Medizin

Darmkrebs: Vitamin C könnte bei KRAS- oder BRAF-Mutationen wirken

Sonntag, 8. November 2015

New York – Sollte Linus Pauling am Ende doch Recht behalten? Der Nobelpreisträger hatte lange vermutet, dass eine hochdosierte Vitamin C-Gabe Krebserkrankungen besiegen kann. Klinische Studien in den 1970er und 80er Jahren konnten dies nicht bestätigen. Eine präklinische Studie in Science (2015; doi: 10.1126/science.aaa5004) könnte die Hypothese jetzt für schwer therapierbare Formen des Kolorektalkarzinoms wiederbeleben.

Etwa 40 Prozent aller Kolorektalkarzinome haben Mutationen im KRAS-Gen, die zielgerichtete Therapien mit Cetuximab oder Panitumumab erfolglos machen. Bei 10 Prozent ist das BRAF-Gen ausgefallen, das normalerweise den Zellzyklus kontrolliert. Diese Tumore sind besonders aggressiv. Vor einiger Zeit hat der US-Forscher Jihye Yun, damals noch an der Johns Hopkins University in Baltimore tätig, entdeckt, dass Darmkrebszellen mit KRAS- oder BRAF-Mutationen auf ihrer Oberfläche vermehrt den Glukose-Transporter GLUT1 bilden. Die Zellen steigern dadurch den Import des für viele Krebsarten wichtigsten Energieträgers Glukose. Der Zuckerhunger vieler Krebszellen ist besonders groß, da sie die Glukose meist nur bis zum Pyruvat abbauen.

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Über den GLUT1-Transporter gelangt aber auch Dehydroascorbinsäure (DHA) in die Zellen. DHA ist die oxidierte Variante von Vitamin C. Sie wird innerhalb der Zelle durch Antioxidantien wieder in Vitamin C verwandelt. Wenn jedoch größere Mengen DHA in die Zellen gelangen, kann dies die antioxidativen Ressourcen der Zelle erschöpfen. Es kommt dann zu einer Anhäufung von freien Sauerstoffradikalen, die die Zelle zerstören. Dies erklärt, warum Vitamin C, das eigentlich ein Antioxidans ist, in hohen Dosierungen eine oxidative Schädigung hervorrufen kann. Da Krebszellen mit KRAS- oder BRAF-Mutationen über ihre GLUT1-Transporter besonders viele DHA in die Zellen schaffen, könnten sie durch eine Hochdosistherapie mit Vitamin C stärker geschädigt werden als andere Zellen.

Ein Team um Lewis Cantley vom Weill Cornell Medical College in New York, wo auch Yun derzeitig beschäftigt ist, hat die Hypothese zunächst an Darmkrebszellen unter­sucht. Hohe Vitamin C-Dosierungen waren tatsächlich in der Lage, Dickdarmkrebszellen mit BRAF oder KRAS-Mutationen abzutöten. Die Zellen starben ab, weil die Energie­produktion zusammenbrach. Im nächsten Schritt behandelten die Forscher Mäuse mit KRAS- oder BRAF-Mutationen.

Den Tieren wurde Vitamin C in einer Dosis in die Bauchhöhle injiziert, die beim Menschen durch den täglichen Verzehr von etwa 300 Orangen erzielt würde. Auch hier zeigte die Hochdosis-Behandlung Wirkung. Die Tiere, die eine genetische Anfälligkeit für Darmkrebs hatten, entwickelten deutlich weniger und kleinere Darmpolypen, eine Vorstufe des Kolorektalkarzinoms.

Cantley hofft, schon bald mit klinischen Studien beginnen zu können. Daran sollen Patienten mit KRAS oder BRAF-Mutationen teilnehmen. Möglicherweise werde auch der GLUT1-Status für die Teilnahme eine Rolle spielen, meinte Cantley gegenüber Science. Sollte die Therapie tatsächlich wirken, können sie auch bei Pankreaskarzinomen interessant sein, einem häufig durch KRAS-Mutationen angetriebenen Tumor, für den es bisher kaum therapeutische Optionen gibt. Die von Linus Pauling gemachten Erfahrungen zeigen jedoch, dass biologisch plausible Therapien, die in Tierversuchen gute Ergebnisse zeigen, sich in klinischen Studien nicht immer bewähren. © rme/aerzteblatt.de

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