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Bündnis: Auf pauschaliertes Entgeltsystem in Psychiatrie und Psychosomatik verzichten

Dienstag, 1. September 2015

Berlin - Ein breites Bündnis von Akteueren, inititert von Attac Deutschland, der Gewerk­schaft Verdi und dem Paritätischen Wohlfahrtsverband, wendet sich in einem gemein­samen Positionspapier gegen die Einführung des neuen Entgeltsystems in Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP). Das Bündnis, dem auch der Verein demo­kratischer Ärztinnen und Ärzte, der Dachverband Gemeindepsychiatrie sowie die Soltauer Initiative angehören, warnt vor einer „inakzeptablen Ökonomisierung“ im Gesundheitswesen zulasten der Versorgung psychisch kranker Menschen.

„Dank des politischen Drucks, den wir 2013 gemeinsam mit vielen erzeugt haben, ist es in einem ersten Schritt gelungen, ein zweijähriges Moratorium zu erwirken und die Einführung von PEPP vorübergehend aufzuschieben“, sagte Dagmar Paternoga von Attac Deutschland bei einem Pressegespräch heute in Berlin. Die sogenannte Optionsphase, in der Kliniken wählen können, ob sie das neue Vergütungssystem auf der Grundlage von tagesbezogenen Entgelten einführen oder nicht, wurde bis zum 31.Dezember 2016 verlängert. „Wir dürfen die Frist des Moratoriums nicht ungenutzt verstreichen lassen, sondern müssen uns auf menschenwürdige Alternativen verständigen“, forderte Paternoga.

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Verschlechterung für Patienten und Personal
Das Bündnis warnt vor massiven Verschlechterungen durch die Einführung von PEPP vor allem für schwerstkranke Patienten, aber auch für das behandelnde Personal. „Alle Experten wissen, dass ein pauschaliertes Entgeltsystem dem höchst individuellen Verlauf psychischer Erkrankungen in keiner Weise gerecht wird. Wenn nur noch Fallpauschalen abgerechnet werden können, erhöht sich der Druck auch auf das Personal massiv, denn individuelle Bedürfnisse können kaum berücksichtigt werden“, warnte Cordula Kiank, Gewerkschaftssekretärin bei ver.di und dort zuständig für Krankenhäuser, Universitätskliniken und Psychiatrische Einrichtungen.

So könne beispielsweise mit PEPP der größte Anteil des Personalaufwandes für Patienten mit schweren akuten Erkrankungen, wie die 24-stündige krankenpflegerische Behandlung, nicht gemessen werden und gehe damit nicht in die Berechnungen ein, die entscheidend für die Höhe der Leistungsvergütung seien, kritisierte Kiank. Außerdem werde durch den zunehmenden Dokumentationsaufwand, der durch PEPP notwendig sei, Zeit in der Behandlung der Patienten fehlen. Schließlich werde die immer wieder geforderte notwendige sektorenübergreifende Versorgung in PEPP nicht entsprechend berücksichtigt.

Gemeindenah statt stationär
Der Gesundheitsökonom und Vorsitzende des Paritätischen Gesamtverbandes, Rolf Rosenbrock, sieht durch PEPP die Einlösung der Forderungen der Psychiatrie-Enquete von 1975 konterkariert. Diese sahen die Umsetzung des Grundsatzes ambulant vor stationär vor, das heißt,die Versorgung psychisch Kranker sollte, wenn eben möglich, gemeindenah stattfinden. „Es gibt inzwischen gute Modelle gemeindepsychiatrischer Versorgung. Deshalb ist es unsinnig, bei den finanziellen Strukturen der Kliniken etwas verändern zu wollen“, sagte Rosenbrock. Sinnvoller als ein neues Entgeltsystem für Kliniken sei ein Budgetsystem, das auch ambulante Leistungen mit abdecke.

Das Bündnis fordert deshalb die Bundesregierung auf, auf die Einführung von PEPP zu verzichten. Entwickelt werden müsse ein alternatives Versorgungs- und Entgeltsystem, das den realen Bedarf psychisch kranker Menschen und den notwendigen Aufwand für Therapie und medizinisch-pflegerische Versorgung abbilde und vergüte. © pb/aerzteblatt.de

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