Ärzteschaft

Fachgesellschaften legen alternatives budgetorientiertes Entgeltsystem für psychiatrische Krankenhäuser vor

Donnerstag, 1. Oktober 2015

Berlin – Einen Stopp des geplanten neuen pauschalierten Entgeltsystem in Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP) fordern 16 wissenschaftliche Fachgesellschaften und Verbände, unterstützt unter anderem von der Deutschen Krankenhausgesellschaft , der Gewerkschaft ver.di, dem Paritätischen Wohlfahrtsverband und Attac Deutschland. Beim ersten Nationalen Forum für Entgeltsysteme in Psychiatrie und Psychosomatik am 28. und 29. September in Berlin haben sie ein alternatives Konzept vorgestellt: das budgetbasierte Entgeltsystem.

Massiver Personalabbau wird befürchtet
„Wir befürchten, dass das PEPP-System, ähnlich wie bei der DRG-Fallpauschalen-Entwicklung, dazu führen wird, dass massiv Personal abgebaut wird, besonders in der Pflege“, sagte Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Denn in der Ausgestaltung des leistungsorientierten Systems auf der Basis von Tagespauschalen, im Psych-Entgeltgesetz von 2012, seien wesentliche Elemente der DRG-Systematik für somatische Kliniken übernommen worden, die den Besonderheiten psychisch Kranker Patienten nicht gerecht würden.

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Das PEPP-System soll zu fallbezogenen Tages(fest)preisen führen, die im Verlauf der Behandlung abnehmen. Diese Tagesentgelte werden bei einer vermehrten Patienten­zahl oder einer Zunahme der Erkrankungsschwere  geringer, um die Gesamtkosten zu deckeln. PEPP soll schrittweise eingeführt werden und 2017 für alle psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken verbindlich werden. Die sogenannte Optionsphase, in der die Krankenhäuser wählen können, ob sie das neue Vergütungssystem einführen oder nicht, wurde - aufgrund massiver Kritik – bereits bis Ende 2016 verlängert.

„Extrem problematisch sind auch die Leistungsbeschreibung in PEPP durch Operationen und Prozeduren (OPS). Dieses sehr kleinteilige System ist nicht geeignet, das Geschehen auf Akutstationen mit schwer Psychisch kranken Menschen, das sich durch ständige Begleitung, Kurzgespräche und Milieutherapie auszeichnet, abzubilden“, erläuterte Hauth. Diese kleinteiligen Leistungsbeschreibungen führten zu einer überbordenden Dokumentation.

Immenser Dokumentationsaufwand zulasten der Pateintenversorgung
„Der unverhältnismäßig hohe Dokumentationsaufwand, den uns die Optionshäuser berichten, geht zulasten der direkten Patientenversorgung – bis zu zehn Prozent der der personellen Ressourcen werden dadurch in Anspruch genommen“, kritisierte Thomas Pollmächer, Vorsitzender der Bundesdirektorenkonferenz ­ Verband leitender Ärztinnen und Ärzte der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie. Zudem habe auch die Psychotherapie in Kliniken, entsprechend der Leitlinien, immens an Bedeutung gewonnen. „Die geschätzte Unterdeckung an Personal allein hierdurch beträgt 25 Prozent“, betonte Pollmächer.

Zudem müsse jeder Mehrbedarf von Patienten dokumentiert und begründet werden, wenn der medizinische Dienst der Krankenkassen, die Notwendigkeit der Behandlungen überprüft. „Das führt zu einer Vielzahl medizinisch nicht lösbarer Konflikte zwischen den Ärzten und dem MDK“, so Pollmächer. „Schon vor der endgültigen Einführung des PEPP-Systems ist also offenkundig, dass es die Versorgung verschlechtert, ohne kompensatorische Vorteile zu haben.“

Anreize für bessere Versorgung, nicht für Erlösoptimierung
Deshalb haben 16 Fachgesellschaften und Verbände gemeinsam eine Alternative zu PEPP erarbeitet: ein patientenorientiertes budgetbasiertes Entgeltsystem. „Wir müssen Anreize setzen für eine gute Versorgung und nicht für eine Erlösoptimierung“, betonte Arno Deister, der nächste Präsident der DGPPN. Grundlegendes Prinzip des neuen Konzepts sei die Trennung von krankenhausindividueller Budgetfindung auf der Basis von evidenzbasierten merkmalsbezogenen Modulen einerseits und der Abrechnung in Form von Abschlagszahlungen auf das vereinbarte Budget andererseits.

„Der Vorteil des neuen Konzepts ist auch, dass es übertragen werden kann auf alle Settings, also auch auf den teilstationären und ambulanten Bereich“, erläuterte Deister. Insofern sei das neue Entgeltsystem auch eine Chance, die Versorgung psychisch kranker Menschen entsprechend den Forderungen der Psychiatrie-Enquéte weiterzuentwickeln. Bundesgesundheitsminister Gröhe haben die Verbände das alternative Konzept bereits vorgelegt. © pb/aerzteblatt.de

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