Politik

Förderkonzept Medizininformatik: Starker Impuls für ein vernetztes Gesundheitssystem

Dienstag, 17. November 2015

Düsseldorf – Ein neues Förderkonzept Medizininformatik soll die Basis dafür schaffen, die Daten und das Wissen aus der Krankenversorgung einerseits und der medi­zi­nischen Forschung andererseits künftig besser zu verknüpfen. Auf der Medizinmesse Medica hat Bundesforschungsministerin Johanna Wanka das Förderkonzept vorgestellt. Das Ministerium will hierfür in der ersten Ausbaustufe, das heißt über einen Zeitraum von fünf Jahren, bis zu 100 Millionen Euro bereitstellen.

Derzeit würden Versorgungsdaten aus den Krankenhäusern und Forschungsdaten in der Regel nicht zusammengeführt, sondern das seien zwei unabhängige Systeme. „Die Daten liegen an unterschiedlichen Orten, sind isoliert, und haben unterschiedliche Formate. Wir vergeben große Chancen, weil wir diese beiden Bereiche nicht miteinander in Verbindung bringen können“, erläuterte Wanka.

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Im Bereich der IT habe Deutschland im internationalen Vergleich Nachholbedarf. „Da wollen wir nicht nur aufholen, sondern zeigen, dass wir besser werden können.“ Wanka verwies auf Untersuchungen der Europäischen Kommission zur Situation der Kliniken im europäischen Vergleich im Hinblick auf die IT-Ausstattung und Vernetzung. Danach verfügen lediglich zwei von drei deutschen Krankenhäusern über  elektronische Krankenakten. Nur etwa sechs Prozent der deutschen Krankenhäuser mit Akut­versor­gung sind mit anderen Akteuren im Gesundheitswesen vernetzt. In Dänemark oder Schweden seien das 50 Prozent der Kliniken.

Brücken zwischen Medizin und Informatik
Die Verbindung von der Informationswelt der Krankenversorgung mit der klinischen und der biomedizinischen Forschung sei jedoch aufgrund heterogener Datenformate und fehlender Standards nicht trivial. „Es fehlen bei uns die Brücken zwischen diesen Dateninseln“, so die Ministerin. Innovative IT-Lösungen sollen daher künftig den Austausch und die Nutzung von Daten aus den unterschiedlichen Bereichen über die Grenzen von Institutionen und Standorten hinweg ermöglichen.

Forscher und Ärzte sollen mit modernsten IT-basierten Methoden unterstützen werden, um die vorhandenen Datenmengen zu nutzen. „Dazu müssen die Daten aus der Forschung in anwendbares medizinisches Wissen übersetzt werden - wir wollen generell Translation. In der anderen Richtung müssen auch die Versorgungsdaten in den Forschungsprozess einfließen.“ Das Konzept richte sich in erster Linie an die Universi­tätskliniken, weil sie beide Komponenten in einer Einrichtung vereinen.  Darüber hinaus sollen sich die Kliniken Partner, etwa aus der IT, suchen.

Im Hinblick auf den Datenschutz sei ein Kulturwandel bei den Ärzten und Patienten erforderlich hinsichtlich der Bereitschaft, Daten zu teilen. „Das tut man natürlich nur, wenn klar ist, daraus entsteht ein Mehrwert“, meinte Wanka. Unabdingbare Voraussetzung für eine Förderung sei, dass die geltenden strengen datenschutzrechtlichen Standards und Rahmenbedingungen eingehalten werden.

Rahmenbedingungen für die Konsortien
Im ersten Schritt können sich Konsortien aus mindestens zwei Universitätskliniken und weiteren Partnern bis zum 31. März 2016 für das Förderprogramm bewerben. Die Konsortien müssen sich auf einheitliche Standards etwa für Datenformate, Schnittstellen, Datenschutz etc. verständigen. Ein nationales Steuerungsgremium, dem alle Konsortien angehören, soll dabei vermitteln.

Alle Einrichtungen, die gefördert werden, sollen „Datenintegrationszentren“ aufbauen, die die notwendigen technischen und organisatorischen Voraussetzungen für den Datenaustausch schaffen. Sie sollen sich vernetzen und als Schnittstellen für den Datenaustausch fungieren.

Es sollen IT-Lösungen für konkrete Anwendungen, etwa für seltene Erkrankungen,  entwickelt werden, um daran den Nutzen für Ärzte und Patienten zu demonstrieren. Dies sollen die Konsortien ein halbes Jahr vor dem Förderende bei einem extern durch­geführten Audit nachweisen.

Die Konsortien sollen zudem Verantwortung für die Stärkung der Forschung und für die Ausbildung von Medizininformatikern übernehmen. „Deshalb bieten wir jeder beteiligten Hochschule an: Wenn sie eine neue Professur für den Bereich Medizininformatik einrichtet, dann zahlen wir zwei Nachwuchsforschergruppen“, erklärte Wanka.

Langfristiges Konzept
Das Ziel sei, übertragbare Lösungen zu entwickeln. Der Austausch zwischen Daten der Versorgungs- und der Forschungseinrichtungen solle deutschlandweit stattfinden können. Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung bei den Daten seien von Anfang an notwendig, erläuterte die Ministerin. Die Passfähigkeit dieser Datensammlungen im In- und Ausland müsse gesichert werden. Standardisierung im internationalen Bereich sei dabei sehr wichtig.

Die Konsortien haben jetzt neun Monate Zeit, belastbare Konzepte zu entwickeln“, so Wanka.  Die überzeugendsten Konzepte werden von einem internationalen Gutachter­gremium  ausgewählt und haben dann vier Jahre Zeit für den Aufbau und die Vernetzung untereinander.  In einer zweiten Förderphase sollen die Konzepte dann flächendeckend umgesetzt werden. Diese Projektphase soll nicht mehr nur aus­schließlich vom Bundesforschungsministerium, sondern auch von weiteren Partnern, wie etwa Krankenkassen und Versicherungen, finanziell unterstützt werden. „Wir wollen einen starken Impuls setzen in ein digital vernetztes Gesundheitssystem  und möchten, dass zum Schluss viele davon profitieren“, betonte die Bundesforschungsministerin abschließend.

Die Initiative stößt sowohl bei den Universitätskliniken als auch bei den medizinischen Fakultäten auf große Zustimmung. „Wir sind derzeit in der Informationstechnologie in der universitären Medizin im internationalen Maßstab nicht wettbewerbsfähig. Standort­übergreifende Lösungen gibt es de facto gar nicht. Wir  haben nur eine sehr geringe Möglichkeit, die anfallenden Daten aus der Routineversorgung für Forschung zu nutzen“, erklärte der Präsident des Deutschen Fakultätentages, Heyo K. Kroemer, Göttingen. „Die früher relativ strikte Trennung zwischen Forschung und Versorgung kann ein ganz wesentliches Stück dadurch aufgehoben werden, dass solch ein Programm realisiert wird.“

Die infrastrukturell autarke Universitätsmedizin werde zudem in den nächsten zehn Jahren nicht mehr bezahlbar sein. Daher sei dies ein erster Schritt, überregionale Infrastrukturen in der Universitätsmedizin aufzubauen. Dies werde die Wettbewerbsfähigkeit sowohl in der Forschung als auch in der Krankenversorgung wesentlich erhöhen.   

„Aus Sicht der Kliniker und der Patienten kann ich klar sagen: Wir finden es toll, dass die Initiative startet, und zwar genau an dieser Nahtstelle zwischen Forschung und Krankenversorgung“, betonte auch Michael Albrecht, 1. Vorsitzender des Verbands der Universitätsklinika Deutschlands, Dresden. Potenziale lägen beispielsweise in der Onkologie und bei den großen Volkskrankheiten, da leuchte jedem ein, dass die Kenntnis über den Verlauf einer Krankheit und die Präzisionstherapie am Ende die Ergebnisse für den Patienten verbessern könne. © KBr/aerzteblatt.de

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