Medizin

Immunsystem: Wie Einsamkeit die Gesundheit gefährdet

Mittwoch, 25. November 2015

Chicago – Einsamkeit ist mehr als ein Gefühl: Epidemiologische Studien haben ergeben, dass soziale Isolation die Gesundheit gefährden kann und sogar das Sterberisiko leicht erhöht. Eine Studie in den Proceedings of the National Academy of Sciences (2015; doi:10.1073/pnas.1514249112) zeigt, welche immunologischen Mechanismen daran beteiligt sein könnten.

Der Hirnforscher John Cacioppo von der Universität Chicago untersucht die Folgen der Einsamkeit an Menschen und Tieren. Bei der ersten Gruppe handelte es sich um 141 Teilnehmer der Chicago Health, Aging, and Social Relations Study (CHASR), die in einem Fragebogen, dem UCLA Loneliness Scale score, ein erhöhtes Maß an sozialer Isolierung (perceived social isolation, PSI) angegeben hatten.

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Bei den Versuchstieren handelt es sich um Rhesusaffen des California National Primate Research Center in San Diego. Hier hatten die Forscher aus dem Verhalten der Tiere auf das Ausmaß der Vereinzelung geschlossen. Die Forscher beurteilten, ob die Tiere die Gemeinschaft anderer Tiere suchten oder vermieden und wie sie auf Videos reagierten, die harmlose Jungtieren und erwachsene Affen, also potenzielle Rivalen, zeigten.

Bei den Menschen wurden Blutproben untersucht. Cacioppo interessierte sich hierbei vor allem für die Aktivität von Genen, die das Immunsystem steuern. Frühere Untersuchungen hatten gezeigt, dass es bei einsamen Menschen zu einem Phänomen kommt, das Cacioppo als "conserved transcriptional response to adversity“ (CTRA) bezeichnet.

Gemeint ist die beständige Expression, sprich Aktivierung von Genen, die durch feindliche Situationen ausgelöst werden. Einsame Menschen reagieren hier besonders empfindlich. Die CTRA hat zwei Komponenten. Zum einen werden Gene aktiviert, die eine Entzündungsreaktion veranlassen.

Zum anderen werden Gene, die eine Interferon-Antwort auf Virusinfektionen vermitteln, gebremst. Beides könnte erklären, warum einsame Menschen anfälliger für Krankheiten sind, was das in epidemiologischen Studien beobachtete erhöhte Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko erklären könnte. In der aktuellen Studie untersuchte Cacioppo zudem den Einfluss der Einsamkeit auf die Monozyten im Blut.

Zunächst bestätigten die Untersuchungen, dass Einsamkeit zu einer CTRA-Antwort des Immunsystems führt. Gleichzeitig war auch die Konzentration von Monozyten im Blut gesteigert. Da die Teilnehmer von CHASR im Verlauf der Jahre mehrere Blutproben abgegeben hatten, konnte Cacioppo den zeitlichen Ablauf rekonstruieren. Diese Befunde, die später durch die Untersuchung der Rhesus-Affen bestätigt wurden, ergaben folgendes Bild: Die Einsamkeit, die als Stress empfunden wird, führt zunächst zu einer Aktivierung des Sympathikus. Die Stresshormone steigern die Bildung von unreifen Abwehrzellen im Knochenmark.

Da die Monozyten unreif sind, können sie zwar eine entzündliche Reaktion im Körper auslösen. Sie bleibt jedoch gegenüber echten Gefahren, etwa einer Virusinfektion, stumpf. Dies erklärt, warum die vermehrte Bildung von Glukokortikoiden, die normaler­weise die Infektabwehr steigert, wirkungslos bleibt. Bei den Rhesus-Affen war sogar die Reaktion des Immunsystems auf eine Infektion mit SI-Viren, dem Pendant zu HI-Viren, eingeschränkt.

Die Forscher fanden sogar Hinweise, dass die insuffiziente Immunreaktion die Einsamkeit weiter verstärkt. Es könnte zu einem Kreislauf kommen, an dessen Ende dann Krankheit und ein vorzeitiger Tod stehen. Das Team will dies in weiteren Untersuchungen an älteren Erwachsenen klären. © rme/aerzteblatt.de

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