Medizin

Kinder mit Krebs haben häufig genetische Krebsrisiken

Freitag, 20. November 2015

Memphis - Die derzeit noch aufwendige und kostspielige Genomsequenzierung hat in einer größeren Kohorte von Kindern mit pädiatrischen Krebserkrankungen häufig Genvarianten entdeckt, die (auch) für Krebserkrankungen im Erwachsenenalter verantwortlich sind. Die im New England Journal of Medicine (2015; doi: 10.1056/NEJMoa1508054) vorgestellten Ergebnisse versprechen neue Einblicke in die Pathogenese und möglicherweise eine Weichenstellung für eine intensivierte Krebsvorsorge.

Krebserkrankungen im Kindesalter sind häufig genetisch bedingt. Nach der “Two Hit”-Hypo­these werden die Kinder bereits mit einer Mutation geboren. Zum Krebs kommt es, wenn in einer Zelle eine zweite Mutation auftritt. Sie wird dann der Ausgangspunkt des Malignoms, das dann beide Mutationen aufweist. Für die wenigsten pädiatrischen Krebserkrankungen sind jedoch die verantwortlichen Mutationen bekannt. Ein Team um James Downing vom St. Jude Children's Research Hospital in Memphis/Tennessee hat deshalb bei 1.120 Patienten, die vor dem 20. Lebensjahr an Krebs erkrankt waren, eine Inventur des Erbguts vorgenommen.

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Bei etwa der Hälfte der Teilnehmer wurde das gesamte Genom, bei den anderen nur die ein bis zwei Prozent sequenziert, in denen die Baupläne der Proteine gespeichert sind. Bei der Auswertung der Daten konzentrierte sich das Team dann auf 60 Gene, in denen Mutationen bekanntermaßen Krebs auslösen können. Dies war keine geringe Aufgabe, da die Genetiker bei jeder Mutation entscheiden mussten, ob sie die Bildung der korrekten Version des Genes beeinflusst oder nicht. Einige Punktmutationen verändern die Abfolge der Aminosäuren im Protein nicht, andere können das Leseraster ändern oder die Umsetzung in den Ribosomen vorzeitig abbrechen.

Die Forscher fanden 633 Genvarianten, von denen sie 78 als sicher pathogen und 17 als wahrscheinlich pathogen einstuften. Damit trugen insgesamt 95 Patienten oder 8,5 Prozent aller 1.120 Teilnehmer der Studie Gene, die möglicherweise den ersten „Hit“ für ihren Tumor darstellen. Bei zwei Dritteln der Krebserkrankungen war in anderen Studien bereits der zweite „Hit“ in den Tumorzellen nachgewiesen worden. Die Studie bestätigt demnach einmal mehr die „Two Hit“-Hypothese.

Zur Überraschung der Genetiker wurden bei den Kindern jedoch nicht nur Mutationen gefunden, die für pädiatrische Tumore verantwortlich gemacht werden. Einige Teilnehmer hatten auch Mutationen in Genen wie BRCA1, BRCA2 oder PALB2, die typischerweise das Krebsrisiko im Erwachsenenalter erhöhen. Es ist nicht klar, ob diese Gene auch an der Entwicklung der pädiatrischen Tumore beteiligt waren, die Forscher können es sich allerdings vorstellen.

Ein weiterer überraschender Befund war, dass nur etwa die Hälfte aller Kinder mit den prädisponierenden Mutationen im Erbgut weitere Krebserkrankungen in der Familie hatten, wie dies eigentlich zu erwarten gewesen wäre. Hier vermuten die Forscher, dass die Familienanamnese vieler Patienten nicht sorgfältig genug erhoben wurde.

Die Studie könnte deshalb eine Motivation für pädiatrische Onkologen sein, sich bei den Eltern genauer als bisher nach Krebserkrankungen zu erkundigen und dabei auch nach Tumoren wie Brustkrebs fragen, die durch die neu entdeckten Mutationen ausgelöst werden können. Eine andere Konsequenz könnte die Einführung von Erbgut-Analysen bei allen Kindern mit pädiatrischen Tumoren sein. Dies ist im Moment noch zu kostspielig.

Wenn die Preise für die Sequenzierung aber weiter fallen, wie allgemein erwartet wird, könnte dieses Thema aktuell werden. Eine weitere Konsequenz könnte darin bestehen, den Überlebenden der pädiatrischen Erkrankungen eine intensivierte Krebsvorsorge anzubieten. Dies wird bereits heute diskutiert, da viele Patienten bereits aufgrund der Radio- und Chemotherapie ein erhöhtes Risiko von weiteren Krebserkrankungen haben. Die Genom-Analyse könnte künftig anzeigen, nach welchen Tumoren gesucht werden sollte. © rme/aerzteblatt.de

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