Politik

„In Deutschland gibt es zu viele zu wenig spezialisierte Krankenhäuser“

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Berlin – Seit vergangenem Jahr ist Jonas Schreyögg Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitssystem. Der Universitätsprofessor erklärt im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt, warum sich die Qualität der Leistungen in deutschen Krankenhäusern verbessern wird und warum er nichts davon hält, Krankenhausbetten pauschal abzubauen.

Fünf Fragen an Jonas Schreyögg, Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehrer an der Universität Hamburg

DÄ: Die Zahl der Krankenhausbetten im deutschen Gesundheitssystem wird immer nur aus Kosten­gesichtspunkten bewertet. Kann sie nicht gleichzeitig ein Qualitätsmerkmal sein?
Schreyögg: Für den Leistungsprozess ist die Zahl der Betten zunächst ein Input. Die Zahl der Betten könnte damit höchstens als Parameter für Strukturqualität gesehen werden. Aber viel muss nicht unbedingt gut sein. Zur Prozess- und vor allem zur Ergebnisqualität, auch zur Indikationsqualität der stationären Versorgung wissen wir aber in Deutschland zu wenig. Deshalb gehen viele der im KHSG geplanten Maßnahmen genau in die richtige Richtung: mehr Transparenz zu schaffen.

DÄ: Wie bewerten Sie die Pläne der Bundesregierung zum Abbau von Krankenhausbetten?
Schreyögg: Der Strukturfonds kann sicherlich zu zusätzlichen Impulsen zur Veränderung der Versorgungsstruktur führen. Ich erwarte vor allem, dass er dazu beiträgt, Krankenhäuser auf dem Land zu verkleinern oder in „Stabilisierungseinheiten“ umzuwandeln. Sicherlich werden auch einige Krankenhäuser geschlossen werden. Es darf allerdings bezweifelt werden, dass der Strukturfonds in der Lage ist, die notwendige Umwandlung oder Schließung von vielen ländlichen Krankenhäusern, vor allem in der Nähe von Ballungszentren, tatsächlich im großen Stile zu befördern.

Das Kernproblem, dass Landräte die Befürchtung haben, bei Schließung eines Krankenhauses, das nicht selten zu den größten Arbeitgebern in einer Region zählt, nicht wiedergewählt zu werden, kann dadurch nicht beseitigt werden. Hinzu kommt, dass im derzeitigen Krankenhausmarkt die Privatisierungserlöse infolge der geringen Anzahl an stattfindenden Privatisierungen sehr hoch sind – zu hoch für den Struktur­fonds. Es ist demnach naheliegend, dass sich ein Landkreis eher für den Erhalt eines Krankenhauses entscheidet und dieses privatisiert, da dies zugleich zur Haushalts­sanierung beitragen kann.

DÄ: Wie hoch sind aus Ihrer Sicht die Überkapazitäten im stationären Bereich? Wie viele Krankenhausbetten müssten also noch abgebaut werden?
Schreyögg: Diese Frage kann keiner solide beantworten. Man kann nur analog von der Situation in anderen europäischen Staaten auf die Veränderungserfordernisse in Deutschland schließen. Es ist auffällig, dass andere Staaten eine bessere Arbeitsteilung zwischen Krankenhäusern in Ballungszentren und dem Land haben, zum Beispiel Frankreich oder die skandinavischen Länder.

Komplexe Notfälle werden auf dem Land stabilisiert und – wenn möglich – in hochspezialisierte Krankenhäuser in Ballungszentren transportiert. In Deutschland existieren hingegen oft zu viele zu wenig spezialisierte Krankenhäuser in der Peripherie von Ballungszentren. Ich halte aber nichts von der Forderung, pauschal Betten abzubauen, sondern es muss jeweils gemäß der regionalen Situation entschieden werden, wie eine optimale Versorgungsstruktur in Zukunft aussehen sollte.

DÄ: Wenn Sie das Thema Qualität von medizinischen Leistungen im Krankenhaus betrachten: Wie lange wird es dauern, bis erste Abteilungen von Krankenhäusern schließen müssen, da es dort nach den vom Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTiG) entwickelten Qualitätskriterien keine gute medizinische Leistung gibt?
Schreyögg: Die im KHSG avisierten Maßnahmen haben bereits durch die Ankündigung von Konsequenzen in vielen Krankenhäusern einen Prozess angestoßen, der zu einer Qualitätsverbesserung führen wird. Diesen so genannten Ankündigungseffekt kennen wir aus anderen Politikinterventionen im Gesundheitswesen. Sobald die Kriterien feststehen, werden weitere Prozesse in den betreffenden Krankenhäusern initiiert werden. Daher glaube ich nicht, dass es viele Abteilungen sein werden, die anhaltend so schlechte Qualität erbringen, dass sie schließen müssen.

DÄ: Wie schätzen Sie den Erfolg der Qualitätskriterien des IQTiG ein, wenn jedes Bundesland beziehungsweise die entsprechenden Aufsichtsbehörden laut Gesetz noch festlegen können, ob jene Qualitätskriterien für sie zutreffen?
Schreyögg: Sie beziehen sich dabei auf die Qualitätskriterien für die Krankenhaus­planung. Hier stattet das KHSG die Bundesländer mit einem völlig neuen Gestaltungs­spielraum aus. Man muss sehen, dass in vielen Bundesländern die Krankenhaus­planung de facto an Bedeutung verloren hatte. Das Bett hat seinen Stellenwert als kapazitäre Planungsgröße überwiegend verloren.

Personal ist oft die relevantere Restriktion aus Sicht eines Krankenhauses und die wird kaum durch das Land beeinflusst. Daher bin ich zuversichtlich, dass viele Bundesländer die neu erhaltenen Gestaltungsspielräume nutzen werden. Vielleicht bedarf es einer ersten Anlaufphase, in der einige Bundesländer abwarten und andere beobachten. Die neuen Kriterien werden sich aber früher oder später durchsetzen. Qualitätsorientierte Krankenhausplanung ist doch in vielen anderen Staaten, unter anderem in Dänemark oder Österreich, längst etabliert. © fos/bee/aerzteblatt.de

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Dr. Helmut Müller
am Samstag, 5. Dezember 2015, 10:37

Äpfel und Birnen

Es ist immer wieder die unredliche Diskussion: Wenn die Kliniklandschaften im Ausland (hier Frankreich und Skandinavien) für Vergleiche bemüht werden, dann sollte auch fairerweise auf die dort regelhaften Wartezeiten für elektive Eingriffe verwiesen werden. Diese bei uns sehr kurzen Zeiten und die Bürgernähe mit kurzen Wegen werden von den Ökonomen in ihren Erörterungen leider viel zu wenig berücksichtigt. Und: Hat irgendjemand eigentlich schon einmal die Bürger zu ihren Wünschen befragt?
SOCO10
am Donnerstag, 3. Dezember 2015, 20:20

Spezialisierte Krankenhäuser

Mir kommen jedes mal die Tränen, wenn Borreliose-Patienten nach einem Krankenhaus fragen, weil sie sich dort besser aufgehoben fühlen, als bei einem niedergelassenen Arzt. Dass ihr Weg dort von der Internistischen Abteilung in die Psychiatrie ganz kurz ist, merken sie erst, wenn sie dort sind. Ja, wir brauchen Krankenhäuser, die Lyme-Borreliose ernst nehmen.
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