Politik

Zukunftskongress: Wo steuert das digitale Gesundheitswesen hin?

Donnerstag, 3. September 2015

Berlin – Die Techniker Krankenkasse (TK) erprobt seit diesem Monat die Online-Sprechstunde per Videochat gemeinsam mit dem Lübecker Startup-Unternehmen Patientus und einer Gruppe von bundesweit ausgewählten niedergelassenen Dermatologen. Auch sonst setzt die TK verstärkt auf Online-Angebote wie etwa Apps für Chroniker und auf Telemedizin. „Digitalisierung wird den Versorgungsalltag dramatisch verändern“, schreibt die Krankenkasse in ihrem Geschäftsbericht 2014. In welche Richtung und mit welchen Chancen und Risiken, war Thema eines Zukunftskongresses, zu dem die TK gestern 30 Sprecher und 300 Gäste nach Berlin eingeladen hatte.

„Die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist der größte Anwendungsbereich der digitalen Entwicklung in Deutschland überhaupt“, betonte Gastredner Lutz Stroppe, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium (BMG). Das Thema betreffe die Bevölkerung insgesamt. Eine Klausurtagung der Bundesregierung zur digitalen Welt  noch im September werde neben Themen wie Wirtschaft und Industrie 4.0 daher auch den Bereich Gesundheit diskutieren, kündigte Stroppe an.

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Zu klären sei unter anderem die Frage, was mit den Gesundheitsdaten etwa aus Apps und Trackern geschehen solle. „Gehört mein Puls eigentlich noch mir?“, fragte Stroppe. „Wie geht es mit dem Datenschutz weiter? Wie mit der solidarischen Kranken­versicherung? Was soll, was muss der Staat regeln? Wo muss er auch Dinge zulassen, um Entwicklungen Platz greifen zu lassen?“

Von Politik und Selbstverwaltung müsse gemeinsam geklärt werden, was von den neuen technischen Möglichkeiten in die Regelversorgung übernommen werden könne. Wichtig sei, dass der Staat hierfür eine sichere technologische Basis schaffe. „Dreh- und Angelpunkt für die Digitalisierung des Gesundheitswesens insgesamt ist die Telematikin­frastruktur, um darauf aufbauend andere Möglichkeiten zuzulassen und Zugänge zu ermöglichen“, betonte der Staatssekretär. Mit Blick auf das geplante E-Health-Gesetz stellte Stroppe klar, dass das BMG an den im Gesetzentwurf vorgegebenen Terminen für 2016 festhalten will. „Da werden wir weiter mit aller Macht dran arbeiten.“

Ebenso wichtig sei der Bereich der abrechnungsfähigen telemedizinischen Leistungen, denn Telemedizin ermögliche die Teilhabe am medizinischen Fortschritt und Zugang zu Expertenwissen unabhängig vom Wohnort. „Wir haben dem Gemeinsamen Bundes­ausschuss aufgegeben, bei der Festlegung von Zweitmeinungen auch telemedizinische Erbringung zu ermöglichen“, sagte Strobbe. Zudem sei im E-Health-Gesetz festge­halten, dass telemedizinische Leistungen mit Zuschlägen gefördert werden können. Auch seien zeitliche Vorgaben für die Abrechnungsmöglichkeit der Befundbeurteilung von Röntgenaufnahmen vorgesehen.

Kritik übte der Staatssekretär daran, dass Modellvorhaben nach Auslaufen der Förderung meist nicht in die normale Versorgung überführt werden. Mit Blick auf den Innovationsfonds, der auch für Telemedizin zur Verfügung stehen soll, stellte Stroppe klar, dass nur solche Innovationen angeschoben werden sollen, die eine Chance böten, sie anschließend in der Regelversorgung auch umzusetzen.  

Im Hinblick auf Apps für den Gesundheitsbereich stellt sich aus Sicht des BMG die Frage, ob es sich um ein Medizinprodukt handelt oder nicht. Hier wird laut Stroppe künftig dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) eine wichtige Beratungsaufgabe zukommen.

„Die Medizin der Zukunft wird digitaler als heute sein“, erklärte Thomas Ballast, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der TK. Dabei sind ihm zufolge vor allem drei Trends zu beobachten:

  • Es werden noch mehr individuelle Daten verfügbar sein, die auf den Einzelnen ausgerichtete Diagnosen und Therapien ermöglichen.  Über die Daten wird zudem mehr Qualitätsorientierung erreichbar sein, prognostizierte Ballast. Das Wissen über Krankheiten und die Spezialisierung der Fachgruppen werden zunehmen.
  • Die Arzt-Patienten-Beziehung wird sich verändern. Die ärztliche Sprechstunde, „das Nonplusultra des Analogen“ (Ballast), wird künftig zumindest teilweise ersetzt werden. Es wird mehr Kommunikation über das Netz und speziell mehr asynchrone Kommunikation zwischen Arzt und Patient geben.
  • Es werden neue Prozesse in der Zusammenarbeit zwischen Arzt und Therapeut entstehen, etwa als „Remote-Therapien“, in denen der Patient quasi ferngesteuert therapeutisch betreut wird. Dabei werden Systeme eingesetzt, die die Adhärenz des Patienten wesentlich steigern und ihn virtuell begleiten.

„Eigentlich eine schöne neue Welt“, meinte Ballast, aber natürlich müsse man sich mit der Problematik des Datenschutzes auseinandersetzen, denn die Daten dürften keines­falls in falsche Hände geraten. Aufgabe sei es daher, einen Konsens herzustellen über den notwendigen Schutz einerseits und der mögliche Freiheit andererseits. „Wir sehen es als unsere Aufgabe bei der TK,  das Gute zu unterstützen und voranzubringen, das Schlechte zu identifizieren und zu verhindern, Ängste zu nehmen und auf den Nutzen solcher digitalen Veränderungen hinzuweisen. © KBr/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Sonntag, 6. September 2015, 13:14

E-HEALTH: Meinungsführerschaft von TK und DELOITTE?

Nicht nur die medizinbildungs- und vertragsärztlich versorgungsfremde Techniker Krankenkasse (TK) will auf den abfahrenden Zug der Zukunftstechnologien im Gesundheits- bzw. Krankheitswesen mit digitaler Vernetzung, e-Health-Card, Online-Angeboten, Apps für Chroniker, Netz-Doc, Doc-Netz, Telemedizin bzw. Forschung und Entwicklung im gesamten medizinisch-technischen Komplex aufspringen. „Digitalisierung wird den Versorgungsalltag dramatisch verändern“, heißt es bei der TK:

Wobei wir Vertragsärztinnen und -ärzte unsere Patienten mit gedeckeltem Regelleistungs- und Gesamtvolumen nicht nur technologisch auf dem neuesten Stand umfassend untersuchen, beraten und behandeln sollen. Zugleich sollen wir zusätzlich den rein verwaltungsmäßig operierenden GKV-Kassen-Bürokratien Datenzugänge und EDV-Management ihrer Versicherten ermöglichen und ebenso innovativ und kreativ wie konstruktiv möglichst ohne jede Gegenleistung ihre GKV-Verwaltungsarbeiten erleichtern.

Auch das international operierende Wirtschaftsprüfungs- und Beratungs-Unternehmen DELOITTE will dabei mitreden, mitmischen und Geld verdienen. Sein letztjähriges Gutachten “Healthcare and Life Sciences Predictions 2020 - A bold future?” ist allerdings auf Deutschland nicht mal im Ansatz anwendbar bzw. zeichnet sich wie so häufig bei internationalen Wirtschaftsberatern (z. B. PROGNOS-AG/CH) durch erhebliche Medizin-Bildungsferne aus.

Die Autoren von “Healthcare and Life Sciences Predictions 2020 - A bold future?” Karen Taylor, Director UK Center for Health Solutions, und Hanno Ronte, Partner Monitor Deloitte, weisen in ihrem professionellen Portfolio nicht die geringsten medizinischen Grundkenntnisse, Ausbildungen und Qualifikationen nach. Sie sind nur und ausschließlich wirtschaftsberaterisch im Gesundheitswesen tätig.

Ihre DELOITTE-Studie bezieht sich ausschließlich auf Groß-Britannien (GB) mit einem zentralistisch organisierten, staatlichen und rein Steuer-finanzierten Zuteilungs- und Regulationssystem NHS und auf die USA mit ihrem völlig konträr rein privatwirtschaftlich orientierten Gesundheitssystem, wenn man von MEDICARE und dem gerade neu eingeführten “Obama-CARE” absieht.

Dabei ist die professionelle Welt und die medizinische Kernkompetenz von uns Ärztinnen und Ärzten grundsätzlich analog, n i c h t digital! Die Medizin, die Welt der Krankheiten, der Anamnese, der körperlichen und apparativen Untersuchungen, der Beratung, Differenzialdiagnostik und multidimensionalen Therapien bedeuten analoges Vorgehen. Selbst digitale Palpationstechniken und Untersuchungen bleiben rein analog.

Unsere Kernkompetenz sind Zehntausende von Krankheits-Entitäten, die ambulanten/stationären Pharmako- und Physiotherapien, Heilbehandlungen, Operationen, Injektionen/Infusionen, Kuren, Minimalinterventionen oder Hybrid-OPs: Bei Herz- und Hirn-Infarkten, ACS, Herzfehlern, Aneurysma, Asthma/COPD, Miss- und Fehlbildungen, Lungenembolien, akutem Abdomen, eingeklemmten Hernien, KHK, systolischer/diastolischer/pulmonaler Hypertonie, Hyperlipidämien, PAVK, Mesenterialinfarkten, Carotisstenosen, Tumorkrankheiten, Kachexie und Marasmus, zerebralen Krampfanfällen, Gallenstein- und Nierensteinkoliken, entgleisten Typ-1 und 2-Diabetes Krankheiten mit Komplikationen, Addison-Krisen, Thyreotoxikosen, Rheuma, Kollagenosen, endokrinen Störungen, Nierenversagen, Neuropathien, Systemerkrankungen, dekompensierter Herzinsuffizienz, Infektionen mit Viren/Bakterien/Pilzen/Parasiten, chronischen Schmerzen usw. usf.

Medizinische “Gesundheits”-Apps, E-Health und Telemedizin bzw. die gesamte Digitalisierung des Gesundheitswesens sind nur Hilfsmittel und notwendiges Accessoire. Untersuchungs-, Ablauf-, Prozess- und Ergebnisqualitäten in der Humanmedizin werden eher durch analoge Kommunikations-, Interaktions-, Kontemplations-, Empathie- und Reflexionsfähigkeit bzw. selbstkritische Wahrnehmungsfähigkeit bei Ärzten und Patienten definiert.

Im Übrigen: Digitalisierung der gesamten Medizin, Apps, Telemedizin-Anwendungen, E-Health-Gesetze ebenso wie Diagnostik-Tools im Internet als “Symptom-Checker” berücksichtigen nicht unsere bewegungseingeschränkten, teilhabegeminderten, bio-psycho-sozial benachteiligten, EDV-fernen, älteren, multimorbiden Patientinnen und Patienten. Ärztliche, psychotherapeutische, pflegerische und physiotherapeutische Professionen bzw. deren Empathie- und therapeutisch- interventionellen Fähigkeiten sind grundsätzlich analoger Natur.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
michaelweier
am Samstag, 5. September 2015, 11:01

Wie man auch ohne Approbation mitverdienen kann...

Ich sehe das kritisch. Es soll ja nicht das Kurztelefonat über Laborwerte mit Bild aufgewertet werden, sondern es geht um eine "Sprechstunde". Ich sehe folgende Probleme beim Blick in meine Zauberkugel:

1) Wetten, es kommt irgendwann die zur Abrechnungsberechtigung erforderliche Schlüsselqualifikation "Telemedizin" am besten als Zusatzbezeichnung: Das heisst dann wieder 4 Wochenende Kurs (wie beim Strahlenschutz) an denen wir praxisfernes Zeug anhören müssen, damit man uns auch die Verantwortung in die Schuhe schieben kann. Es freut sich der Informatiker, der die Fortbildung hält für 400 Euro/ Kurswochenende = 1600 Euro pro Arzt.

2) Das telemedizinische Zentrum Brandenburg hat hochqualifizierte Ärzte mit der Zusatzbezeichnung Teemedizin und Kooperationsverträge mit der AOK, der TK und der Barmer. Die können dank ihrer Schlüsselqualifikation erkennen, dass ein Thoraxschmerz sehr gefährlich ist und unbedingt in einer Röhn-Klinik mit Herzkatheter abgeklärt werden sollte.

3) Ganz allgemein. Wir alle untersuchen die Patienten in unserer Sprechstunde körperlich und fischen 5-10 x im Jahr die anamnestische banale Gastroenteritis raus, die dann doch ein Blinddarm o.ä. ist. Andersrum sehen wir die vielen Patienten bei denen anamnestisch die Alarmglocken angehen und bei denen nach einer gründlichen Untersuchung dann rasch die Luft raus ist.

Mein Fazit: Telemedizin ist Schrott. Lieber mal eine Abrechnungsziffer für Telefongespräche etablieren, damit die 30-60 Minuten nach der Sprechstunde mal irgendwie abgebildet werden. Da verdient aber kein Großkonzern/Call-Center drann. Man kann es nicht industrialisieren. Ohne Lobby auch kein Wert.
popert
am Freitag, 4. September 2015, 11:45

Schöne Neue Welt

Es fällt auf, dass vor allem diejenigen begeistert sind, die davon profitieren wollen.
Für die Betroffenen ist etwas mehr Realitätsnähe angesagt: kaum eine digitale Neuerung kann bisher ihren Nutzen belegen. In einer großen Metaanalyse des renommierten British Medical Journal konnte gezeigt werden, dass selbst bei den wenigen Studien mit nachweisbarem Nutzen die Kosten unrealistisch hoch sind.
Und an eine Verbreitung elektronischer Patientenakten glaube ich erst dann, wenn die Politiker in Berlin ihre eigenen Gesundheits-Daten ins (natürlich wie üblich abgesicherte) Netz stellen.
Aber nach Abhöraffären und Hackerchaos im Bundestag dürfte deren Mut gering sein. Fazit: viel Lobby, wenig Sinn.
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