Politik

Praxissoftware sollte Informationen über Zusatznutzen neuer Arzneimittel enthalten

Mittwoch, 4. November 2015

Berlin – Die Praxissoftware von Ärztinnen und Ärzten sollte Informationen über den Zusatznutzen neuer Arzneimittel enthalten. Das hat der Bielefelder Gesundheitsökonom Wolfgang Greiner gefordert. „Viele Ärzte verordnen heute Arzneimittel ohne Zusatz­nutzen“, sagte Greiner gestern auf dem 6. Berliner Symposium der Gesellschaft für Wirtschaftlichkeit und Qualität bei Krankenkassen (GWQ) in Berlin. Um dies zu ändern, müsse die Praxissoftware ihnen anzeigen, welche Arzneimittel einen Zusatznutzen enthielten und welche nicht. „Man fragt sich, warum das noch nicht geschehen ist“, meinte das Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen.

Im Auftrag der DAK hatten Greiner und Kollegen von der Universität Bielefeld im Februar erstmals den AMNOG-Report erstellt. Darin wurden unter anderem die Verordnungszahlen neuer Arzneimittel untersucht, deren Zusatznutzen nach dem Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) bewertet wurde. Derzeit bereitet die Universität den zweiten AMNOG-Report vor, deren Zwischenergebnisse Greiner darstellte.

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Am häufigsten erhalten Onkologika und Orphan Drugs einen Zusatznutzen
„Ende Juni 2015 hatte der G-BA 62 Prozent der neuen Arzneimittel einen Zusatznutzen zugesprochen“, sagte Greiner. Bei manchen Arzneimitteln habe er dabei Subgruppen gebildet; der Zusatznutzen galt dabei nur für einen Teil der Patienten. „Aufgeteilt nach Subgruppen hatten nur noch 41 Prozent der neuen Arzneimittel einen Zusatznutzen“, erklärte Greiner. „Und gewichtet nach Patientengruppen waren es nur noch 18 Prozent.“ Der Anteil der positiven Zusatznutzenergebnisse nehme also mit dem Detaillierungsgrad ab. Am häufigsten hätten Onkologika und Orphan Drugs einen Zusatznutzen erhalten, so Greiner weiter. Dies sei relevant, da Pharmafirmen als Folge ihre Forschungs­anstrengungen in diese Richtung lenkten.

Pharmafirmen untersuchen häufiger Folgen von Medikamenten auf die Lebensqualität
Der unparteiische Vorsitzende des G-BA, Josef Hecken, fordert seit langem, dass die Arzneimittelhersteller in ihren klinischen Studien auch Informationen zur Lebensqualität der Patienten erheben sollen. „72 Prozent der Dossiers enthalten mittlerweile diese Informationen“, sagte Greiner. Es gebe jedoch einen großen Unterschied in deren Bewertung. „45 Prozent der Hersteller sind der Meinung, ihr Arzneimittel verbessere die Lebensqualität der Patienten. Der G-BA war jedoch nur bei acht Prozent der Fälle dieser Ansicht“, so Greiner. Die Frage sei, wie es zu diesen unterschiedlichen Einschätzungen komme.

Bis Oktober 2015 hatten Greiner zufolge Hersteller in 20 von 102 Verfahren entschie­den, ihr neues Arzneimittel in Deutschland nicht auf den Markt zu bringen. In 15 Fällen war der Preis zuvor von der Schiedsstelle festgelegt worden. „Ein solcher Opt-Out macht stets eine therapeutische Umstellung der Patienten erforderlich“, gab Greiner zu bedenken.   

Gesundheitsökonom: Ausgehandelter Preis soll nicht rückwirkend gelten
Derzeit wird in Berlin darüber diskutiert, das AMNOG zu modifizieren. Die Kranken­kassen fordern zum Beispiel, dass der Preis, den der GKV-Spitzenverband und der Hersteller für ein neues Arzneimittel aushandeln, rückwirkend ab dem Tag der Markteinführung gelten soll. Bislang können die Hersteller im ersten Jahr den Preis frei festlegen. Greiner erteilte dieser Forderung der Kassen eine Absage.

Der Hersteller müsse wissen, wie viel Geld er im ersten Jahr mit seinem Produkt verdienen könne. In anderen Branchen sei dies auch selbstverständlich. So sei es zum Beispiel nicht vorstellbar, dass BMW nicht wisse, zu welchem Preis das Unternehmen seine Autos verkaufe. © fos/aerzteblatt.de

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Herz1952
am Donnerstag, 5. November 2015, 15:42

Dümmer geht immer

Geht's noch? Weis der Gesundheitsökonom überhaupt, Zusatznutzen definiert wird, bzw. was keine Zusatznutzen ist? Kein Zusatznutzen ist z.B. wenn ein Medikament nicht über die bereits vorgeschädigte Niere abgebaut wird, sondern über ein anderes Organ. Kein Zusatznutzen ist auch, wenn die Nebenwirkungen geringer sind, als die eines Medikamentes, das billiger ist. Der Zusatznuten bezieht sich nur auf die eigentliche Zulassung des Medikamentes für die Grundkrankheit.

Mehrfach erkrankte Patienten werden damit noch weiter geschädigt. Jetzt denkt auch noch der Spitzenverband Bund der GKV darüber nach, ob gesetzlich Versicherten Patienten auch die Erstattung von Medikamenten von geringem Zusatznutzen verweigert werden soll. Das ist Körperverletzung an Patienten!

Oder soll in der Praxis Software auch deutlich auf das Bundesverfassungsgerichtsurteil hingewiesen werden (Urteil vom 06.12.2015), das festgestellt hat, dass mit den G-BA Beschlüssen die Grundrechte von GKV Versicherten eingeschränkt werden, die somit verfassungswidrig (die Beschlüsse) sind?

Dies wird wohl kaum der Fall sein und die Kassenpatienten werden wohl weiter betrogen werden. Die meisten Ärzte kennen dieses Urteil nicht und werden Ihre Patienten auch nicht aufklären wollen.
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