Medizin

Polio: Neue Impfstoff-Erkrankung in Mali

Dienstag, 8. September 2015

Bamako – In Afrika ist es erneut zu einer Polioerkrankung durch ein Impfstoffvirus gekommen. In Bamako, der Metropole von Mali, wurde bereits am 20. Juli bei einem Kind eine akute schlaffe Lähmung („Kinderlähmung“) diagnostiziert. Das Kind hatte sich nach Auskunft der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im benachbarten Guinea infiziert.

In ganz Afrika hat es in diesem Jahr noch keine Polio-Erkrankung durch das Wildtyp-Virus gegeben. Die Chancen auf eine Eradikation stehen deshalb so günstig wie nie zuvor. Doch in Madagaskar sind im Sommer neun Kinder an einer akuten schlaffen Lähmung erkrankt, die durch ein von der Vakzine-abgeleitetes Poliovirus (cVDPV) ausgelöst wurde. Ein weiteres Kind war im Mai in Nigeria erkrankt. cVDPV entstehen im Darm von Kindern, die den oralen Impfstoff (Schluckimpfung) erhalten haben. Er wird in Afrika und anderen ärmeren Regionen eingesetzt, weil er preisgünstiger ist und nicht injiziert werden muss wie der in reicheren Ländern bevorzugte Impfstoff aus inaktivierten Viren.

Anzeige

Der orale Impfstoff besteht aus Lebendviren, die sich im Darm der geimpften Kinder zunächst vermehren, bis das Immunsystem sie vernichtet. Während dieser Zeit verändern sich die Viren genetisch. In seltenen Fällen entstehen cVDPV, die eine Kinderlähmung auslösen können, wenn sie auf ungeimpfte Kinder übertragen werden.

Die cVDPV sind ein Grund, warum die Impfungen auch nach der Eradikation der Wildtyp-Viren in Afrika fortgesetzt werden müssen. In Krisenregionen, zu denen Guinea infolge der Ebola-Epidemie, aber auch Mali zählen, kann die Impfquote schnell einbrechen, was dann den Weg für eine Ausbreitung von cVDPV öffnet.

Das 19 Monate alte Kind war sieben Tage vor der Ankunft in Bamako in der Region Kankan in Guinea erkrankt. Es war zur Behandlung nach Bamako transportiert worden. Die Untersuchung des Virus ergab, dass es genetisch mit einem cVDPV verwandt ist, das im August 2014 im Siguiri-Distrikt in der genannten Region Kankan entdeckt wurde.

Da nur eines von 200 infizierten Kindern an einer Kinderlähmung erkrankt, muss davon ausgegangen werden, dass sich das cVDPV in Guinea und vielleicht auch in Mali ausbreitet. In den betroffenen Ländern muss deshalb eine Impfkampagne gestartet werden, in der alle Kinder unter 5 Jahren mindestens dreimal die orale Vakzine erhalten. Diese Impfaktionen haben die cVDPV bisher immer stoppen können.

Das regelmäßige Auftreten der cVDPV – in 2014 gab es weltweit 55 Fälle und in 2013 sogar 66 Erkrankungen – stellt den geplanten Übergang vom oralen Impfstoff auf die inaktivierte Vakzine vor Probleme. Der Übergang ist notwendig, da es unter der Schluckimpfung immer wieder zu cVDPV kommen kann und solange diese Viren zirkulieren, ist die angestrebte Polio-Eradikation nicht zu erreichen. Kommt es in der Übergangszeit jedoch zu cVDPV, muss erneut auf die orale Vakzine gewechselt werden. Der inaktivierte Impfstoff erzielt nämlich im Darm keine Immunität und kann deshalb die Ausbreitung der cVDPV nicht stoppen.

Aus diesem Grund haben auch die beiden Erkrankungsfälle in der Westukraine das Robert Koch-Institut alarmiert. Die Möglichkeit einer Einschleppung von Polioviren nach Deutschland durch Einreisende aus der Ukraine müsse ernst genommen werden, heißt es in einem vorweg veröffentlichten Beitrag im Epidemiologischen Bulletin (2015; doi: 10.17886/EpiBull-2015-006).

Da die große Mehrheit der Infizierten keine Symptome zeige, könne das Virus über mehrere Wochen mit dem Stuhl unerkannt ausgeschieden werden. Die Gefahr von Polio-Erkrankungen sei zwar aufgrund der hohen Impfquote in Deutschland gering. Die STIKO rät der Bevölkerung jedoch, den eigenen Impfschutz zu überprüfen und gegebenenfalls fehlende Impfungen nachzuholen. Der Beitrag lässt offen, was im Fall eines Nachweises von cVDPV zu geschehen hätte. In diesem Fall würde auch in Deutschland die vorübergehende Wiedereinführung der Schluckimpfung zur Debatte stehen. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Medizin

Nachrichten zum Thema

25.08.16
Wien – Das Biotech-Unternehmen Themis Bioscience GmbH gab heute die Impfung eines ersten Probanden im Rahmen einer klinischen Studie der Phase 2 eines prophylaktischen Impfstoffkandidaten gegen......
25.08.16
Personalisierte Hyposensibilisierung gegen Wespengift
Neuherberg – Mit einem neuen Testverfahren konnten Forscher des Helmholtz Zentrums München exakt das Wespengift bestimmen, gegen das Allergiker reagieren. Mit diesem Wissen ersparen sie den Betroffen,......
12.08.16
Genf – Nach mehr als zwei Jahren ohne Neuerkrankungen ist es im Norden Nigerias erneut zu zwei Polio-Fällen gekommen. Sie wurden durch ein Wildtyp-Virus ausgelöst, das dort zuletzt 2011 isoliert......
10.08.16
Toronto - Um die Impfmüdigkeit der Bevölkerung zu überwinden, haben die meisten kanadischen Provinzen in den letzten Jahren eine kostenfreie Grippeimpfung in der Apotheke erlaubt. Ein Durchbruch wurde......
09.08.16
Berlin – In den vergangenen Monaten ist die Zahl der Masernfälle bei Asylsuchenden deutlich gestiegen, teilte das Robert Koch-Institut (RKI) in seinem aktuellen Epidemiologischen Bulletin Nr. 31 mit.......
08.08.16
Zikavirus: Drei Impfstoffe zeigen gute Schutzwirkung bei Rhesusaffen
Boston – Die Gestaltung von Impfstoffen gegen das Zikavirus gestaltet sich leichter als angenommen. Gleich drei unterschiedliche Impfstoffe haben laut Science (2016; doi: 10.1126/science.aah6157)......
04.08.16
New York – Die US-Gesundheitsbehörde NIH testet einen Zika-Impfstoff erstmals an Menschen. Mindestens 80 Personen zwischen 18 und 35 Jahren würden an drei US-Standorten an der Studie teilnehmen,......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige