Politik

Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen auf Rekordhöhe

Dienstag, 27. Oktober 2015

Berlin - Die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen haben bei DAK-Versicherten ein neues Rekordniveau erreicht: Bei 1,9 Millionen Versicherten verursachten psychische Erkrankungen 6,3 Millionen Fehltage in 2014. „Damit lagen sie  erstmals auf dem zweiten Platz der Krankheitsarten für Fehltage nach Muskel- und Skeletter­kran­kungen“, sagte Susanne Hildebrandt vom IGES-Institut heute in Berlin.

Für den von der DAK-Gesundheit in Auftrag gegebenen „Psychoreport 2015“ hat das Institut die anonymisierten Daten von rund 2,6 Millionen erwerbstätiger Versicherten ausgewertet. „Die Ergebnisse des Psychoreports verdeutlichen nicht nur den bestehenden Handlungsbedarf. Sie motivieren uns auch dazu, neue Angebote zu erarbeiten, die die Versorgung verbessern“, sagte Herbert Rebscher, Vorstandschef der DAK-Gesundheit.

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Zusatzdiagnose Burnout verliert an Bedeutung
Aufgeteilt nach Diagnosen verursachen Depressionen und Anpassungsstörungen beziehungsweise Reaktionen auf schwere Belastungen dem Psychoreport zufolge die meisten Ausfalltage. 112 Fehltage je 100 Versicherte wurden von Depressionen verursacht, bei den Anpassungsstörungen waren es 42. Die Zusatzdiagnose Burnout hingegen verliert deutlich an Relevanz: Im vergangenen Jahr entfielen nur 5,2 Ausfall­tage darauf. Im Vergleich zu 2011 hat sich die Anzahl fast halbiert. „Burnout ist mittlerweile eher zur Beschreibung eines Risikozustands geworden“, erklärte Hans-Peter Unger, Chefarzt am Zentrum für seelische Gesundheit der Asklepios Klinik Hamburg-Harburg. „Von chronischem Stress verursachte psychische Krankheiten werden heute als Anpassungsstörungen oder Depressionen erkannt.“

Frauen sind fast doppelt so oft wegen psychischer Störungen krankgeschrieben wie Männer. Der DAK-Psychoreport zeigt aber auch deutliche Steigerungsraten bei Männern auf: So erhöhte sich beispielsweise die Anzahl der Ausfalltage aufgrund von Anpassungs­störungen bei den 15- bis 19-Jährigen innerhalb von neun Jahren um fast 250 Prozent.

Die meisten Fehltage gibt es im Saarland
Bei den Fehltagen durch psychische Erkrankungen gibt es deutliche regionale Unterschiede: Während im Saarland im vergangenen Jahr 306 Fehltage je 100 Versicherte mit den entsprechenden Diagnosen begründet wurden, waren es in Bayern lediglich 193 und in Baden-Württemberg 197. „Das Saarland weist generell einen hohen Krankenstand auf“, betonte Susanne Hildebrandt.

Warum das so ist, konnte die IGES- Mitarbeiterin nicht erklären. Die Großstädte Berlin und Hamburg belegen mit 292 und 289 Fehltagen je 100 Versicherte die Plätze zwei und drei der Psycho-Statistik. Die ostdeutschen Bundesländer bewegen sich bei den Ausfalltagen im Mittelfeld - hier sind aber die Anstiege besonders stark: In Brandenburg beispielsweise hat sich der Wert von 2000 bis 2014 fast verdreifacht.

„Mit niedrigschwelligen Behandlungskonzepten und dem Einsatz qualitätsgeprüfter E-Health-Programme wollen wir das bisherige Angebot an den tatsächlichen Bedarf der Betroffenen anpassen, lange Wartezeiten und Fehldiagnosen verhindern“, sagte Rebscher. Ein Modul könne hier das interaktive webbasierte Selbsthilfeprogramm „Deprexis“ zur Unterstützung von Menschen mit leichten bis mittelschweren Depressionen sein.

Das von der Münchener Firma Servier entwickelte Deprexis ist über PC, Tablet oder Smartphone nutzbar und basiert auf Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie. Die Patienten können dabei anonym bleiben. Therapeuten, die Deprexis behandlungs­begleitend einsetzen, können sich online über die bearbeiteten Inhalte und Übungen informieren – vorausgesetzt der Patient stimmt dem Austausch zu.

Universität Bielefeld zeigt positive Wirkung von Deprexis
Eine bisher noch unveröffentlichte Studie, die die Universität Bielefeld gemeinsam mit der DAK durchgeführte, hat das Programm Deprexis auf seine Wirksamkeit untersucht. An der Studie haben 3.800 Menschen mit unterschiedlich starker depressiver Symptomatik teilgenommen. Sie wurden über ein Jahr regelmäßig befragt. Das Ergebnis ist positiv: „Mit der Unterstützung von Deprexis schwächt sich der Depressionsgrad in relativ kurzer Zeit deutlich ab“, erklärte Studienleiter Wolfgang Greiner, Gesundheitswissenschaftler der Universität Bielefeld. „Das zeigt, dass das Programm den Patienten in der Regel unmittelbar hilft.“ Außerdem habe sich die berufliche und soziale Funktionsfähigkeit signifikant verbessert. Zudem wirke sich das Online-Programm kostensenkend für die Krankenkassen aus.

Die DAK sieht das Online-Programm als eine Möglichkeit zur Wartezeitenüberbrückung bis zu einer Psychotherapie, aber auch nach einem Klinik- oder Rehaaufenhalt zur Stabilisierung der Patienten. „Deprexis muss auf jeden Fall in ein Versorgungkonzept eingebunden sein, und wir prüfen zurzeit, welche das konkret sein können“, sagte Rebscher. In Frage kämen Angebote der integrierten Versorgung.

Die DAK will jetzt verstärkt auf Hausärzte, Psychiater und Psychotherapeuten zugehen, um für das Online-Programm zu werben. Man sei mit den entsprechenden Berufsverbänden im Gespräch.  © pb/aerzteblatt.de

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bkiessling
am Montag, 2. November 2015, 17:05

Dystopie

An dem Tag, an dem Roboter und Computer sich der Menschen annehmen, welchen es schlecht geht, können wir endgültig mit unserer modernen Zivilisation abschließen. Wie armselig sind wir denn daß wir reiches Land uns nicht mal Hilfe in der Not von Mensch zu Mensch leisten wollen sondern online Medien dazu benutzen? Andererseits ... warum denn auch nicht? Kinder- und Altenentsorgunsstätten haben wir ja schon. Öfter mal was Neues.
SOCO10
am Dienstag, 27. Oktober 2015, 21:51

Psychische Erkrankungen

Der Report der DAK macht den gleichen strategischen Fehler wie der Report der BKK: Er quantifiziert Psychische Erkrankungen nach dem sehr oberflächlichen Regelwerk des ICD-10, statt nach dem DSM-V, die nicht übereinstimmen. Das DSM hat die Zielsetzung der aktuellen Darstellung psychiatrischer Krankheitsbilder, während ICD-10 lediglich der Registrierung aller Krankheiten dient. Wenn man dazu bedenkt, dass unerklärliche Symptome, wie zum Beispiel bei einer Lyme-Borreliose, ratzfatz als Depression abgehandelt werden, drückt dieser Report nicht die Wirklichkeit der Erkrankungen aus, sondern die Unfähigkeit der Diagnostiker und die Leichtfertigkeit, einen jammernden Patienten mit unklarenSymptomen schnell wieder loswerden zu können. Insofern ist dieser Report eher als künstlich herbeigeführtes Beweismittel zu sehen, um sich aus dem Gesundheitsfonds überzeugender bedienen zu können. War es nicht erst vor Kurzem, dass Ärzte "mal wieder" angehalten wurden, ihre Diagnosen zu überprüfen?
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