Medizin

Warum Töchter von PCOS-Patientinnen zu Depressionen neigen

Mittwoch, 4. November 2015

Stockholm – Töchter von Patientinnen mit polyzystischem Ovar-Syndrom (PCOS) leiden wie ihre Mütter häufiger unter Depressionen. Tierexperimentelle Studien in den Proceedings of the National Academy of Sciences (2015; doi: 10.1073/pnas.1507514112) machen dafür eine erhöhte Androgenkonzentration im Blut der Mutter während der Schwangerschaft verantwortlich.

Die genaue Ursache des PCOS ist nicht bekannt. Erhöhte Androgenspiegel sind jedoch eine häufige Begleiterscheinung. Im Fall einer Schwangerschaft, die Frauen mit PCOS oft nur mit Schwierigkeiten erreichen, sind auch die Nachfahren den männlichen Geschlechts­hormonen ausgesetzt. Da Testosterone im Körper zu Östrogenen abgebaut werden, ist auch die Exposition mit den weiblichen Geschlechtshormonen erhöht.

Anzeige

Ein Team um Elisabet Stener-Victorin vom Karolinska Institut in Stockholm hat an Ratten untersucht, welche langfristigen Folgen dies für die nächste Generation hat. Dazu wurden die trächtigen Muttertiere mit Testosteron oder Placebo behandelt. Zwei weitere Gruppen erhielten das männliche Geschlechtshormon zusammen mit Flutamin, einem Testosteron-Antagonisten, oder mit Tamoxifen, das die Wirkung von Östrogenen aufhebt. Die intrauterine Testosteron-Exposition hatte zur Spätfolge, dass die Tiere sich im ausgewachsenen Alter ängstlicher verhielten. Dieser Effekt war sowohl bei weiblichen als auch bei männlichen Nachfahren nachweisbar, bei den weiblichen waren die Auswirkungen jedoch deutlich stärker.

Stener-Victorin bringt diese vermehrte Ängstlichkeit mit einer veränderten Bildung der Neurotransmitter Serotonin und GABA in der Amygdala, dem „Angstzentrum“ des Gehirns, in Verbindung, die sie bei den Tieren nachweisen konnte. Ähnliche Auswirkungen wie die intra-uterine Testosteron-Exposition hatten Mikro-Injektionen des Hormons in die Amygdala der ausgewachsenen Tiere. Auch beim Menschen gibt es laut Stener-Victorin Hinweise auf eine angstauslösende Wirkung von Androgenen.

Sie könnte beispielsweise erklären, warum Patientinnen mit PCOS häufig unter Depressionen leiden. Suizide sind unter Patientinnen mit PCOS sieben Mal häufiger als bei gesunden Kontrollen. Dass auch die Kinder, Töchter mehr als die Söhne, die Anfälligkeit von der Mutter übernehmen, könnte durchaus mit der intrauterinen Hormonexposition zusammenhängen, schreibt die Forscherin. Die epidemiologischen Belege für vermehrte mentale Erkrankungen bei den Töchtern von PCOS-Patientinnen sind allerdings begrenzt.

© rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Medizin

Nachrichten zum Thema

22.09.16
Studie: Depression fördert Schwangerschafts­diabetes
Bethesda/Maryland – Schwangere, die im ersten oder zweiten Trimenon eine depressive Gemütslage zeigten, erkrankten in einer Kohortenstudie in Diabetologia (2016; doi: 10.1007/s00125-016-4086-1)......
12.09.16
Birmingham – Ein kurzer Abschnitt RNA spielt neuesten Studien zufolge eine Rolle bei der Entstehung einer Depression (Major depressive disorder, MDD). Die microRNA könnte einen neuen Angriffspunkt für......
06.09.16
Suizidprävention mit Nachholbedarf: Bundestags­abgeordnete legen Forderungen vor
Berlin - Anlässlich des Welt-Suizidpräventionstags am kommenden Samstag fordern Vertreter aus Politik und gemeinnützigen Vereinen einen stärkeren Kampf gegen Selbsttötungen. Zwar liegen Vorschläge des......
17.08.16
Depressionen nach Behandlung auf Intensivstation häufig
Baltimore – Jeder dritte Intensivpatient leidet nach der Entlassung unter Depressionen, die nach den Ergebnissen einer Meta-Analyse in Critical Care Medicine (2016; 44: 1744-1753) auch ein Jahr später......
11.08.16
Suizidrisiko: Potenzieller Biomarker entdeckt
Grand Rapids – Menschen, die versucht haben, sich das Leben zu nehmen, könnten eines Tages anhand eines Bluttests identifiziert werden. Forscher aus Australien, Schweden und den USA haben bei......
25.07.16
Depression: Kostengünstigere Alternative zur kognitiven Verhaltenstherapie in Studie gleichwertig
Exeter – Eine einfache und kostengünstige Alternative zur kognitiven Verhaltenstherapie hat in einer randomisierten Vergleichsstudie im Lancet (2016; doi: 10.1016/S0140-6736(16)31140-0) eine gleich......
08.07.16
Baltimore – Patienten mit einer chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung (COPD), die eine depressive Episode erleiden, zeigen eine schlechtere Compliance in ihrer COPD-Therapie als psychisch gesunde......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige