Politik

Transplantations­medizin: Flächendeckende Überprüfung der Programme abgeschlossen

Donnerstag, 26. November 2015

Berlin – Die Überprüfung aller Transplantationszentren und -programme durch die Überwachungskommission und Prüfungskommission, die gemeinsam von Bundesärz­tekammer, Deutscher Krankenhausgesellschaft und GKV-Spitzenverband getragen werden, ist jetzt für den Zeitraum vor dem Skandal in der Transplantationsmedizin abgeschlossen. Die Kommissionen haben alle 46 Transplantationszentren beziehungs­weise 126 Transplantationsprogramme in Deutschland für den Zeitraum der Jahre 2010 bis 2012 – also noch vor den gesetzlichen Änderungen in der Transplantationsmedizin –überprüft und heute ihren Jahresbericht 2014/2015 zur flächendeckenden Prüfung der Herz-, Lungen-, Nieren- und Pankreastransplantationsprogramme vorgelegt.

In der kommenden Prüfperiode soll die Öffentlichkeit statt der Jahresberichte regel­mäßig und anlassbezogen informiert werden. „Ein neues Zeitalter der Transplantations­medizin ist angebrochen“, sagte Hans Lilie, Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer, mit Verweis auf die verschiedenen neuen Kontrollsysteme in den Transplantationszentren, die mittlerweile greifen.

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Für den Zeitraum 2010 bis 2012 fanden Prüfungskommission und Überwachungs­kommission im Bereich der Nierentransplantationen keine Anhaltspunkte für syste­matische Richtlinienverstöße oder Manipulationen, sondern lediglich vereinzelte Dokumentationsfehler. Auch bei den Pankreas– und kombinierten Nieren-Pankreas­transplantationen stellten sie keine Auffälligkeiten fest.

Systematische Manipulationen
Die Prüfungen der Herztransplantationsprogramme zeigten zwar auch, dass der überwiegende Teil der Transplantationszentren ordnungsgemäß und korrekt gearbeitet hat. „Bei den nachgängigen Prüfungen des Deutschen Herzzentrums Berlin und der Herzchirurgischen Klinik und Poliklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München – Campus Großhadern fanden wir jedoch systematische Manipulationen und Auffällig­keiten“, sagte die Vorsitzende der Prüfungskommission, Anne-Gret Rinder, bei der Vorstellung des Jahresberichts in Berlin. 

Die Prüfungen seien in der vorangegangenen Prüfperiode begonnen und nun abgeschlossen worden. In drei weiteren Zentren seien in dieser Prüfperiode systematische Richtlinienverstöße und Manipulationen festgestellt worden, und zwar am Universitätsklinikum Heidelberg, dem Universitätsklinikum Jena und dem Universitäts­klinikum Köln-Lindenthal.

Bei den Prüfungen der Lungentransplantationsprogramme sei allerdings eine Vielzahl an Auffälligkeiten festgestellt worden, sagte Rinder. Diese seien aber in den meisten Fällen auf Versehen, Unkenntnis oder mangelnde Sorgfalt zurückzuführen gewesen. Allerdings wurden beim  Universitätsklinikum Jena und der Ludwig-Maximilians-Universität München systematische Richtlinienverstöße und Manipulationen festgestellt.

Maßnahmen greifen
Dennoch zog Rinder eine positive Bilanz: „Nach Bekanntwerden des Göttinger Transplantationsskandals im Sommer 2012 haben Politik und Selbstverwaltung ein ganzes Maßnahmenbündel für mehr Kontrolle und Transparenz in der Transplantations­medizin auf den Weg gebracht. In vielen Transplantationszentren ist ein Struktur- und Kulturwandel erkennbar. Heute können wir sagen, dass diese Maßnahmen greifen“, betonte sie. 

Das Gespräch mit Anne-Gret Rinder und Hans Lippert: Vertrauen schaffen durch Transparenz

Die Manipulationen bei der Vergabe von Organen haben das Vertrauen in die Transplantationsmedizin schwer beschädigt. Die beiden kontrollierenden Kommissionen stehen für Aufklärung. Es ist ein Mammutprogramm, das die Juristin Anne-Gret Rinder und der Chirurg Prof. Dr med. Dr. h.c. Hans Lippert hinter sich haben. Seit 2012 haben sie mit ihren Kommissionen alle 47 Transplantationszentren in

Dabei verwies Rinder auf die verschärften Vor-Ort-Prüfungen aller Herz-, Lungen-, Lebern-, Nieren- und Pankreastransplantationsprogramme, bei denen die Kommissionen in den vergangenen drei Jahren mehr als 4.300 Krankenakten aus den Jahren 2010 bis 2012 durchgearbeitet hätten.

Positiv wirkten sich aber auch das 2012 eingeführte Mehraugenprinzip bei der Anmeldung von Wartelistenpatienten und die interdisziplinären Transplantations­konferenzen aus. Seit November 2012 könnten sich zudem Bürger und Mitarbeiter aus dem Gesundheitswesen zudem an die unabhängige Vertrauensstelle Transplantations­medizin wenden und dieser Hinweise auf Auffälligkeiten mitteilen. „Dabei ist auch die Möglichkeit einer anonymen Kontaktaufnahme vorgesehen“, sagte Ruth Rissing-van Saan, Leiterin der Vertrauensstelle. Die Zusammenarbeit mit den Landesministerien, die als Aufsicht der Transplantationszentren verbindlich in die Kontrollen einbezogen sind, funktioniere ebenfalls reibungslos, ergänzte Hans Lippert, Vorsitzender der Überwachungskommission.

Konstruktive Zusammenarbeit mit dem Bundesgesundheitsministerium
Lilie wies darauf hin, dass die verschärften Prüfungen der Kommissionen nicht nur einen Kulturwandel in den Krankenhäusern angestoßen hätten, sondern deren Ergebnisse auch in die Richtlinienarbeit der Ständigen Kommission Organtransplantation einflössen. Auch die Zusammenarbeit mit dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) sei „konstruktiv und vertrauensvoll“.  Dieses muss seit Herbst 2013 die Richtlinien der Ständigen Kommission genehmigen. 

Lilie verwies dabei auf die überarbeitete Richtlinie für die Wartelistenführung und Organvermittlung zur Lebertransplantation, die aufgrund der überarbeiteten Regelung zur Alkoholabstinenz auf ein erhöhtes öffentliches Interesse gestoßen war. „Das BMG hatte die Richtlinie zur verfassungsrechtlichen Absicherung ans Bundesministerium für Justiz zur Überprüfung gegeben. Die Richtlinie konnte kürzlich unverändert genehmigt werden“, betonte Lilie. © ER/aerzteblatt.de

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