Ausland

Griechenland: Krankenhäuser in der Sackgasse

Donnerstag, 26. November 2015

Athen – Die andauernde Sparpolitik und die Verarmung breiter Teile der Bevölkerung verschärfen die Lage in den öffentlichen Krankenhäusern in Griechenland. Denn nur dort kann sich die steigende Zahl der Menschen, die mit ihrer Arbeit auch ihre Krankenversicherung verloren haben, kostenfrei medizinisch behandeln lassen. Nach aktuellen Daten sind inzwischen 50 bis 70 Prozent der Griechen auf diese Art der Versorgung angewiesen.

„Die Lage ist dramatisch“, sagt Panagiotis Pantelis, Vizepräsident der panhellenischen Föderation der Arbeitnehmer und Beschäftigten in öffentlichen Krankenhäusern (Poedin) gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Er macht dafür zum Teil die Vereinbarungen mit den internationalen Geldgebern verantwortlich, die deutliche Kürzungen der Klinikbudgets gefordert hatten. Standen früher rund 2,9 Milliarden Euro jährlich für die öffentlichen Krankenhäuser zur Verfügung, seien es jetzt gerade einmal 1,3 Milliarden Euro. Pantelis hält es für möglich, dass dieser Betrag unter die 800 Millionen-Euro-Marke fallen könnte. Dieser Rückgang schaffe zusammen mit dem eingeschränkten Zugang zum Gesundheitssystem eine explosive Situation in den öffentlichen Krankenhäusern.

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Mangel an Ärzten und Pflegepersonal
Nach Ansicht von Pantelis stellt auch der Mangel an Ärzten und Pflegepersonal ein großes Problem für die öffentlichen Kliniken dar. Jüngste Statistiken belegten, dass im Vergleich zu 2005 die Zahl der Pflegekräfte um 50 Prozent gesunken sei. Das beeinträchtige die Arbeitsbedingungen schwer. Dazu komme, dass in den vergangenen fünf Jahren mehr als 18 000 Pflegekräfte und rund 5 000 Ärzte das Land auf der Suche nach einer besseren beruflichen Zukunft verlassen hätten.

Von knapp 11 000 Facharztstellen in öffentlichen Krankenhäusern seien 3 000 nicht besetzt. Pantelis spricht von Überlastung und häufigen Überstunden, die schlecht und meist mit Verspätung bezahlt werden: „Für nächtliche Überstunden erhalten die Ärzte gerade einmal 13 Euro die Stunde.“ Diejenigen Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger, die angesichts solcher Arbeitsbedingungen im Land blieben, könne man durchaus als Helden bezeichnen.

Die neugewählte Regierung unter Premierminister Alexis Tsipras hat unterdessen angekündigt, die Situation in den öffentlichen Krankenhäusern zu verbessern und unter anderem neue Stellen zu schaffen. Pantelis zeigt sich skeptisch. Seit dem Memorandum von 2010, in dem sich Griechenland mit seinen internationalen Gläubigern auf Reformen im Gesundheitswesen verständigt habe, sei keine einzige zusätzliche Stelle geschaffen worden. Die Regierung habe vieles versprochen, aber bisher nichts realisiert. „Wir hoffen dennoch darauf, dass wir die Lage verbessern können, wenn mehr Geld für Personal zur Verfügung steht.“

Die Zahl der Nichtversicherten steigt
In den öffentlichen Krankenhäusern seien aufgrund des Personalmangels mindestens 150 Intensiv-Betten außer Betrieb. „Das kostet schätzungsweise jährlich 2 500 Menschen das Leben“, meint Pantelis, obwohl die Regierung mit den Privatkranken­häusern eine Vereinbarung getroffen habe, den Mangel an Intensiv-Betten im öffentlichen Bereich zu kompensieren. Doch die Mehrheit der Griechen kann sich weder eine private Krankenversicherung leisten noch medizinische Leistungen aus eigener Tasche bezahlen. Stattdessen greifen die meisten auf die unentgeltlichen Leistungen des öffentlichen Gesundheitssystems zurück. „Hier ist die Regierung gefordert. Sie muss einen nachhaltigen Plan für die Rettung der öffentlichen Krankenhäuser entwerfen“, fordert Pantelis.

Derweil steigt die Zahl der Nichtversicherten ebenso wie die der Arbeitslosen und der Obdachlosen. Und Tausende von Flüchtlingen, die täglich nach Griechenland gelangen, verschärfen die Situation zusätzlich. © fs/aerzteblatt.de

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