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Experten benennen die Fortschritte in der Rheumatherapie

Mittwoch, 26. August 2015

Berlin – Menschen, die an rheumatoider Arthritis leiden, werden in Deutschland zu spät behandelt. Das kritisierte die Präsidentin der Deutschen Rheuma-Liga und frühere Chefärztin der Rheumaklinik in Berlin-Buch, Erika Gromnica-Ihle, heute in Berlin. „In Deutschland beginnt die Basistherapie einer rheumatoiden Arthritis im Durchschnitt nach 0,9 Jahren. Das ist zu spät“, sagte sie auf einer Pressekonferenz anlässlich des 43. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie, der vom 2. bis 5. Septem­ber in Bremen stattfindet. Denn dann sei das sogenannte Window of Opportunity für eine erfolgreiche Behandlung bereits geschlossen.

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„Wir brauchen doppelt so viele Rheumatologen, wie wir heute haben“
Am besten sei es, wenn die Behandlung innerhalb der ersten 20 Wochen nach Fest­stellen der Beschwerden beginne, sagte Gromnica-Ihle. Für den Patienten gelte dabei: Wenn zwei Gelenke länger als sechs Wochen geschwollen seien, müsse er zum Rheumatologen gehen. Das Problem sei jedoch, dass es nicht genug Rheumatologen gebe, um alle Patienten behandeln zu können. „Dafür bräuchten wir doppelt so viele Rheumatologen, wie wir heute haben“, meinte Gromnica-Ihle. Die von der schwarz-roten Regierung beschlossenen Terminservicestellen seien in diesem Zusammenhang sicher gut, „aber ich denke, dass die Rheumatologen dieses Problem selber durch eine Verbesserung der Früharthritissprechstunden lösen müssen“.

Zudem müsse sich die Zusammenarbeit zwischen Hausärzten und Rheumatologen verbessern. Hier seien auch die Krankenkassen gefragt, Selektivverträge zu schließen, mit denen die Überweisung der Patienten durch den Hausarzt an einen Rheumatologen innerhalb der ersten 14 Tage besonders honoriert werde.

„Arthrose ist die Erkrankung eines ganzen Organs“
Über neue Erkenntnisse bei der Behandlung der Arthrose sprach Ingo Arnold, Chefarzt der Abteilung für Orthopädie und operative Rheumatologie im Roten Kreuz Kranken­haus Bremen. „Arthrose ist nicht nur die Erkrankung eines Knorpels, sondern eines ganzen Organs“, betonte er. „Und es ist keine Erkrankung, die alleine durch Übergewicht und Verschleiß ausgelöst wird.“ Denn auch Entzündungsprozesse im Körper spielten eine Rolle.

„Früher haben wir gedacht, Verschleißerkrankungen seien idiopathisch“, erklärte Arnold. „Heute wissen wir: Es trifft besonders Menschen mit einer genetischen Prädisposition.“ Zudem seien besonders Patienten von einer Arthrose betroffen, die einen Vitamin K-Mangel haben.

Wichtig sei darüber hinaus die Prävention. Arnold betonte, dass entgegen früherer Annahmen erkannt worden sei, dass auch alte Menschen mit Krafttraining Muskeln wieder aufbauen könnten. Krafttraining sei dabei auch besser als Ausdauertraining. Zudem dürften Kraft- und Ausdauertraining nicht zur gleichen Zeit betrieben werden, weil sich die jeweiligen Effekte dadurch aufhöben.

„Die Effekte der Blutegeltherapie sind eindrücklich“
Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung für Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus Berlin, betonte die Bedeutung von Naturheilverfahren auf die Rheumatherapie. Man müsse dabei aber die Spreu vom Weizen trennen. „Es gibt unwirksame Verfahren, aber auch Evidenzen durch randomisierte Studien“, sagte er. Kein Naturheilkundler werde dabei die Sinnhaftigkeit einer Cortisontherapie in Frage stellen, sondern Naturheilverfahren immer nur komplementär in die Therapie einbringen.

Als sinnvolle Beispiele nannte er das Heilfasten und die Therapie mit Blutegeln. „Fasten wirkt entzündungshemmend“, sagte Michalsen. Die Beschwerden könnten über einen Zeitraum von bis zu einem Jahr gelindert werden. Außerdem ernährten sich die meisten Patienten nach einer Fastenkur gesünder. Auch Yoga und Meditationen empfahl er, da die Patienten auf diese Weise den Stress lindern könnten, den sie unter anderem durch die Krankheit empfänden. Ebenfalls eindrücklich seien die Effekte der Blutegeltherapie – auch, wenn sie von vielen noch belächelt werde.

„In Zukunft wird die rheumatoide Arthritis behandelbar sein“
Abschließend wagte Gromnica-Ihle einen Ausblick in die Zukunft der Rheumatherapie. „Vor 50 Jahren habe ich meinen Patienten gesagt, dass die rheumatoide Arthritis eine chronische Erkrankung ist, die das ganze Leben hindurch behandelt werden muss“, sagte die 1940 geborene Ärztin. Durch die Zulassung von Biologika werde die Therapie derzeit jedoch revolutioniert.

„Wenn wir die Krankheit heute früh behandeln, wenn wir dabei alles richtig machen und wenn noch eine Bewegungstherapie dazukommt, dann können wir bei einem Teil der Patienten jetzt schon eine therapiefreie Remission erreichen“, sagte Gromnica-Ihle. „Wir können aber noch nicht sagen, für viele lange sie anhalten wird. Ich werde es nicht mehr erleben, aber in der Zukunft wird die rheumatoide Arthritis behandelbar sein. Wenn wir wissen, was der Auslöser ist, werden wir vielleicht sogar einen Impfstoff finden.“ 

© fos/aerzteblatt.de

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