Medizin

Studie warnt vor lauter Musik im Operationssaal

Mittwoch, 5. August 2015

London – Im Allgemeinen hat Musik eine unterhaltsame und entspannende Wirkung, im Operationssaal kann sie jedoch die Kommunikation stören und Spannungen im Operationsteam auslösen, wie eine „ethnographische“ Studie im Journal of Advanced Nursing (2015; doi: doi: 10.1111/jan.12744) ergab.

Musik wurde erstmals 1914 in die Operationssäle eingeführt. Anfangs sollte sie die Geräusche übertönen und den Patienten die Angst nehmen. Inzwischen erhalten die meisten Patienten eine Narkose. Die Musik dient heute eher der Unterhaltung des Operationsteams, genauer gesagt des ersten Operateurs, denn dieser bestimmt in der Regel, ob in einem Operationssaal die Musik angestellt wird oder nicht.

Anzeige

Eine demokratische Entscheidung fand in den Operationen, die Sharon-Marie Weldon, eine Operationsschwester des Imperial College London, filmen ließ, in der Regel nicht statt. Und den Assistenten und OP-Schwestern falle es sehr schwer, sich hier den Wünschen des Chefs zu widersetzen, berichtet Terhi Korkiakangas, ein Erziehungs­wissenschaftler, der für die Studie 35 Stunden Filmmaterial von 20 Operationen auswerten ließ, von denen 16 Operationen mit Musikbegleitung stattfanden.

Die Auswertung ergab, dass die Musik, vor allem wenn sie laut war, die Kommunikation im Operationsteam empfindlich stören konnte. Anfragen der Operateure mussten fünf Mal häufiger wiederholt werden als in den Operationen, in denen keine Musik gespielt wurde, berichtet Weldon: Jede Wiederholung verlängerte die Operation um 4 bis 68 Sekunden. Sie führten zu Frustrationen und Spannungen im Team, die die Forscher beobachten, aber nicht messen konnten.

Eine wichtige Rolle spielte die Lautstärke: Die britischen Chirurgen bevorzugten keines­falls klassische Musik, es wurde eher „Dance music“ und „drum and bass“ gespielt, die in voller Lautstärke nach Ansicht der Forscher eigentlich keine Kommunikation mehr zuließen. In einigen Situationen hatte die OP-Schwester sichtlich Mühe, zu verstehen, welches Instrument sie dem Operateur reichen sollte. Doch nur einmal traute sich eine Schwester, den Operateur zu bitten, die Musik leiser zu stellen. Sie drohte, den Überblick über die Anzahl der Tupfer zu verlieren, die sie zählen muss, damit keiner im Operations­situs verlorengeht.

Weldon und Korkiakangas sind keineswegs gegen Musik im Operationssaal. Diese könne durchaus die Untergrundgeräusche übertönen und dadurch die Konzentration der Operateure verbessern. Zu viel Lärm sei jedoch schädlich. Korkiakangas empfahl dem ersten Operateur, sich vor der Operation mit dem Team auf einen Musikstil zu einigen und dabei Rücksicht auf Kollegen zu nehmen, die vielleicht geräuschempfindlicher sind als sie selbst.

Die Studie hat offenbar einen Nerv getroffen. Das Royal College of Surgeons, ein Chirurgenverband, sah sich noch am gleichen Tag zu einer kurzen Stellungnahme veranlasst. Dies sein eine sehr kleine Studie und es gebe keine Anzeichen dafür, dass störende laute Musik ein weit verbreitetes Problem in staatlichen Krankenhäusern sei, verkündete ein Sprecher. Er verweist auf Studien, die gezeigt hätten, dass Musik helfen könne, eine ruhige Atmosphäre im OP zu schaffen. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Medizin

Fachgebiet

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige