Ärzteschaft

60 Jahre KBV: Rückschau, kritische Analyse der aktuellen Situation und Ausblicke

Donnerstag, 1. Oktober 2015

Berlin – Eine Rückschau auf die Erfolge, eine Analyse der aktuellen Situation und einen Blick in die Zukunft – der Auftrag an eine Feier zum 60. Jubiläum einer Körperschaft wie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) hätte nicht größer sein können. In seiner Rede lobte der parlamentarische Staatssekretär Lutz Stroppe die Arbeit der KBV, mahnte aber gleichzeitig: „Wer jung und aktiv bleibt, der kann noch lernen, neue Gewohnheiten annehmen und auch Widerspruch ertragen. Und ich wünsche mir, dass in diesem Sinne die KBV und auch die KVen noch lange jung und aktiv bleiben“, sagte Stroppe vor der Festgesellschaft am Mittwoch in Berlin.

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Stroppe: Fairness und Vertrauen, Klarheit und Transparenz
Mit Kritik hielt er sich nicht zurück: „Das BMG erwartet von der ärztlichen Selbstver­waltung keine Verbrüderung. Aber Fairness und Vertrauen miteinander ist eine Erwartung, die wir an die Ärzteschaft haben. Dabei müssen Klarheit, Transparenz, Verlässlichkeit und Seriosität vorangetrieben werden. Das gilt für die Abrechnungs­systematik in der ASV genauso wie für die Festlegung von Ruhe­standsgehältern und Übergangszahlungen“, sagte Stroppe. Das Vertrauen der Politik und des BMG sei groß, „aber nicht grenzenlos.“

Die „Freiheit der Verantwortung für das Wohl der Patienten“ sieht er in vielen Bereichen: So sei es ein Erfolg der Medizin und der Ärzte, dass es einen demografischen Wandel gibt, Menschen länger leben. Aber dadurch entstünden Herausforderungen wie die steigende Zahl von Menschen mit chronischen Erkrankungen. „Es ist toll, was ihre Mitglieder 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche das ganze Jahr über leisten“, lobte Stroppe. Auch den Einsatz der niedergelassenen Ärzte bei der medizinischen Versorgung der Flüchtlinge lobte der Staatsekretär.

"Werden sie wieder Spielmacher!
Für die Zukunft ermunterte Stroppe die Vertreter der KBV, wieder in ihre Rolle als „Spielmacher“ zurückzufinden. "Nutzen sie die Freiheit der Gestaltung und die Verantwortung, die das mit sich bringt.“  

Giovanni Maio /Lopata

An die Verantwortung appellierte auch Medizinethiker Giovanni Maio von der Universität Freiburg in seinem Festvortrag. „Industriell medizinische Angleichungsversuche negieren das Medizin etwas anderes ist, als industrielle Produktion.“ Er sieht die Gefahr, dass die Medizin mehr und mehr mit einer „industriellen Produktion“ verglichen wird und dementsprechend umgebaut wird. Gerade angesichts der schwierigen Rolle von Ärzten zwischen den unterschiedlichen Ansprüchen von Politik, Gesellschaft und Patienten liege eine große Chance für die KBV: Sie könne als Verteidigerin des freien Berufes den ärztlichen Sachverstand in die politische Debatte einbringen. „Um das zu erreichen,  muss es die KBV schaffen, die Ärzte wieder zu einer gemeinsamen Stimme werden zu lassen“, so Maio.

Komplexe Welt bringt aufwendige Organisation für Versorgung mit sich
Für den Vorsitzenden der KBV, Andreas Gassen, ist die Marschrichtung für die kommenden Jahrzehnte klar: Auch wenn in der derzeitigen Situation immer wieder die Sinnfrage gestellt werde, ob es noch eine Institution wie die KBV benötige, braucht es Organisationen, die die vertragsärztliche Versorgung organisieren: „Wir brauchen die KBV, weil in einer immer komplexer werdenden Welt auch die ambulante Versorgung immer aufwendiger organisiert werden muss.“

Als ein Erfolgsmodell der gemeinsamen Selbst­verwaltung beschreibt Gassen den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). „Die Entscheidungen, die im G-BA getroffen werden, mögen nicht immer allen gefallen. Sie sind aber auf jeden Fall besser als Entscheidungen, die am grünen Tisch von Ministerial­beamten getroffen werden würden, die in die Alltagssituation der Versorgung keine echten Einblicke haben.“

Zu den sechs Jahrzehnten, auf die die KBV zurückblicken kann, gehört auch, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten der ärztlichen Selbstverwaltung das Berufs- und Selbstbild der Ärzte deutlich gewandelt habe. Landarztidylle – das war einmal. „Schuften bis der Arzt kommt, dieses Selbstbild hat die junge Generation nicht mehr“, so Gassen.

Regina Feldmann /Lopata

Wiedervereinigung: Große Leistung bei Systemübergang
Bei 60 Jahren Geschichte darf die Wiedervereinigung vor 25 Jahren und der Umbruch der Organisation des Gesundheitswesens in den fünf Ostdeutschen Bundesländern nicht vergessen werden. „Als eine besonders große Leistung ist zu werten, dass der Übergang in das vertragsärztliche System nahezu reibungslos verlief. Wer gestern noch zu seinem Arzt in die Poliklinik ging, ging morgen zu seinem niedergelassenen Haus- oder Facharzt. Für die Bevölkerung änderte sich nichts“, sagte KBV-Vize Regina Feldmann.

Eine wichtige Rolle spielten dabei die Ärzte vor Ort, die mit einer Praxisgründung oft „ins kalte Wasser geworfen“ wurden. „Dass das möglich war, hat mit dem besonderen Engagement der Kollegen in der Wendezeit zu tun und mit einer engagierten Unterstützung der KVen untereinander“, so Feldmann.

Heute seien die Herausforderungen in Ost und West ähnlich, vor allem die Suche nach dem Nachwuchs für die Versorgung auf dem Land.  Daher habe die KBV und auch die KVen bereits viele Projekte auf den Weg gebracht, die Vereinbarkeit von der Arbeit in der Praxis und der Familie für die junge Ärztegeneration zu verbessern.

Ziel sei es, die „extrem leistungsfähige und umfassende medizinische Versorgung“ in Deutschland auch in den kommenden Jahrzehnten zu erhalten. „Wir haben in Deutschland eine Versorgung, die für jeden zugänglich ist: unabhängig vom Alter, unabhängig von der wirtschaftlichen Situation, unabhängig von der Schwere der Erkrankung. Darum beneiden uns viele auf der Welt“, so Gassen. © bee/aerzteblatt.de

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