Folgewirkungen früheren Trinkens. Auch die Zahl der alkoholbedingten Verkehrsunfälle ist im Osten höher. „Ostdeutsche setzen sich traditionell häufiger alkoholisiert hinter das Steuer“, sagte der Leiter des Berlin-Instituts.

Im Westen sterben mehr Menschen an illegalen Drogen
Deutlich mehr Todesfälle durch illegale Drogen gab und gibt es dagegen in Westdeutsch­land und vor allem in den beiden größten Stadtstaaten. In Berlin und Hamburg sterben dreimal so viele Menschen an den Folgen harter Drogen wie im Bundesdurchschnitt. In der DDR spielten illegale Drogen aufgrund der strengeren Grenzkontrollen keine Rolle. Heute gelangen zunehmend synthetisch hergestellte Drogen wie Crystal Meth aus Tschechien nach Sachsen, Thüringen und nach Bayern. © pb/aerzteblatt.de

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