Medizin

Halluzinationen entstehen in bestimmter Hirnrinde

Mittwoch, 18. November 2015

Cambridge – Eine Entwicklungsstörung des Sulcus paracingularis, eine der letzten Hirnwindungen, die sich vor der Geburt herausbilden, könnte an der Entstehung von Halluzinationen beteiligt sein, unter der viele, aber nicht alle Patienten mit Schizophrenie leiden. Dies geht aus einer Studie in Nature Communications (2015; 6: 8956) hervor.

Der Sulcus paracingularis ist eine Furche im Bereich des präfrontalen Cortex, dem Entscheidungszentrum des Gehirns. Sie ist auf kernspintomographischen Aufnahmen gut zu erkennen und seine Ausdehnung kann von Mensch zu Mensch sehr stark schwanken. Bei einigen Menschen fehlt er auch ganz. Diesen Personen fehlt häufig der Realitätssinn („reality monitoring“). Sie können Dinge, die sie erlebt haben und solche, die sie sich nur ausgedacht haben, in der Erinnerung nicht oder nur schwer unter­scheiden. Dies hatte die Gruppe um Jon Simons von der Universität Cambridge in England in einer früheren Studie im Journal of Neuroscience (2011: 31: 14308-14313) herausgefunden. 

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Auch Menschen mit Schizophrenie wissen nicht, ob die optischen oder akustischen Phänomene, die sie wahrnehmen, echt sind oder nur Produkte ihres Denkens. Es lag deshalb nahe, die Gehirne von Schizophrenen zu untersuchen. Simons konnte dabei auf die Australian Schizophrenia Research Bank zurückgreifen, die kern­spintomo­graphiche Aufnahmen (MRT) des Gehirns von Patienten mit Schizophrenie macht.

Nicht alle Patienten leiden unter Halluzinationen, die nur eines von vielen Symptomen der Erkrankung sind. Das britische Forscherteam verglich jetzt die MRT-Aufnahmen von 79 Schizophrenie-Patienten mit, und von 34 Schizophrenie-Patienten ohne Halluzinationen. Außerdem lagen noch Aufnahmen von 54 gesunden Probanden aus einer früheren Untersuchung vor.

Ergebnis: Patienten mit Schizophrenie hatten häufig einen verkürzten Sulcus para­cingularis. Besonders ausgeprägt war der Unterschied jedoch zwischen den Patienten mit und ohne Halluzination. Die Verkürzung um 1 Zentimeter erhöhte laut Berechnungen von Simons die Wahrscheinlichkeit auf Halluzination um 19,9 Prozent, wobei es Unterschiede zwischen der linken und der rechten Hemisphäre gab. Links ist der Sulcus paracingularis bei den meisten Menschen länger als rechts. Die Verkürzung war bei Schizophrenie-Patienten besonders ausgeprägt.

Simons deutet die verkürzte Furche (Sulcus) als indirekten Hinweis auf eine Ver­größerung beziehungsweise Vergröberung der benachbarten Hirnwindungen (Gyri). Dort könnte es zu einer Entwicklungsstörung gekommen sein, über deren Natur die Studie keine Aussagen zulässt. Die Untersuchung gehört aber zu einer Reihe von Studien, die in den letzten Jahren nach strukturellen Veränderungen im Gehirn von Patienten mit Psychosen suchen, um der Erkrankung, die derzeit nur klinisch aufgrund der Angaben der Patienten gestellt werden kann, eine morphologische Basis zu geben. © rme/aerzteblatt.de

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