Medizin

Studie: Kaffee könnte Prognose bei fortgeschrittenem Darmkrebs verbessern

Dienstag, 18. August 2015

Boston – Kann ein hoher Kaffeekonsum Darmkrebspatienten vor einem Rezidiv und dem Krebstod schützen? Darauf deutet die sekundäre Analyse einer aus anderen Gründen durchgeführten Therapiestudie im Journal of Clinical Oncology (2015; doi: 10.1200/JCO.2015.61.5062) hin. Eine Bestätigung durch eine – im Idealfall – randomisierte Studie steht noch aus.

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Die Studie CALGB 89803 des US-National Cancer Institute hatte untersucht, ob der Zusatz des Zytostatikums Irinotecan die Ergebnisse der damaligen adjuvanten Standardchemotherapie aus Fluoruracil/Leucovorin (5-FU/LV) verbessern kann. Dazu waren 1.264 Patienten im Darmkrebsstadium III des auf die beidem Therapien randomisiert worden.

Eine Besonderheit der Studie war, dass alle Teilnehmer mit Fragebögen nach ihren Lebens- und Ernährungsgewohnheiten befragt wurden. Die Antworten wurden später mit den Behandlungsergebnissen in Beziehung gesetzt. Dies hatte bereits in einer früheren Untersuchung zu dem kuriosen Ergebnis geführt, dass ein hoher Tabak­konsum vor dem 30. Lebensjahr das krankheitsfreie Überleben um 37 Prozent verschlechtert (Cancer 2010; 116: 957-966). Kurios war dies deshalb, weil das mittlere Alter der Studienteilnehmer bei 60 Jahren lag, und es unklar blieb, warum Rauchge­wohnheiten, die mehr als 30 Jahre zurücklagen, einen Einfluss auf die Wirkung einer Chemotherapie haben sollten (zumal der aktuelle Raucherstatus keine signifikanten Auswirkungen zu haben schien).

Jetzt ist Charles Fuchs, der Leiter des Gastrointestinal Cancer Center am Dana-Farber Cancer Institute in Boston, einem der renommiertesten Krebsforschungszentren des Landes, zu einem weiteren ungewöhnlichen Ergebnis gekommen. Teilnehmer der Studie, die mehr als vier Becher Kaffee pro Tag (etwa 460 Milligramm Koffein) tranken, erlitten zu 42 Prozent seltener ein Krebsrezidiv oder starben am Darmkrebs als Teilneh­mer, die angegeben hatten, niemals Kaffee zu trinken. Die von Schulz mitgeteilte Hazard Ratio von 0,58, war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,34 bis 0,99 knapp signifikant. Auch die Hazard Ratio von 0,66 (0,47-0,93) auf ein Darmkrebsrezidiv oder eine Gesamtsterblichkeit war signifikant. Weitere Analysen zeigen, dass Tee oder koffeinfreier Kaffee nicht mit einer besseren Prognose assoziiert waren.

„Technisch“ ist an den Ergebnissen der Studie kaum zu zweifeln. Die verwendeten Fragebögen waren mit etwa 130 „items“ umfangreich, und die Datenerhebung erfolgte aktuell und prospektiv. Die Teilnehmer wurden an drei Zeitpunkten – vor, während und ein Jahr nach der Chemotherapie gefragt – was sie in den letzten Wochen gegessen hatten. Zum Zeitpunkt der Umfragen war noch unklar, ob oder wie lange sie den Darmkrebs überleben würden.

Dennoch handelte es sich nicht um eine randomisierte Studie. Dafür hätten die Patien­ten nach dem Zufallsprinzip auf einen Kaffeekonsum oder eine Enthaltsamkeit verteilt werden müssen. Das Ergebnis kann deshalb keine Kausalität für sich beanspruchen, und hielt sich in seinen Empfehlungen zurück. Kaffeeliebhaber könnten jedoch bedenkenlos weiter Kaffee trinken (und auf einen günstigen Einfluss auf die Prognose hoffen). Kaffee-Abstinenzler sollten das Thema zuerst mit ihrem Onkologen besprechen.

Wie Kaffee oder offensichtlich das darin enthaltene Koffein den Verlauf einer Darmkrebserkrankung beeinflussen könnte, ist unklar. Fuchs weist darauf hin, dass andere Studien eine protektive Wirkung (genauer eine inverse Assoziation) zum Typ-2-Diabetes gezeigt hätten. Risikofaktoren für den Diabetes - Fettsucht, eine sitzende Lebensweise, eine westliche Ernährung mit vielen Kalorien aus Kohlenhydraten und somit hohen Insulinkonzentrationen - würden auch mit Darmkrebs in Verbindung gebracht.

Dass eine verminderte Insulinausschüttung sich günstig auf den Verlauf eines Kolorektalkarzinoms auswirkt, ist jedoch reine Spekulation. Immerhin haben laut Fuchs andere Studien den Kaffeekonsum mit einer verminderten Rate weiterer Krebserkrankungen in Verbindung gebracht. Es gibt Untersuchungen zum postmenopausalen Mammakarzinom, zum Melanom, zum hepatozellulären Karzinom und zum fortgeschrittenen Prostatakarzinom.

Andere Spekulationen sind möglich. So könnten Kaffeetrinker auch in anderen Bereichen gesünder leben. Vielleicht verhilft ihnen das anregende Getränk ja, den Therapieplan einzuhalten. Es könnte auch sein, dass die Nebenwirkungen eines Chemotherapie den Patienten den Geschmack am Kaffee verderben. Wenn die gleichen Patienten dann häufiger die Chemotherapie frühzeitig abbrechen, würde dies die signifikante Assoziation einer guten Prognose mit einem hohen Kaffeekonsum leicht erklären.

Der Beweis einer günstigen Wirkung von Kaffee könnte leicht in einer randomisierten Studie untersucht werden. Dazu müsste in einer der zahlreichen Therapiestudien eine zweite Randomisierung durchgeführt werden, bei der die Hälfte der Patienten Koffein erhält, die andere ein Placebo. Ob eine solche Studie zustande kommt, bleibt abzuwarten. © rme/aerzteblatt.de

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