Medizin

Kaffeetrinker leben länger

Dienstag, 17. November 2015

Boston - Der tägliche Genuss von bis fünf Tassen Kaffee ist in drei großen prospektiven Beobachtungsstudien mit einem verminderten Sterberisiko assoziiert. Wer dabei auf Zigaretten verzichtet, darf einer Publikation in Circulation (2015; doi:10.1161/CIRCULATIONAHA.115.017341) zufolge auch bei einer höheren Tagesdosis auf einen Überlebensvorteil hoffen.

Kaffee ist das einzige Genussmittel, dem in epidemiologischen Untersuchungen immer wieder positive Auswirkungen auf die Gesundheit attestiert werden. Zu den belegten Vorteilen gehören laut Ming Ding von der Chan School of Public Health in Boston eine Schutzwirkung gegen den Typ 2-Diabetes und ein geringeres Risiko, an Leber- oder Endometriumkarzinomen zu erkranken. Prostatakrebs nimmt seltener einen tödlichen Verlauf. Kaffeetrinker bekommen auch seltener Basaliome, und sie erkranken weniger häufig an einem Morbus Parkinson. Das kam in einer Reihe anderer epidemiologischer Studien heraus, die alle den Makel haben, dass eine inverse Assoziation eine Kausalität nicht belegt, so dass Kaffeetrinker ihr Getränk auch in Zukunft nicht auf Rezept erhalten werden. Leitlinien werden das Getränk nicht als Medizin mit evidentbasierter Wirkung einstufen.

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Der einzige Schönheitsfehler in der Liste protektiver Wirkungen war eine vor zwei Jahren veröffentlichte Auswertung der Aerobics Center Longitudinal Study. Dort hatten starke Kaffeetrinker ein erhöhtes Risiko, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben (Mayo Clin Proc. 2013; 88: 1066-1074). Jüngere Männer und Frauen sollten nach Möglichkeit nicht mehr als vier Tassen Kaffee am Tag trinken, hatten die Autoren damals dringend empfohlen.

Diese Bedenken werden jetzt von Ding durch die gemeinsame Analyse von drei Beobachtungsstudien der Harvard Universität sozusagen vom Kaffeetisch gewischt. Die Forscher analysierten Daten zu drei großen laufenden Studien: die Nurses’ Health Study mit 74.890 Frauen; die Nurses’ Health Study 2 mit weiteren 93.054 Frauen und die Health Professionals Follow-up Studie mit 40.557 Männern. Alle drei Studien beobachten ihre Teilnehmer teilweise seit mehreren Jahrzehnten. Zusammen bringen es die Studien auf 4.690.072 Personen-Jahre mit 31.956 Todesfällen. Dies stellt die Aerobics Center Longitudinal Study mit 699.632 Personenjahren und gerade einmal 2.512 Todesfällen (bei den relativ jungen Teilnehmern der Kohorte) in den Schatten.

Weil Größe in epidemiologischen Studien zu vertrauenswürdigeren Ergebnissen führt, dürfen Kaffeetrinker ab sofort wieder unbesorgt zu ihrem täglichen Aufputschmittel greifen, das laut Ding mit einem längeren Leben assoziiert ist. In einer nicht-adjustierten Analyse waren bis zu fünf Tassen Kaffee am Tag mit einem verminderten Sterberisiko assoziiert. Bei einem höheren Konsum war kein Effekt feststellbar. Dies änderte sich, als Ding einen wichtigen Kofaktor berücksichtigte: Einige Menschen genießen zusammen den Kaffee bekanntlich mit einer Zigarette. Der Überlebensvorteil ist dann natürlich weg.

Für die Nichtraucher unter den Kaffeetrinkern, war auch bei höheren Kaffeedosierungen ein protektiver Effekt nachweisbar. Die Hazard Ratios (HR) waren nicht überragend: Eine Tasse senkt das Sterberisiko gerade einmal um 6 Prozent (HR 0,94; 0,89-0,99). Zwei bis drei Tassen bringen eine Reduktion um 8 Prozent (HR 0,92; 0,87-0,97) und bei vier oder fünf Tassen waren es sogar 15 Prozent (HR 0,85; 0,79-0,92). Ab einer Dosis von 6 Tassen sinkt das Sterberisiko um 12 Prozent (HR 0,88; 0,78-0,99). Alle Assoziationen waren statistisch signifikant, so dass ein Zufallsergebnis ausgeschlossen ist. 

Es  bleibt dennoch möglich, dass Ding übersehen hat, dass Kaffeetrinker zufälligerweise noch andere Gewohnheiten haben als das Kaffeetrinken, und dass diese Gewohnheiten ihre bessere Gesundheit erklären. Für den Epidemiologen Ding gibt es aber durchaus biologisch plausible Gründe, warum es der Kaffee ist, der die Lebenszeit verlängern könnte.

Kaffee enthält eine Vielzahl chemischer Substanzen, von denen einige eine medika­mentöse Wirkung haben könnten. Chlorogensäure, Lignane, Chinasäure-gamma-lacton (Chinid), Trigonellin und Magnesium in Kaffee könnten die Insulinresistenz senken und sich günstig auf Entzündungsparameter auswirken, vermutet Ding. Chlorogensäure könnte zudem die Glukoseabsorption im Darm mindern und die Glukosefreisetzung aus der Leber mindern. Der Koffeingehalt hat dagegen keinen Einfluss. Auch der Konsum von koffeinfreiem Kaffee war in den drei Kohorten mit einem verminderten Sterberisiko assoziiert. © rme/aerzteblatt.de

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