Medizin

England: Mehr Geburts­komplikationen am Wochenende

Mittwoch, 25. November 2015

London. Die Geburtskliniken des staatlichen Gesundheitsdienstes (NHS) in England haben ein Wochenend-Problem. Laut den Ergebnissen einer bevölkerungsweiten Studie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2015; 351: h5774) kommt es am Samstag und Sonntag zu einem Anstieg der perinatalen Todesfälle und der mütterlichen Infektionen.

Ein „weekend effect“ konnte in den letzten Jahren für verschiedene Krankheiten aufgezeigt werden. Die erhöhte Mortalität bei schweren Erkrankungen wird in der Regel auf die schlechtere personelle Besetzung an den Wochenenden zurückgeführt. Ob auch die Geburtshilfe betroffen ist, bei der Todesfälle heute sehr selten geworden sind, wurde bisher nicht genau untersucht. 

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William Palmer und Mitarbeiter vom Imperial College London haben deshalb die administrativen Daten des National Health Service ausgewertet. Er erfasst nicht nur alle Geburten des Landes – Hausgeburten oder von Hebammen geführte Geburtshäuser sind in England selten. Palmer konnte auch herausfinden, ob Mütter und Kinder in der Woche nach der Geburt erneut behandelt werden mussten und ob Säuglinge in dieser Zeit gestorben sind. Die perinatale Mortalität gilt allgemein als anerkanntes Kriterium für die Versorgungsqualität in der Geburtshilfe. Von den Kliniken wird erwartet, dass sie an sieben Tagen in der Woche eine gleich gute Arbeit abliefern. 

Dies ist nach den Ergebnissen der Forscher möglicherweise nicht der Fall. Die perinatale Mortalität, die unter der Woche bei 6,5 pro 1.000 Neugeborenen lag, stieg am Samstag und Sonntag auf 7,1 pro 1.000 Neugeborene an. Der Unterschied mag gering erscheinen. Er bedeutet aber, dass pro Jahr in England schätzungsweise 770 Kinder (95-Prozent-Konfidenzintervall: 720-830) sterben, weil sie am Wochenende geboren wurden. Insgesamt sterben in England jedes Jahr 4.500 von etwa 675.000 Kinder in den ersten sieben Tagen nach der Geburt. 

Auch Infektionen der Mutter („Wochenbettfieber“) traten nach einer Geburt am Wochenende häufiger auf. Palmer ermittelte einen Anstieg der Häufigkeit von 0,82 auf 0,87 Prozent, was landesweit 470 (430-510) zusätzlichen Infektionen entspricht, vor einem Hintergrund von 5.569 Infektionen bei 666.400 Müttern pro Jahr.

Palmer hat versucht, die Gründe für den Anstieg von perinataler Mortalität und maternaler Morbidität zu ermitteln. Die naheliegende Vermutung, dass die geringere personelle Besetzung am Wochenende dafür verantwortlich ist, konnte der Forscher jedoch nicht belegen. Die einzige Komplikation, die an Kliniken mit einer ausreichenden Besetzung und solchen mit personeller Unterversorgung auftrat, war ein leichter Anstieg der Dammrisse von 3,0 auf 3,3 Prozent. Die eigentliche Ursache für den „weekend effect“ bleibt deshalb weiter unbekannt. © rme/aerzteblatt.de

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