Politik

Niederlande: „Es wäre besser gewesen, die aktive Sterbehilfe zu begrenzen“

Donnerstag, 29. Oktober 2015

Berlin – In den Niederlanden wird derzeit darüber diskutiert, die Regelungen zur aktiven Sterbehilfe weiter zu lockern. „Es gibt Überlegungen, ob Ärzte aktive Sterbehilfe auch bei Senioren leisten sollen, die zwar nicht krank, aber des Lebens überdrüssig sind“, berichtete der niederländische Journalist Gerbert van Loenen gestern auf der Veranstaltung „Ärztlich assistierter Suizid in Deutschland?“ des Dialogforums Pluralis­mus in der Medizin. Darüber berate zurzeit eine Kommission. Schon über 100.000 Bürger hätten sich im Rahmen einer Unterschriftensammlung dafür ausgesprochen.  

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Die Niederlande waren das erste Land, das aktive Sterbehilfe durch Ärzte straffrei gestellt hat. „Im Jahr 2014 starben vier Prozent der Niederländer durch aktive Sterbe­hilfe“, erzählte van Loenen, „darunter viele Krebspatienten in ihrem eigenen Heim durch ihren Hausarzt.“ Diese Fälle würden fast immer gemeldet und im Anschluss überprüft. Nur ganz selten würden dabei Unregelmäßigkeiten festgestellt. Die Zustimmung der Bevölkerung sei dabei sehr hoch.

41 psychisch kranke Menschen erhalten Sterbehilfe
Van Loenen betonte, dass die Grenzen der aktiven Sterbehilfe in den Niederlanden immer weiter ausgedehnt wurden: „Bis vor einigen Jahren durfte Sterbehilfe nur bei Demenzkranken geleistet werden, die noch einwilligungsfähig waren. Inzwischen müssen die Demenzkranken nicht mehr einwilligungsfähig sein.“ 2014 sei bei 82 Menschen mit Demenz aktive Sterbehilfe geleistet worden, eine Minderheit habe dabei an einer Demenz im fortgeschrittenen Stadium gelitten.

Zudem erhielten im vergangenen Jahr 41 psychisch kranke Menschen Sterbehilfe. „Früher waren Psychiater hier zurückhaltender, weil der Todeswunsch ja ein Symptom der Krankheit sein kann“, sagte van Loenen. „Dies wurde in der Öffentlichkeit aber als Missachtung der Selbstbestimmung des Patienten kritisiert.“

Sterbehilfe bei einer Frau mit Tinnitus wird gemaßregelt
Wenn ein Arzt in den Niederlanden einem Patienten eine aktive Sterbehilfe verweigert, können sich die Patienten noch an sogenannte Lebensende-Kliniken wenden, für die mobile Teams arbeiten. Auf diese Weise sei zum Beispiel bei einem „lebensmüden Rentner“ und einer Frau mit starkem Tinnitus Sterbehilfe geleistet worden. Letzterer Fall sei jedoch von der zuständigen Kommission gemaßregelt worden, so van Loenen.

Der frühere stellvertretende Chefredakteur der Zeitung „Trouw“ berichtete zudem von Überlegungen, Sterbehilfe auch bei Kindern zu erlauben, wenn deren Eltern zustimmen. Bislang sei Sterbehilfe nur bei Kindern ab dem 12. Lebensjahr erlaubt. Schon heute sei es mit dem Einverständnis der Eltern hingegen möglich, Sterbehilfe bei Babys zu leisten, die schwer litten. Da viele dieser Fälle jedoch nicht gemeldet würden, sei nicht bekannt, wie oft dies geschehe. 

Suizidbeihilfe: „Von vornherein bestimmen, wie weit man gehen möchte“
„Wir haben eine Entwicklung angestoßen, deren Grenzen stetig erweitert wurden“, resümierte van Loenen. „Im Nachhinein wäre es besser gewesen, aktive Sterbehilfe auf Fälle zu begrenzen, in denen die Menschen terminal krank sind.“ Die aktuelle Debatte in Deutschland erinnere ihn an die Debatte, wie sie vor Jahren in den Niederlanden geführt worden sei. „Zuerst wird über einwilligungsfähige Patienten diskutiert, die unter Schmerz­en leiden. Mit diesen Fällen fängt die Debatte immer an, denn das sind Fälle, die man nachvollziehen kann“, so van Loenen.

Bei einem Gesetzgebungsvorhaben sei es wichtig, von vornherein zu bestimmen, wie weit man gehen möchte und dort eine klare Grenze zu ziehen. In den Niederlanden habe man diese Grenze bis heute nicht gefunden. Am 6. November debattiert der deutsche Bundestag über eine Regelung zur Suizidbeihilfe.

© fos/aerzteblatt.de

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EEBO
am Samstag, 31. Oktober 2015, 13:24

Sehr konsequent

Der Fall einer Patientin, die sich nach jahrelangem Tinnitusleiden suizidierte, ist mir aus meinem persönlichen Umfeld bekannt. Wenn man also ein "Selbstbestimmungsrecht" über alles hebt, dann sollte man solchen Menschen selbstverständlich auch das Recht auf einen assistierten Suizid oder auch auf Tötung auf Verlangen zugestehen (und dies nicht verurteilen). Und wenn wir konsequent bleiben, dann müßte es entsprechnde Gifte zur Selbsttötung mit nur geringer Hürde erhältlich geben. Denn: Stellen wir die sog. "Selbstbestimmung" über alles, dann lassen sich nur ziemlich wenige Fälle konstruieren, in denen eine (Selbst-)Tötung verweigert werden kann - die Geister, die sie riefen, die waren sie nicht mehr so schnell los...
Mathilda
am Freitag, 30. Oktober 2015, 15:55

Wahl der Überschrift zeigt parteiische Haltung des Ärzteblattes

Warum ist das Ärzteblatt nicht in der Lage, unparteiischen Journalismus zu betreiben? Weil Sie der Meinung sind, die Mehrheit der Ärzte mit Ihrer Parteinahme zu vertreten? Seien Sie sich nicht so sicher; die Mehrheit der Ärzte möchte für ihre Patienten da sein, auch in den letzten Stunden. Und nicht in erster Linie Geld verdienen.

Im Artikel wird mehrfach auf die hohe Unterstützung der stetig weiterentwickelten Sterbehilfe in den Niederlanden durch die dortige Bevölkerung hingewiesen. Trotzdem wird mit der Überschrift so getan, als ob diese Weiterentwicklung ein Fehler war.
Die Meinung eines Journalisten und ggf. einiger Ärzte(funktionäre) zählt also mehr als die Meinung und der Wille der Bevölkerungsmehrheit?
Eutanasia
am Freitag, 30. Oktober 2015, 15:27

Interessenkonflikt

Es wäre besser, die Ärzte würden sich aus dieser Debatte komplett raushalten. Der Interessenkonflikt ist zu groß: Schließlich ist an einem toten Patienten nichts mehr zu verdienen.
Simplicissimus
am Freitag, 30. Oktober 2015, 00:20

Wer ist empathischer,

die Gegner der aktiven Sterbehilfe, oder deren Befürworter? Kinder dürfen (müssen) bis zu ihrem 12. Lebensjahr schwerstens leiden. Erst dann dürfen sie davon erlöst werden.
Auch wenn das kritisiert wurde: Wer selbst erlebt hat, wie unzumutbar mancher Tinnitus sein kann, wird ermessen können, wie sehr man den Tod herbeisehnen kann.
Dass Lebensüberdruss grundsätzlich die Folge einer Depression ist, dem unterstelle ich, dass es ihm ganz einfach an Empathie, oder besser, an sozialer Kompetenz fehlt. Eigentlich ist es schon ein Wunder, wie viele Menschen es in einer Situation aushalten, die ein anderer längst als nicht mehr Lebenswert empfindet. Darf ich erinnern, dass erst der Mensch in der Lage ist, sich bewusst aus seinem ungewünschten Leben zu verabschieden? Ihm das zu verwehren, bedeutet, ihm sein Recht auf Selbstbestimmung vorzuenthalten. Aus purer Feigheit (und natürlich auch aus reiner Rhohheit) unterstellt man lieber eine Geistesgestörtheit. Im Übrigen empfehle ich jedem Gegner der aktiven Sterbehilfe den Film "Das Meer in mir".
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