Medizin

Arbeitsmedizin: AKW-Angestellte sterben etwas häufiger an Krebs

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Chapel Hill – Die geringen Strahlendosen, denen Angestellte von Atomkraftwerken (AKW) am Arbeitsplatz ausgesetzt sind, erhöhen langfristig, wenn auch im geringen Maße, das Risiko an Krebs zu sterben. Dies zeigen die neuesten Ergebnisse einer maßgeblichen internationalen Kohortenstudie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2015; 351: h5359).

Beschäftigte der Atomindustrie tragen bei der Arbeit Dosimeter, die die radioaktive Belastung am Arbeitsplatz registrieren. Die Geräte sollen die Arbeiter primär vor einer kurzfristig erhöhten Strahlenbelastungen schützen, zu der es bei einer nicht erkannten Störung im Betrieb des AKW kommen könnte. Die Aufzeichnungen können jedoch auch genutzt werden, um die langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen einer niedrigen Strahlenexposition zu untersuchen.

Anzeige

Die „International Nuclear Workers Study“ (INWORKS) hat hierzu die Daten von 308.297 Angestellten der Atomindustrie aus Frankreich, Großbritannien und den USA mit den Todesursachen in Beziehung gesetzt, die in verschiedenen Katastern recherchiert wurden. Bislang konnten die Todesfälle von 66.632 Angestellten ermittelt werden, davon waren 19.064 an Krebs, Leukämien ausgenommen, gestorben.

Diese enorme Datenbasis ermöglicht Berechnungen, die statistische Zufälle weitgehend ausschließen. Die jetzt von David Richardson, University of North Carolina in Chapel Hill, und Mitarbeitern vorgestellten Daten zeigen eine klare lineare Abhängigkeit des Krebssterberisikos von der kumulativen Strahlenexposition. Die Arbeiter waren während ihrer gesamten Erwerbstätigkeit im Durchschnitt einer kumulativen Gesamtdosis von 20,9 mGy ausgesetzt (was in etwa einem Tausendstel der Gesamtdosis einer schwachen Strahlentherapie in der Onkologie entspricht).

Der dadurch ausgelöste Anstieg des Sterberisikos an soliden Tumoren war gering. Richardson beziffert ihn auf 48 Prozent pro Gy. Rein rechnerisch könnten 209 der 19.064 Krebstodesfälle – also etwa jeder Hundertste – Folge der Strahlenbelastung am Arbeitsplatz sein. Unter den Angestellten, die einer kumulative Strahlendosis von 5 mGy ausgesetzt waren, könnten schätzungsweise 2,4 von 100 Todesfällen an soliden Tumoren auf die Stahlenexposition am Arbeitsplatz zurückzuführen sein.

Da die Daten retrospektiv erhoben wurden, lassen sich Verzerrungen nicht ganz ausschließen. Die Zahlen stimmen jedoch weitgehend mit den Erfahrungen überein, die in der Life Span Study an Überlebenden der Atombombenabwürfe in Japan gemacht wurden. Der Ausschluss von Krebserkrankungen, die durch das Rauchen oder durch eine Asbestbelastung ausgelöst werden, veränderte die Zahlen nicht. Auch die klare Dosis-Wirkungs-Beziehung spricht für eine Kausalität.

Die Studie lässt zudem keine Schwellendosis erkennen, unterhalb derer das Krebssterberisiko nicht erhöht wäre. Dies unterstreicht für Richardson die Notwendigkeit des Strahlenschutzes, nicht nur in Atomkraftwerken, sondern auch in der Medizin. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Medizin

Nachrichten zum Thema

23.08.16
Röntgen: Bundesamt für Strahlenschutz senkt Dosisvorgaben
Salzgitter – Die Strahlenbelastung beim Röntgen soll in Deutschland reduziert werden. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) senkte deshalb die Dosisvorgaben für Mediziner. Die Referenzwerte wurden im......
08.08.16
Angst vor Atomunfall: NRW lagert flächendeckend mehr Jodtabletten ein
Düsseldorf – Um Bürger bei Atomunfällen zu schützen, rüstet die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen (NRW) die Katastrophenschutzämter landesweit im Herbst mit Millionen zusätzlicher Jodtabletten......
29.07.16
Herzkreislauf-­Erkrankungen: Astronauten haben ein erhöhtes Risiko
Tallahassee – Die kardiovaskuläre Mortalität ist bei Astronauten, die außerhalb der Magnetosphäre der Erde waren, viermal höher verglichen mit Astronauten, die nur in erdnahen Umlaufbahnen waren. Ein......
20.07.16
US-Studie: Krebsrisiko für Radiologen nicht (mehr) erhöht
Bethesda – Radiologen haben heute kein erhöhtes Sterberisiko durch strahlenbedingte Erkrankungen. Dies geht aus einem Vergleich der Sterbedaten von mehr als hunderttausend US-amerikanischen Radiologen......
15.06.16
Endokrinologen warnen vor Jod-Selbstmedikation bei Reaktorkatastrophe
Düsseldorf – Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) hat die Bevölkerung davor gewarnt, bei Reaktorunfällen Jodtabletten als Eigenmedikation einzunehmen. Hintergrund der Empfehlung ist eine......
30.05.16
Mobiltelefone: Studie findet erhöhte Krebsrate bei männlichen Ratten
Chicago – Männliche Ratten, die in einem 15 Millionen US-Dollar teuren US-Forschungsprojekt von der Zeugung bis zum Alter von zwei Jahren täglich mit elektromagnetischen Feldern (EMF) in der Stärke......
26.04.16
30 Jahre Tschernobyl: Ärzteorganisation drängt auf Abschaltung aller Atomkraftwerke
Berlin – 30 Jahre nach dem Unglück von Tschernobyl hat die Ärzteorganisation „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung“ (IPPNW) die Bundesregierung......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige