Politik

„Gemeinsam klug entscheiden“ – Fachgesellschaften stellen neue Initiative vor

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Berlin – Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesell­schaften (AWMF) startet unter dem Leitsatz "Gemeinsam Klug Entscheiden" eine Qualitätsoffensive. Mit ihr möchte sie wissenschaftlich begründete, fachübergreifende und mit Patientenvertretern abgestimmte Empfehlungen zu wichtigen Gesundheits­fragen in die öffentliche Diskussion bringen. Ihr Motto: „Sinnvolle Medizin in einem Hochleistungsgesundheitssystem“.  

„Gemeinsam Klug Entscheiden“ orientiert sich dabei an der internationalen Initiative „choosing wisley“, im Rahmen derer sich seit 2011 zahlreiche Wissenschaftliche Fachgesellschaften mit dem Thema unnötiger oder sogar schädlicher medizinischer Leistungen beschäftigen und dazu für die verschiedenen Fachgebiete Top-5-Listen mit „Don't do-Empfehlungen“ erarbeiten.

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Handeln wird mehr belohnt als das Unterlassen
„Ärzte sollen Gewohntes hinterfragen, das vielleicht nicht immer das Beste für den jeweiligen Patienten ist“, sagte Rolf Kreienberg, Präsident der AWMF im Vorfeld des Berliner Forums der AMWF, das morgen in Berlin stattfindet. „Zur Kunst des Tuns oder Lassens gehört zudem immer das persönliche Gespräch und die gemeinsame Entschei­dung von Arzt und Patient.“

Aus Sicht der AWMF passt „choosing wisley“ aber nicht 1:1  in die deutsche Versor­gungs­landschaft. Mögliche Ursachen für Überdiagnostik oder Übertherapie seien in Deutschland die Sorge vor juristischen Konsequenzen, die Anspruchshaltung mancher Patienten, aber auch das deutsche Anreizsystem, das zu einer stärkeren Belohnung des Handelns im Vergleich zum Unterlassen führe.

Mut haben, etwas nicht zu tun
Die Choosing Wisely Intiativen seien angetreten, um Ärzten und Patienten den nötigen Mut zu geben, auch einmal etwas nicht zu tun, erläuterte der AWMF-Präsident. „Wir sollten aber nicht allein identifizieren, welche medizinischen Leistungen kritischer zu hinterfragen sind, sondern im Rahmen von „Gemeinsam Klug Entscheiden" auch, welche zu selten in Anspruch genommen und stärker unterstützt werden sollten."

Um der Initiative einen Rahmen zu geben, hat die AWMF im Frühjahr eine ad hoc Kommission eingesetzt, die jetzt das methodische Vorgehen entwickelt und testet. „Am Ende sollen klug ausgewählte Empfehlungen als Wissensgrundlage für wissenschaftlich und ethisch begründete Entscheidungen stehen. Diese gilt es, in verständlicher Form auch in eine öffentliche Diskussion und schließlich auf den Schreibtisch des Arztes zu bringen“, sagte Ina Kopp, Leiterin des Instituts für Medizinisches Wissensmanagement der AWMF.

Initiative soll auch Antwort auf die zunehmende Ökonomisierung sein
Denn das Thema Fehlversorgung betreffe nicht allein das ärztliche Sprechzimmer und könne auch nicht allein hier gelöst werden. „Die Initiative ist auch eine Antwort auf die zunehmende marktwirtschaftliche Orientierung des Gesundheitssystems.“ Ziel sei es allerdings nicht, einige Leistungen nicht mehr zu finanzieren, sondern allein eine individuellere Medizin.

Ärzte würden sich zunehmend genötigt gesehen, wirtschaftlich zu handeln. Belohnt werde der Arzt, der viel Konkretes unternimmt, und nicht derjenige, der sich seinen Patienten in einem längeren Gespräch“, sagte Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin. Man brauche jetzt jedoch  „mehr Arzt und weniger Medizin“.

Ärzte und Patienten sollen gezielt informiert werden
Die Handlungsempfehlungen seien nicht so zu verstehen, dass ein Arzt sich blind daran halten soll, betonte Kreienberg.  Die AWMF wolle aber auf häufige Versorgungs­probleme aufmerksam machen, Empfehlungen zu ihrer Behebung anbieten und erreichen, dass Ärzte und Patienten darüber sprechen.

„In Deutschland gibt es bereits zahlreiche ausgezeichnete evidenzbasierte Leitlinien, an denen die verschiedenen Fachgesellschaften gemeinsam fachübergreifend, mit anderen Berufsgruppen und mit betroffenen Patienten arbeiten", erläuterte AWMF-Präsident. Es gehe aber darum zu erkennen, wo man mit Leitlinien allein nicht weiterkommt. Mit der Initiative sollen Ärzte und Patienten ferner gezielter informiert werden. © ER/aerzteblatt.de

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