Ärzteschaft

Experten diskutieren: Wie sollen die offenen Stellen im Krankenhaus besetzt werden?

Freitag, 30. Oktober 2015

Berlin – „Unseren Berechnungen zufolge benötigen wir bis zum Jahr 2018 etwa 56.000 Vollzeitpflegestellen mehr im Krankenhaus als heute.“ Diese Zahl nannte der Präsident des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD), Josef Düllings, gestern auf dem „Fach- und Praxisform 2015 Personalbedarf“ des Marburger Bundes (MB) in Berlin. Sie ergebe sich aus dem höheren Versorgungsbedarf, der dann bestehe. „Mit Hilfe des Pflegestellenförderprogramms können etwa 6.000 Vollzeitkräfte eingestellt werden – bleiben 50.000 Mitarbeiter im Krankenhaus, die uns fehlen werden“, so Düllings.  

Auch der Präsident des Deutschen Pflegerates, Andreas Westerfellhaus, hält die ent­sprechenden Vorhaben der Bundesregierung im Krankenhausstrukturgesetz für nicht ausreichend. „Wenn da infolge des Förderprogramms zwei oder drei neue Kollegen in einem Krankenhaus eingestellt werden: Das merken wir nicht einmal.“

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Zwar sei es „natürlich ein Fortschritt, wenn nun mit dem geplanten Pflegezuschlag 500 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich zur Verfügung gestellt würden“, sagte Westerfallhaus. Doch das löse die Probleme nicht. Zwischen dem Ende der 1990er-Jahre und der Mitte der 2000er seien 50.000 Pflegestellen abgebaut und dabei 2,5 Milliarden Euro einge­spart worden. Das seien die Dimensionen, um die es gehe.

„Ärzte und Pflege müssen viel enger zusammenrücken“
Beide Verbandschefs betonten, wie wichtig es sei, die gemeinsamen Interessen auch gemeinsam zu vertreten. „Wir glauben, wir können im Jahr 2017 sehr viel bewegen, wenn wir eine Allianz schmieden“, meinte Düllings. Und Westerfellhaus betonte: „Wir müssen begreifen, dass Ärzte und Pflegende gemeinsam die Leistungsträger im Gesundheitssystem sind. Neben anderen Berufsgruppen sind wir diejenigen, die das System überhaupt am Laufen halten. Wir müssen verstehen, welche Ressourcen darin liegen, wenn wir gemeinsam auftreten und klarmachen, was geschieht, wenn wir nicht mehr können.“ Die Berufsgruppen müssten daher viel enger zusammenrücken und für die gemeinsamen Interessen eintreten.

„Wer mehr Qualität fordert, muss mehr Personal fordern“
Auf den Zusammenhang von der Personalbesetzung im Krankenhaus und der dort erbrachten Qualität wies die Vorsitzende des MB-Landesverbandes Hessen, Susanne Johna, hin: „Wer sich heute hinstellt und mehr Qualität fordert, der muss auch mehr Personal fordern.“ Sie kritisierte, dass Deutschland unter Bedarf ausbilde: „Wir brauchen mehr Studienplätze an öffentlichen Universitäten. Wir müssen eigenen Nachwuchs generieren.“ Denn es reiche nicht aus, Fachkräfte aus dem Ausland zu holen. Ein weiteres Problem sei das Outsourcing. „Wenn die Reinigung outgesourct wird, hat das Konsequenzen auf die Hygiene im Krankenhaus“, betonte Johna.

Die Fachärztin für Innere Medizin zitierte aus einer Umfrage des MB: „71 Prozent der Ärzte, die teilgenommen haben, fühlen sich durch ihre Arbeit krank. Wir sind heute schon an einem Punkt, an dem das Personal überlastet ist.“ Das sei auch an der Zahl der Krankschreibungen zu erkennen. Sie forderte die Ärzte auf: „Wir müssen auch einmal selber die Notbremse ziehen und sagen: Wir können es nicht länger verantworten, die Patienten so zu versorgen.“

„Die jungen Kollegen erleben im ersten Jahr im Krankenhaus einen Kulturschock“
„Die jungen Kollegen erleben im ersten Jahr im Krankenhaus einen Kulturschock“, berichtete sie. „Sie kommen von den Universitäten, sind hoch motiviert, müssen aber dann erleben, dass gar nicht der Patient im Mittelpunkt steht, sondern ökonomische Daten.“ Die Entscheidungskompetenz des Geschäftsführers müsse da aufhören, wo die Berufsordnung der Ärzte beginne. Der Patient müsse sich darauf verlassen können, dass ausschließlich medizinische Entscheidung seine Therapie bestimmten und keine ökonomischen. „Wenn wir dort wieder hinkommen, haben wir auch die Qualität, die die Politik einfordert“, betonte Johna.

Hin und wieder höre man: Im Krankenhaus gebe es ja nur eine Bettenauslastung von 80 Prozent. So schlimm könne es da ja nicht sein mit der Arbeitsbelastung, fuhr sie fort. Nicht berücksichtigt werde dabei aber, dass die Fallzahlen seit Jahren stiegen. „Es ist eben nicht egal, ob ein Patient elf Tage im Krankenhaus liegt und betreut wird oder ob drei Patienten dreieinhalb Tage betreut werden müssen“, betonte Johna. „Außerdem ist es nicht egal, ob ein 40-Jähriger betreut werden muss oder ein multimorbider 85-Jähriger.“ Denn letzteres führe zu mehr Personalbedarf.

„Wer hat je definiert, wie viele Krankenhäuser wir in Deutschland brauchen?“
Mit dem Krankenhausstrukturgesetz wollen Bund und Länder unter anderem Krankenhäuser schließen, um eine angenommene Überversorgung in Deutschland zu reduzieren. „Es darf nicht primär darum gehen, Kapazitäten abzubauen, sondern höchstens punktuell, zum Beispiel in manchen Ballungszentren“, meinte dazu VDK-Präsident Düllings. Ihn erinnere die Situation an die Ärzteschwemme, von der in den 1980er- und 90er-Jahren gesprochen worden sei. Die Bundesländer hätten die Zahl der Studienplätze damals reduziert. Und heute fehlten nun diese Ärzte.

„Wer hat je die Nulllinie definiert, wie viele Krankenhäuser wir in Deutschland eigentlich brauchen“, fragte Johna. Solange dies nicht geschehen sei, könne man weder von Über- noch von Unterversorgung sprechen. „Wenn wir die Strukturen jetzt abbauen, werden wir sie in acht Jahre für viel Geld wieder aufbauen müssen“, sagte auch sie.

„Wir lange können wir uns den Luxus doppelter Strukturen noch leisten?“
Der Geschäftsführer des Beratungsunternehmens DKI GmbH, Wolfgang Plücker, meinte hingegen: „In Deutschland hat ein Krankenhaus im Durchschnitt 165 Betten, in Europa 500 Euro. Je mehr Krankenhäuser es gibt, desto öfter gibt es doppelte Küchen sowie doppelte Verwaltungen. Können wir uns diesen Luxus weiterhin leisten, um die kurzen Wege zu erhalten?“

Als Beispiel nannte er zudem die Finanzierung einer Geburtshilfeabteilung: „Wenn ein Krankenhaus 250 Geburten pro Jahr betreut, muss der Träger die Geburtshilfe ständig finanziell unterstützen. Das ist über mehrere Jahre nicht möglich, denn dann fehlt das Geld woanders.“ In solchen Fällen solle man die Abteilung lieber schließen. © fos/aerzteblatt.de

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Brech
am Freitag, 30. Oktober 2015, 22:27

Wie die offenen Stellen im Krankenhaus besetzen

Ich arbeite in einem Krankenhaus in Südbaden, das beim Entlasten der Pflege ganz kreativ ist.
Das Legen von suprapubischen DKs und die rektal-digitale Ausräumung sind nicht mehr Aufgabe der Pflege, sondern???
natürlich ab sofort ärztliche Aufgabe.
Ob das wohl in den Aufgabenkatalog der Assistenzärzte aufgenommen wird und dokumentiert, abgezeichnet und zur Facharztprüfung eingereicht werden muss?
Ich bin gespannt.
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