Medizin

Depressionen: „Schuldgefühle“ im Kernspin sagen Rezidiv voraus

Dienstag, 13. Oktober 2015

London – Patienten mit einer Major-Depression zeigen in der funktionellen Kernspin­tomo­graphie eine vermehrte Kommunikation zwischen bestimmten Hirnzentren. Sie war in einer Studie in JAMA Psychiatry (2015; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2015.1813) mit einer erhöhten Rezidivrate verbunden. Die Studie liefert Einblicke in die Pathogenese. Für die Klinik dürfte die umständliche Untersuchung nicht geeignet sein.

Eine häufige Begleiterscheinung der Major-Depression ist die Neigung der Patienten, sich für negative Lebensereignisse verantwortlich zu fühlen („self-blaming“). Hirn­forscher bringen diese unangemessenen Schuldgefühle mit einer vermehrten Aktivität im subgenialen Gyrus cinguli und der benachbarten septalen Region (SCSR) in Verbindung. Diese Region kommuniziert mit dem rechten oberen anterioren Temporallappen (RSATL).

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Ein Team um Roland Zahn vom King's College London untersuchte diese Regionen bei 64 Patienten, die sich von einer Major-Depression erholt hatten. Während die Patienten im Kernspintomographen lagen, wurden ihnen Sätze vorgelesen, die ihre eigene Schuld oder zur Kontrolle die Schuld anderer Menschen beschrieben. Dazu gehörten Sätze wie „Tom (der Patient) hat sich Sam (seinem besten Freund) gegenüber gierig verhalten“ oder andersherum.

Diese Sätze lösen bei den Patienten Gefühle von Schuld (oder Beschuldigung) aus. In der funktionellen Kernspintomographie kam es bei einigen Patienten zu einer vermehrten Kommunikation zwischen SCSR und RSATL. Diese Patienten erlitten später als erste einen Rückfall ihrer Major-Depression. Zahn konnte bei 48 von 64 Patienten aufgrund der kernspintomographisch erfassten Hirnaktivität korrekt vorhersagen, ob es zu einem Rückfall kommen wird.

Bei den anderen 16 Patienten traf die Vorhersage nicht zu. Mit einer Trefferrate von 75 Prozent wäre der Test zu ungenau, um ihn in der Betreuung beispielsweise zum Kriterium für eine Änderung der Therapie zu machen. Der Aufwand der funktionellen Kernspintomographie wäre für den klinischen Einsatz ohnehin zu hoch.

Die Ergebnisse weisen aber darauf hin, dass die Schuldverarbeitung im limbischen System des Gehirns ein möglicher Auslöser der Depression ist. Dies war bereits von Sigmund Freud vermutet worden. Der Begründer der Psychoanalyse sah die Ursache der Schuldgefühle in einem traumatischen Ereignis in der Kindheit. Diese Ansicht wird heute von den meisten Psychiatern nicht geteilt.

Die funktionelle Kernspintomographie kann diese Fragen nicht klären. Warum Patienten mit Depressionen stärker als Gesunde auf Schuldgefühle reagieren, ist unklar. Die Studie kann auch nicht ausschließen, dass die vermehrte Hirnaktivität nur ein Nebenbefund ist. Die Hypothese, dass Schuldgefühle der Auslöser depressiver Episoden sind, wäre erst bewiesen, wenn es gelänge, die Hirnaktivität an dieser Stelle zu mindern und dadurch ein Rezidiv zu verhindern. © rme/aerzteblatt.de

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mkohlhaas
am Sonntag, 6. Dezember 2015, 19:00

Clemens X hat Recht.

Korrelation ist keine Kausalität.
Wenn man aber wie die meisten Psychiater, niemals gelernt hat wissenschaftlich zu arbeiten, wird in den meisten psychiatrischen "Studien" einfach nur gepfuscht.
Und den Patienten die den Unsinn dann nicht glauben, wird eine "Krankheitsbedingte fehlende Krankheitseinsicht" angedichtet.

Clemens-X
am Dienstag, 13. Oktober 2015, 21:39

Welch ein Chaos!… wenn man (mal wieder) Ursache und Wirkung vertauscht

Allseits anerkannte und bewiesene Tatsache ist, dass psychisches Leiden im Gehirn Korrelate in den jeweils aktivierten Hirn-Arealen hinterlässt. Diese Korrelate sind um so stärker wirksam und um so „größer”, je länger das psychische Leid angedauert hat und je stärker das Leid empfunden wurde.

Oder anders ausgedrückt: Jemand der durch die Dauer der Depression und deren Intensität ständig mit negativen, dysfunktionalen und destruktiven Gedanken beschäftigt ist, trainiert sozusagen die entsprechenden Hirnareale zu immer größerer Leistungsfähigkeit, weitere derartige Gedankenwelten hervorzubringen. Und er speichert in seinem Gedächtnis immer mehr dieser destruktiven Konstrukte.

Therapiere ich in dieser Situation fast nur oder sogar ausschließlich mit Verhaltenstherapie oder / und verordne Psychopharmaka, so mag zwar an der Oberfläche eine Änderung erreicht werden. Weil aber die Ursachen für das depressive Denk- und Verhaltnssystem nicht beseitigt worden sind, ist es nahezu zwangsläufig so, dass die Depression – getrieben von der nicht bearbeiteten Ursache – wiederkehrt.

Daher biete ich grundsätzlich meinen Klienten, dass zunächst mittels kognitiver VT die katastrophierenden und destruktiven Denkkreisel durchbrochen werden und eine Beruhigung und Stabilisierung erfolgt und sich der Klient wieder selbstwirksam erlebt, statt sich der Depression hilflos ausgeliefert zu fühlen. Aber danach geht es an die tiefenpsychologische Bearbeitung der Ursachen. (Hierzu und zur Verbindung alter prägender Erlebnisse mit der heutigen Alltagswelt nutze ich die Schematherapie.)

Keiner meiner bisherigen Klienten mit Depression hatte bisher ein Rezidiv. Ob also eine rezidivierende Depression auftritt, hängt nicht ursächlich vom Korrelat in einem Hirnareal ab, sondern davon, ob die Psychotherapie ursächlich gearbeitet hat. Ist die Ursache beseitigt, kann der Klient im Lebensalltag durch achtsames Verhalten sich selbst gegenüber über einige Monate oder ggfs Jahre hinweg auch die in der Depression entstandenen Korrelate abzubauen, da sie nicht mehr aktiviert und somit nicht mehr „benötigt” werden. – Gemäß dem Motto „Use it or loose it” tritt hier also ein heilsamer Effekt ein. Genau diese Zusammenhänge erkläre ich meinen Klienten, um die Motivation zur Aufrechterhaltung der „Praxis der Achtsamkeit” und des fürsorglichen Umgangs mit sich selbst zu stärken.

Für meine Erkenntnisse habe ich weder ein langjähriges Studium noch einen Professorentitel, kein fMRT und keine teuren Studien benötigt, sondern meine eigenen Erfahrungen genutzt, die ich mit meinem eigenen damaligen BurnOut und Depression gemacht habe und mit dem, was mir in der Therapie damals geholfen hat. Diese Erfahrungen habe ich ergänzt durch die vielen teuren Fachbücher, deren Inhalte ich strikt nur dann ernst genommen habe, wenn ich mir die Frage mit JA beantworten konnte: „Hätte mir das hier vorgestellte Verfahren oder diese Methode in meiner damaligen Situation konkret weiter geholfen oder zumindest einen stimmige, hilfreiche Erklärung geliefert?”

Nach diesem einfachen Kriterium hatte ich damals aus allen Therapieverfahren die Schematherapie für mich ausgewählt. Und im Laufe der praktischen Arbeit sah ich, welche zusätzlichen Methoden ich im Rahmen des schematherapeutischen Konzepts und gemäß meiner persönlichen Potenziale einsetzen möchte wie z.B. Körperorientierte Psychotherapie und Kreativ-Therapie (Kreative Leibtherapie nach Udo Baer).

Clemens M. Hürten - Lebenslust jetzt!
Heilpraktiker der Psychotherapie
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